Der Schock mit dem Bademantel

Die Skiadler fliegen ins Rampenlicht: Über die Siegerpreise und -prämien bei der Vierschanzentournee gibt es viele Geschichten. Dabei ging es nicht immer nur um das Geld.

Oberstdorf/Chemnitz.

Sven Hannawalds Triumph bei der Vierschanzentournee 2001/02 mit den Tagessiegen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen ist nicht nur sportlich einzigartig. Der gebürtige Erzgebirger dürfte auch jener Skispringer sein, dem bei dieser Veranstaltung der größte finanzielle Coup gelang. Auf die damals veröffentlichten 330.000 Euro - die Summe aus den Preisgeldern des Veranstalters sowie den zusätzlichen Prämien von Ausrüstern und Sponsoren - will der heute 42-Jährige nicht mehr eingehen. "Ich war immer froh, wenn etwas reinkam. Über das große Ganze hatte ich damals ein bisschen den Überblick verloren", meint Hannawald über diese Zeit, in der die meisten Topsportler bereits mit Managern zusammenarbeiteten. An zwei Besonderheiten kann sich der jetzige Eurosport-Skisprungexperte aber noch erinnern: Nach dem ersten Tagessieg in Oberstdorf bekam er das Preisgeld in D-Mark überreicht, zwei Tage später in Garmisch-Partenkirchen in Euro - auch an der Tournee ging die Währungsumstellung nicht vorbei. Und für den Mittelklasse-Pkw, den damals der Gesamtsieger bekam, ließ Hannawald sich das Geld auszahlen.

Heute kassiert der Gewinner des Schanzenspektakels eine Prämie des Veranstalters in Höhe von 20.000 Schweizer Franken (18.700 Euro). Ein Tagessieg bringt entsprechend des Weltcupreglements 9300 Euro ein, für einen 30. Platz werden noch 93 Euro überwiesen. Geld war aber nicht immer alles in der Geschichte der Vierschanzentournee. Das sagt auch Sven Hannawald: "Das kann die Popularität, die man mit einem Tourneesieg erlangt, nie aufwiegen."

Der erste deutsche Tournee-Gesamtsieger, Helmut Recknagel aus Steinbach-Hallenberg, schwärmt noch heute von den "wunderbaren Siegerehrungen" in den vier Tournee-Orten. Dreimal (1957/58, 1958/59, 1960/61) dominierte der Thüringer, der mit nach vorn gestreckten Armen sprang, die Konkurrenz. Insgesamt holte er sich fünf Tagessiege, durfte sich somit oft die besten Preise aussuchen. "Fotoapparate, Armbanduhren, Radiorecorder, Teppiche - die großen Tische waren voll von Dingen, die es in den Geschäften bei uns in der DDR so nicht gab", erzählt der mittlerweile 79-Jährige. Viel mehr als die Preisvergabe blieb für Recknagel allerdings die stimmungsvolle Atmosphäre der abendlichen Zusammenkünfte in der Erinnerung: "Alle Mannschaften saßen gesellig beisammen, wir hatten viel Spaß, waren wie eine große Familie."

Manfred Deckert, der Tourneegewinner von 1981/82, traute seinen Augen nicht, war regelrecht geschockt, als er nach seinem Tagessieg in Innsbruck am "Gabentisch" ankam. "Da lag nur noch ein Bademantel. Ich musste an der Schanze zu allen möglichen Interviews und Pressekonferenzen, und so hatten sie schon ohne mich die Preisverteilung abgewickelt", schildert der einst für Dynamo Klingenthal startende Springer sein Pech. "Da war ich schon traurig", erzählt der "Deck", so wird er noch immer an den Schanzen angesprochen. Am anderen Tag korrigierten die Veranstalter die Peinlichkeit. "Sie gingen mit mir in Innsbruck einkaufen, und ich durfte mir eine große Stereoanlage aussuchen", berichtet der heutige Oberbürgermeister im vogtländischen Auerbach schmunzelnd.

