Das Meisterstück der Skilanglauf-Staffel

Heute vor 40 Jahren hat die DDR in Falun Gold bei der WM gewonnen. Drei Klingenthaler waren am bislang einzigen Titelgewinn eines deutschen Männer-Quartetts bei einem Großereignis beteiligt. Sie erinnern sich an ein dramatisches Rennen.

Klingenthal.

Als Startläufer Jens Filbrich vorige Woche beim olympischen Staffelrennen von Sotschi bereits auf der ersten Runde zu Fall kam, waren Gert-Dietmar Klause die Geschehnisse vom 21. Februar 1974 in Falun sofort wieder allgegenwärtig. Denn auch die Geschichte vom historischen Staffelsieg bei der WM in Schweden kam nicht ohne Sturz aus. So schaute Schlussläufer Gert-Dietmar Klause vom damaligen SC Dynamo Klingenthal entsetzt drein, als nicht etwa der Oberhofer Gerhard Grimmer als Führender zum letzten Wechsel kam, wie es die Trainer per Funk angekündigt hatten, sondern der Norweger.

Attacke am Mörderberg

Das schwedische Fernsehen hatte zwar erstmals auch Kameras auf der Strecke postiert, doch an eine Live-Übertragung in das mit mehr als 50.000 Zuschauern gefüllte Skistadion war noch nicht zu denken. Die meisten hätten ihren Augen ohnehin nicht getraut. Denn dass Grimmer an der gleichen Stelle stürzt, an der er schon im 15-km-Einzelrennen die entscheidenden Zehntel im Kampf um Gold verloren hatte, war schier unglaublich. So ging Gert-Dietmar Klause 15 Sekunden hinter Odvar Braa auf die letzte 10-km-Schleife. Es klingt, als sei die WM erst ein paar Tage her, wenn er davon erzählt: "Ich habe schnell gemerkt, dass Braa nicht den besten Tag hatte und bin Meter um Meter herangekommen. Als ich am legendären Mörderberg attackierte, hatte er nichts entgegenzusetzen."

In Sack und Tüten war der Titel für die DDR-Staffel, die 1970 mit Platz 2 bei der WM in Strbske Pleso erstmals in die Phalanx der Skandinavier und der Sowjetunion eingedrungen war, aber noch nicht. Denn der Russe Juri Skobow lief ein Klasserennen und immer näher zu Klause auf. Bei Kilometer 8 spürte der Führende den Atem des Verfolgers im Nacken. "Ich habe versucht, das Tempo zu erhöhen, bin aber verkrampft. Da war einfach kein Zug mehr dahinter, und er bekam hinten die zweite Luft", berichtet Klause.

Über die richtige Taktik auf der Zielgeraden musste er sich dann aber doch keine großen Gedanken machen. Denn an der gleichen Stelle gut 900 m vor dem Ziel, wie Gerhard Grimmer verlor auch Skobow den Halt auf seinen Skiern. Kurz darauf lag sich der Klingenthaler mit seinen Vereinskameraden Gerd Heßler und Dieter Meinel sowie Grimmer in den Armen.

"Das Warten an der Strecke hat mich oft mehr mitgenommen als mein Rennen selbst", sagt Startläufer Heßler, der als Dritter zum Wechsel kam. Er erinnert sich: "Nach den Ergebnissen im Einzel hatten wir mit einer Medaille geliebäugelt. Aber Gold war eine Überraschung." Kein Wunder: Bei Olympia 1972 kamen die Ostdeutschen mit fünf Minuten Rückstand auf Platz 6.

Der Jüngste trumpft groß auf

Am unruhigsten hatte vor dem Staffelrennen der Youngster geschlafen. Da der etatmäßig an zweiter Position laufende Axel Lesser (Oberhof) verletzungsbedingt passen musste, kam mit Dieter Meinel ein dritter Mann aus der starken Klingenthaler Trainingsgruppe von Erich Ast zum Einsatz. "Mir war klar, dass ich der Knackpunkt sein könnte. Von daher habe ich das dann doch ganz ordentlich gelöst", sagt er. In der Tat: Er lief das Quartett zur Hälfte des Rennens auf Rang 2 vor.

Zu der Zeit waren die favorisierten Schweden schon gar nicht mehr im Rennen. "Viele sind damals gerade auf Plaste-Ski aus Österreich umgestiegen. Wir wurden extra darauf hingewiesen, dass wir die Bindung nicht nur verschrauben, sondern zusätzlich verleimen müssen. Das haben die Schweden nicht mitbekommen oder nicht ernst genommen", erzählt Gert-Dietmar Klause. So stand Startläufer Larsson schon nach wenigen Metern ohne Ski da.

Für das DDR-Team von Nationaltrainer Hannes Braun dagegen passte vor 40 Jahren einfach alles. Und der Teamgeist hält bis heute: Die durch die Bank noch für den Hausgebrauch skilaufenden Weltmeister von 1974 treffen sich regelmäßig zu den runden Geburtstagen.

Gerd Heßler (65) holte mit der DDR- Staffel 1974 Gold und 1970 Silber bei der WM. Sein bestes Einzelresultat bei einem Großereignis war der 15. Platz im 15-km-Rennen von 1974. Der gebürtige Tannenbergsthaler startete 1972 und 1976 bei Olympia und arbeitete nach dem Karriere-Ende bis 1991 als Trainer in Klingenthal. Danach wechselte er in die Versicherungsbranche. Er betreibt bis heute eine Agentur in seinem Haus am Aschberg.

Dieter Meinel (64) krönte mit dem Staffelsieg 1974 sein erfolgreichstes Jahr. Im WM-Einzelrennen über 30 km hatte er als Achter überrascht. Bei den Olympischen Spielen 1976 kam der waschechte Klingenthaler zweimal als 33. ins Ziel. Danach beendete er seine Laufbahn und arbeitete zunächst beim SC Dynamo. Von 1984 bis 2009 war er bei der Polizei tätig. Der Vorruheständler ist heute in Theuma in der Nähe von Plauen zu Hause.

Gerhard Grimmer (70) galt Anfang der 1970er-Jahre als bester Mitteleuropäer. Der Thüringer gewann 1974 das WM-Rennen über 50 km, blieb jedoch bei Olympischen Spielen ohne Medaille. Nach seiner aktiven Zeit gehörte er viele Jahre zur Führungscrew des ASK Oberhof. Nach der Wende leitete er einige Jahre den Skiverband Thüringen. Er lebt als Rentner in Floh-Seligenthal und hilft dort ab und an im Hotel der Tochter aus.

Gert-Dietmar Klause (68) hat nicht nur in Falun Geschichte geschrieben. Er gewann 1975 als bislang einziger Deutscher den legendären Wasalauf (90 km) in Schweden. Ein weiterer Höhepunkt seiner Laufbahn war Silber bei Olympia 1976 über 50 km. Von 1978 bis zur Wende war der gelernte Maschinenbauer als Jugendtrainer tätig. Danach verdiente er als Forstwirt seine Brötchen. Der Rentner lebt in Auerbach-Beerheide.

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