Das neue Trainerleben des Ingo Steuer

Eiskunstlauf: Chemnitzer Erfolgscoach arbeitet an mehreren Projekten im Ausland - Heimatstadt bleibt gleichfalls weiterhin Arbeitsort

Chemnitz.

Über den Jahreswechsel weilt Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer einige Tage in Chemnitz. Nach der Trennung vom neuen Paar Aljona Savchenko und Bruno Massot (Frankreich) im Sommer hatte der 48-Jährige seit Oktober in Coral Springs (Florida) mit Läufern aus verschiedenen Ländern gearbeitet. Der international anerkannte Erfolgscoach, der mit Aljona Savchenko und Robin Szolkowy ein Jahrzehnt die Weltspitze bestimmte, wird künftig zwischen verschiedenen Orten und seiner Heimatstadt pendeln. Mit Ingo Steuer sprach Martina Martin.

Freie Presse: Wie verbringen Sie den Silvesterabend?

Ingo Steuer: Ich feiere gemeinsam mit Freunden in Chemnitz. Ab morgen bin ich dann schon wieder unterwegs, fliege nach Korea zu den nationalen Meisterschaften.

In welcher Funktion reisen Sie dieses Mal nach Asien?

Anfang November habe ich in Florida angefangen, zwei ganz neue Paare zusammenzustellen. Sie werden nun erstmals ihre Kurzprogramme zeigen. Für den Aufbau war die Zeit sehr kurz, denn diese Läufer hatten bisher keinerlei Erfahrungen im Paarlauf. Zwei Mädchen wurden aus Korea eingeflogen, dann folgte ein Probetraining mit mehreren Jungen - übrig geblieben sind ein Italiener und ein Brasilianer. Mit diesen Paaren arbeite ich seither sehr intensiv.

Wie kam es zu diesem Projekt?

Schon vor eineinhalb Jahren sind die Koreaner an mich herangetreten. Sie wollten, dass ich ihnen helfe, für die Olympischen Spiele 2018 in ihrem Land Paare aufzubauen. Bei ihnen gibt es zwar Spitzeneinzelläufer, aber vom Paarlaufen haben sie null Ahnung. Im Eistanzen bauen sie ebenso auf ausländische Hilfe. Während der Meisterschaften gibt es Gespräche mit dem koreanischen Verband über genaue Modalitäten.

Bereits in etwas mehr als drei Jahren brennt die olympische Flamme in Korea. Für das Vorhaben bleibt vergleichsweise nur wenig Zeit?

Es ist eine verdammt schwere Aufgabe. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich aus Unmöglichem immer etwas möglich mache. Vorrangig werden wir in Florida trainieren. Denn dort betreue ich derzeit außerdem in einem Team die Junioren-Weltmeister Haven Denney und Brandon Frazier, die bei ihrem Grand-Prix-Debüt auf Anhieb Platz zwei belegten, sowie verschiedene Läufer des dortigen Vereins. Mein Plan ist, dass ich mit den Koreanern künftig ebenso in Chemnitz längere Zeit trainiere. Es wäre ja auch für das Image gut, wenn sich hier wieder Paare auf Olympia vorbereiten. Vielleicht können auch die Amerikaner zeitweise herkommen.

Gibt es dafür schon konkrete Absprachen?

Das ganze Drumherum wie Unterbringung, Eiszeiten und anderes muss noch geklärt werden. Aber mein Heimatverein CEC hat mir schon Unterstützung zugesagt. Obwohl ich derzeit verstärkt im Ausland tätig bin, möchte ich unbedingt weiter in Chemnitz arbeiten. Wenn ich wie jetzt ein paar Tage da bin, unterstützte ich Frau Scheibe bei der Betreuung von Lutricia Bock (Anm. d. R.: u. a. Dritte der deutschen Meisterschaften), die ich schon einige Zeit mit begleite. Sie ist erst 15 Jahre alt und eine große Hoffnungsträgerin, der ich mich später verstärkt widmen möchte.

Andere deutsche Athleten können Sie aber weiterhin nicht betreuen?

Ich dürfte schon mit ihnen arbeiten, aber nur auf privater Basis. Es gibt nach wie vor für mich keine Bezahlung aus öffentlichen Geldern.

Hatten Sie zwischenzeitlich Hoffnung, dass sich die Lage mal entspannt?

Als nach einem Gespräch die Unabhängige Stasi-Kommission des DOSB im Sommer empfahl, das Berufsverbot für mich aufzuheben, gab es diese schon. Zumal ich anfangs das Gefühl hatte, dass sich die Deutsche Eislauf-Union schon um eine Anstellung für mich bemüht. Aber danach hat sich nie wieder jemand bei mir gemeldet. Im Gegenteil, es wurden Dinge über mich in die Welt gesetzt, die überhaupt nicht stimmen. Ich würde beispielsweise horrende Summen auf Honorarbasis verlangen. Es kommt mir inzwischen so vor, als wären die Verantwortlichen letztlich froh, dass der Steuer endlich raus ist. Sie hatten für sich beschlossen, dass sie mich nicht brauchen.

Wie kommen Sie zu dieser Überzeugung?

Endgültig bin ich mir seit dem aus meiner Sicht unfairen Deal mit Aljona Savchenko und Bruno Massot sicher. Als ich im September noch in Florida war, einigten sich beide mit dem Verband schon darauf, dass sie für Deutschland starten und von einem Trainerteam, das die DEU finanziell trägt, betreut werden. Ich hatte bis dahin mit ihnen gearbeitet, wurde aber vor vollendete Tatsachen gestellt. Mit mir hat vorher niemand über diese Pläne gesprochen.

Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Duo scheiterte aber vor allem am Geld?

Das stimmt, auch wenn es einige Meinungsverschiedenheiten zwischen uns gab. Wir wollten eigentlich weiter zusammenarbeiten. Bis zum Sommer hatte ich für die Betreuung nichts verlangt, auch Flüge und Hotelkosten im voraus übernommen. Umsonst konnte ich das nicht länger machen, was ja ganz normal ist. Aber für meine Arbeit bezahlen, das wollten beide nicht. Da hatte ich vergleichsweise überhaupt keine astronomischen Forderungen, wollte weit weniger Geld als ich beispielsweise in Florida erhalte.

Was war ausschlaggebend, dass Sie derzeit hauptsächlich in den USA tätig sind?

Mit Aljona und Robin war ich zuvor dreimal im Sommer mehrere Wochen zum Training in Coral Springs. Ich hatte auch Angebote aus anderen Ländern. Aber der Verein Florida Panthers, der neben Eiskunstlaufen auch ein Eishockeyteam in der NHL besitzt, wollte mich unbedingt haben. Von ihm erhielt ich das notwendige Arbeitsvisum, das bis 2017 gültig ist. Ich werde bei diesem Vertrag jedoch nur für die Zeit bezahlt, in der ich arbeite. Die Amerikaner investieren eine Menge in die Zukunft, sodass ich brutal viel zu tun habe. Eine Fahrt zum nahen Strand ist höchstens mal sonntags möglich.

Haben Sie sich im Internet das Kurzprogramm, das Savchenko/Massot bei den deutschen Meisterschaften Mitte Dezember zeigten, angesehen?

Nein, ich habe mit der Sache abgeschlossen. Sicher war ich damals im ersten Moment sehr enttäuscht, denn ich hatte schon einiges in das Paar investiert. Die schwierigen Elemente, die sie zeigen, bauten wir noch gemeinsam auf.

Wie reagierten Sie damals, als Aljona Savchenko den Wunsch äußerte, mit einem anderen Partner weiterzulaufen?

Ich hatte ihr abgeraten, gesagt, dass es der falsche Weg sei. Aber sie hatte sich die Sache einmal in den Kopf gesetzt, war davon nicht mehr abzubringen. Ich sicherte ihr aber meine Hilfe zu. Sie suchte sich den Partner aus, ich nahm die Verbindung zum französischen Verband auf. Inzwischen kann ich absolut nachvollziehen, wie Robin, als er davon erfuhr, vor den Kopf geschlagen war. Es lag ja eher nahe, dass beide noch eine zeitlang bei Shows auftreten.

Robin Szolkowy versucht sich inzwischen auch im Trainermetier.

Ich bin mir sicher, er geht seinen Weg, finde das in Ordnung. Robin besitzt viele Erfahrungen. Seine Professionalität, die er schon als Athlet besaß, wird ihm dabei helfen.

Zum Jahresende geht der Blick stets zurück. Wie ordnen Sie 2014 aus persönlicher Sicht ein?

Es war für mich ein sehr turbulentes Jahr. Sportlich gab es den wunderschönen Abschluss mit dem fünften WM-Titel von Aljona und Robin. Damit schrieben sie endgültig Geschichte. Bei Olympia in Sotschi hatten wir letztendlich keine Chance zu gewinnen. Dafür waren die Russen einfach zu gut. Schade, dass wir nicht unsere Leistung abrufen konnten, aber Bronze ist auch ein schöner Lohn. Ein bisschen enttäuscht war ich über die Art und Weise, wie dann unser Team auseinandergebrochen ist. Bei beiden vermisse ich zudem den Respekt mir gegenüber für das, was ich jahrelang für sie gemacht habe. Ich hatte diesen vor meiner Trainerin Monika Scheibe immer - unabhängig davon, ob es Probleme gab. Dieser Respekt ist heute noch da.

Was bleibt für Sie nach der gesamten Zeit der Zusammenarbeit am wertvollsten?

Aljona und Robin bildeten ein außergewöhnliches Paar, was es wohl so schnell nicht wieder geben wird. Mehr kann man fast nicht erreichen, einfach sensationell. Wir waren als Team auch durch den Zusammenhalt über ein Jahrzehnt so stark und deshalb in de Lage, diese Leistungen abzurufen. Umso trauriger empfand ich das Ende.

Zur Person: Ingo Steuer

Der Chemnitzer gehört zu den fünf Deutschen, die Weltmeister als Athlet und Trainer sind. Gemeinsam mit Mandy Wötzel gewann er 1997 den Titel im Paarlauf, als Coach führte er Aljona Savchenko und Robin Szolkowy zwischen 2008 und 2014 zu fünf Goldmedaillen. Dazu kamen zweimal Bronze bei Olympia (2010; 2014), vier EM-Siege, vier Triumphe beim Grand-Prix-Finale sowie sechs weitere Podestplätze bei WM und EM. Seine Trainerkarriere begann Ingo Steuer 2002 in Chemnitz mit dem Duo Nicole Nönnig/Matthias Bleyer.

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1Kommentare
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  • 2
    0
    Freigeist14
    31.12.2014

    Es ist ein Skandal wie der DOSB mit einem verdienten Rekord-Weltmeistertrainer umgeht.Weder ein bitteres Beispiel,wie westdeutsch dominierte Verbände mit verlogenen moralisierenden Anschuldigungen keine Vergebung kennen und geben wollen.Das ist die innere Einheit ohne Maske!Ingo,viel Erfolg in Florida!



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