Ein bisschen Spaß muss sein

Für die erst 20-jährige Hürdensprinterin Franziska Hofmann ist Zürich das Sahnehäubchen einer starken Saison. Für die Kugelstoß-Asse David Storl und Christina Schwanitz geht es im Letzigrund nur um den Titel.

Chemnitz.

Wenn es auf der Bahn zur Sache geht, Hürden fallen, Gegnerinnen Ellbogen ausfahren, sich mit letzter Kraft ins Ziel werfen, dann ist Franziska Hofmann in ihrem Element. "Unmittelbare Konkurrenz stachelt mich an", meint sie. "Sie ist ein Wettkampfschwein", drückt es Trainer Jörg Bretschneider etwas volkstümlicher aus. Er sagt es mit einem stolzen wie auch anerkennenden Lächeln. Der Coach, der die 20-jährige Hürdensprinterin seit 2009 beim LAC Erdgas Chemnitz betreut, darf stolz sein. "Seit Jahrzehnten ist sie die erste Deutsche in diesem Alter, die nahtlos den Übergang in den Spitzenbereich geschafft hat", argumentiert Jörg Bretschneider.

Vorläufiger Endpunkt der kontinuierlichen Entwicklung von Franziska Hofmann ist der Start bei der Leichtathletik-EM (12. bis 17. August) im Züricher Letzigrund über 100 m Hürden. Damit hatten Trainer und Sportlerin geliebäugelt, erzählt hatten sie es niemand. Doch als die Kriebethalerin im Juni in Regensburg ihre Bestzeit von 13,20 s auf 13,02 s drückte, nahm das heimliche Ziel Gestalt an. Zwei Hundertstel fehlten an der EM-Norm, die sie schon bei der Junioren-Gala in Mannheim (12,97) knackte. Und bei den deutschen Meisterschaften in Ulm setzte die angehende Bundespolizistin der Saison mit 12,87 s und Rang drei ein erstes Krönchen auf. "Wenn mir das jemand vorher gesagt hätte, dann hatte ich geantwortet: Ja, klar, da fallen mir vier andere Namen für Zürich ein. Jetzt habe ich es geschafft, das ist krass", sagte sie nach dem Finale glückstrahlend.

Dabei hatte das Jahr alles andere als glücklich begonnen. Im Januar erlitt Franziska Hofmann einen allergischen Schock. Beim Training schwoll das Gesicht an, Atemnot und Kreislaufprobleme quälten sie. Vier Wochen musste sie pausieren. Dank einer asiatischen Ärztin aus Chemnitz, die Akupunktur anwendete und eine spezielle Diät verschrieb, fand die schnelle Blondine gesundheitlich in die Spur zurück. Ab Februar stieg sie wieder ins Training ein. "Aber die Zeit bis zum Trainingslager Ende April auf Mallorca war hart, da musste ich mich echt durchbeißen", sagt die Vierte der U20-WM von 2012.

Wille und Fleiß zeichnen sie aus. Der Ehrgeiz frisst sie aber nicht auf. Ein bisschen Spaß darf, muss sogar sein: "Der Sport ist nicht alles in meinem Leben. Ich versuche, es nicht so verbissen zu sehen. In Zürich habe ich nichts zu verlieren", meint Franziska Hofmann. "Die EM ist eine schöne Zugabe für mich; ich hoffe, dass ich locker bleibe - und vielleicht ist das Finale möglich." Ähnlich äußert sich der Trainer, der seine Athletin als "sehr diszipliniert, sehr bodenständig und keine Spur arrogant" charakterisiert: "Wenn sie nicht das Halbfinale schafft, wären wir beide enttäuscht. Die 12,97 s sollte sie stabil abrufen, das muss das Ziel sein. Aber sie ist auch immer für eine Überraschung gut."

Das war Franziska Hofmann, deren Vater Tilo Rudat DDR-Vizemeister im Radsport war, bereits als Kind. In ihrem unbändigen Bewegungsdrang kletterte sie zum Beispiel gern auf Bäume. Sportlich versuchte sie sich zunächst im Rollkunstlauf, bevor sie mit neun Jahren zur LG Mittweida und zur Leichtathletik kam. "Da habe ich gleich einen Sprintpokal gewonnen", erinnert sich die junge Dame, deren Vorbild die technisch brillante australische Weltmeisterin (2011) und Olympiasiegerin (2102) Sally Pearson ist. Von Olympia träumen Hofmann und Bretschneider schon lange gemeinsam: "Ein Olympiafinale ist etwas ganz Besonderes", sagt die mehrfache deutsche Jugendmeisterin. "2014 und 2015 sind im Prinzip Testjahre, bevor es zum großen Hauen und Stechen um die Tickets für Rio kommt", weiß der Trainer.