Jens Weißflog könnte über Preise und Prämien beim Skispringen ein Buch schreiben. Mehr als zehn Jahre gehörte der Oberwiesenthaler zur absoluten Weltspitze, holte Olympiasiege, WM-Titel und - damals Rekord - vier Gesamtsiege bei der Vierschanzentournee. Und dies mit zwei verschiedenen Sprungarten, dem parallelen und dem V-Stil. Kein anderer hat das geschafft. Von den unzähligen Sachpreisen, die Weißflog in seiner langen Karriere mit nach Hause brachte, ist ihm einer besonders ans Herz gewachsen. "Als ich 1983/84 meine erste Tournee gewann, bekam ich in Garmisch-Partenkirchen für den Tagessieg einen Kofferfernseher, bunt, Bildschirmdiagonale etwa 25 Zentimeter. Den habe ich immer noch", erzählt der inzwischen 52-jährige Hotelier.

Im Winter 1990/91, Weißflog gewann zum dritten Mal die Tournee, war Schluss mit den Sachpreisen. "Es gab das erste Preisgeld, es waren Goldmünzen, die wir in einer Schatulle überreicht bekamen. Ein Jahr später gab es dann richtiges Geld in Form von Schecks", berichtet der einstige Überflieger. Unter den ersten sechs Springern wurden 15.000 Schweizer Franken aufgeteilt, 5000 davon bekam der Sieger.

Ein besonderes Schmankerl wurde Weißflog noch 1995/96, bei seiner letzten und erneut siegreichen Tournee zuteil. In Innsbruck wurden vor dem dritten Springen die drei zur Halbzeit führenden Jens Weißflog (1.), Masahiro Harada (Japan/2.) und Eirik Halvorsen (Norwegen/3.) zum öffentlichen Wiegen bestellt. "Als Gegenlast gab es Tiroler Schinken, Bergkäse sowie Marmeladen und Säfte. Ich hatte Käse", erinnert sich lachend der "Floh" vom Fichtelberg, der damals etwa 55 Kilogramm Körpergewicht auf die Waage brachte. Den Käse-Transport nach Oberwiesenthal übernahm übrigens ein Freund Weißflogs, was aber seine beiden Springerkollegen mit dem Überraschungsgeschenk machten, weiß er nicht mehr.

Severin Freund führt deutsches Aufgebot an

Skisprung-Weltmeister Severin Freund steht an der Spitze des deutschen Aufgebots für die 65. Vierschanzentournee. Für den 28-Jährigen vom WSV Rastbüchl ist es die zehnte Tourneeteilnahme. Neben Freund wurden Richard Freitag von der SG Nickelhütte Aue sowie Markus Eisenbichler (Siegsdorf/25 Jahre), Karl Geiger (Oberstdorf/23), Stephan Leyhe (Willingen/24) und Andreas Wellinger (Ruhpolding/21) ins sechsköpfige A-Team berufen.

Die sechs Starter der nationalen Gruppe will Bundestrainer Werner Schuster erst im Anschluss an die Continental-Cup-Wettbewerbe am Dienstag und Mittwoch in Engelberg benennen.

Oberstdorf 29. Dezember, 16.45 Uhr: Quali; 30. Dezember, 16.45 Uhr: 1. Wertungssprung (ZDF/Eurosport).

Garmisch-Partenkirchen 31. Dezember, 14 Uhr: Quali; 1. Januar, 14 Uhr: 1. Wertungssprung (ARD/Eurosport).

Innsbruck 3. Januar, 14 Uhr: Qualifikation; 4. Januar, 14 Uhr: 1. Wertungssprung. (ARD/Eurosport).

Bischofshofen 5. Januar, 16.45 Uhr: Quali; 6. Januar, 16.45 Uhr: 1. Wertungssprung. (ZDF/Eurosport). (tp)

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