Aktuell steht im Letzigrund aber erst die internationale Premiere für Deutschland im Elitebereich auf dem Programm. Für Franziska Hofmann ist es das Sahnehäubchen auf einer starken Saison und für die Chemnitzer Leichtathletik ein EM-Comeback. 1982 in Athen kam die spätere Weltmeisterin Bettine Jahn unter ihrem Mädchennamen Gärtz über 100 m Hürden auf dem vierten Rang ein. "Damals war ich mit Bettine zusammen in einer Trainingsgruppe", erinnert sich Ex-Hürdenmann Jörg Bretschneider. 32 Jahre später betreut er selbst ein Riesentalent: "Ja, Franziska hat das Zeug, in internationale Spitzenbereiche vorzustoßen", sagt er und lächelt.

Stand: (Europäische Bestenliste): 1. Billaud (FRA) 12,56 s, 2. Porter (GBR) 12,65, 3. Hildebrand (Kornwestheim) 12,71, 4. Roleder (Leipzig) 12,80, ... 7. Hofmann (LAC) 12,87.


Kristin Gierisch

Die Dreispringerin (23) zeigte bei ihrem Meistersatz in Ulm (14,31 m), dass sie es kann. Nicht nur, dass sie sich auf Rang drei der ewigen deutschen Bestenliste katapultierte, die LAC-Athletin bewies nach einer schweren Verletzung in der Hallensaison und Trainingsausfall in der Vorbereitung auch Nehmerqualitäten. In Zürich liebäugelt die angehende Bundespolizistin, die von Harry Marusch trainiert wird, mit einem Platz unter den besten acht. Bewahrt sie sich ihre Lockerheit, dann ist dieses anspruchsvolle Ziel kein Ding der Unmöglichkeit. (tt)

Stand: 1. Konewa (RUS) 14,89 m, 2. Murtazina (RUS) 14,50, 3. Mamona (POR) 14,36, ... 8. Gierisch (Chemnitz) 14,31.


Rebekka Haase

Für die Kurzsprinterin (21) ist die EM der vorläufige Höhepunkt einer märchenhaften Saison. Hallenmeisterin (200 m), Nationalmannschaftsdebüt bei der Team-EM, Gold (200 m) und Bronze (100 m) bei den deutschen Meisterschaften, Normerfüllung - es lief prächtig für die Psychologiestudentin vom LV 90. Für zwei Sprintstrecken und die Staffel qualifiziert, entschied sich der Schützling von Trainer Jörg Möckel wegen zeitlicher Überschneidungen für einen EM-Start über die 100 m und die Staffel.

Stand (100 m): 1. Schippers (NED) 11,03 s, 2. Soumaré (FRA) 11,03, 3. Lalowa (BUL) 11,10, ... 22. Haase 11,32.


David Storl

Der Titelverteidiger (24), der 2012 in Helsinki mit 21,58 m siegte, kann sich fast nur selbst schlagen. Zu deutlich steht der Chemnitzer in Europa auf Platz Nummer eins. Hinzu kommt, dass sich der LAC-Athlet zum Saisonhöhepunkt stets topfit präsentiert. Der Weltmeister weiß um seine Favoritenrolle, dennoch unterschätzt der Bundespolizist die Konkurrenz nicht. "Er ist wie vor einer WM oder Olympia voll fokussiert", weiß Trainer Sven Lang. Schafft Storl die Titelverteidigung, dann wäre er der fünfte Kugelstoßer, dem das bei einer EM gelänge.

Stand (Europäische Bestenliste): 1. Storl (Chemnitz) 21,97 m, 2. Lesnoy (RUS) 21,40, 3. Tichomirov (RUS) 21,10.


Christina Schwanitz

Die Hallen-Europameisterin (28) will sich in Zürich auch den Titel im Freien holen. "Ich wünsche mir Gold. Mal sehen, ob es klappt", meinte die Frohnatur vom LV 90 Erzgebirge nach dem Kugelstoßsieg bei den "Deutschen" in Ulm. Ihre Rückenprobleme aufgrund eines eingeklemmten Nervs sollten sie nicht behindern. Zehnmal ging die Sportsoldatin in dieser Saison bisher an den Start. Achtmal verließ sie den Ring als Siegerin. Nur Doppel-Olympiasiegerin Valerie Adams (Neuseeland) war zweimal stärker.

Stand: 1. Schwanitz (LV Erzgebirge) 20,22 m, 2. Obleschtschuk (UKR) 19,40, 3. Kolodko (RUS) 19,33.


Große Mannschaft vertritt Deutschland

93 Frauen und Männer, davon 79 Einzel- und 14 Staffelstarter, nimmt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) mit nach Zürich. Das ist die größte Mannschaft seit der Heim-Europameisterschaft 1998 in München. 2012, beim kontinentalen Championat in Helsinki, hatten die deutschen Asse sechsmal Gold geholt. Ihren Titel in der Schweiz verteidigen wollen David Storl (Kugel), Sebastian Bayer (Weit) und Robert Harting (Diskus). Nicht qualifizieren konnte sich Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch. Helsinki-Siegerin Nadine Kleinert (Kugel) hat ihre Karriere inzwischen beendet. Titel Nummer sechs holte vor zwei Jahren die 4x100-m-Staffel der Frauen. (fp)

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