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Christiane Reppe ist aktuell bei den Straßenrennen der weltweit wichtigsten Ereignisse nicht zu bezwingen.

Foto: Imago

Eine ungewöhnliche Karriere

Christiane Reppe aus Dresden gehört zu den erfolgreichsten Behindertensportlern Deutschlands. Neben ihren Erfolgen erlebte die Handbikerin mehrfach Dinge, die Seltenheitswert besitzen.

Von Martina Martin
erschienen am 20.01.2018

Dresden. Seit Beginn des Monats nutzt sie die warmen Temperaturen in Florida, um sich intensiv auf die neue Saison vorzubereiten. Doch in der nächsten Woche fliegt Christiane Reppe für ein paar Tage nach Dresden zurück, um beim Semperopernball dabei zu sein. Da wird ihr der St.-Georgs-Orden verliehen. "Das ist natürlich etwas Einzigartiges für mich. Ich bin die erste paralympische Athletin und die erste Dresdner Sportlerin, die diese Auszeichnung bekommt", meint die 30-Jährige nicht ohne Stolz. Als sie davon erfuhr, musste sie wegen der Unterbrechung ihres Trainingslehrganges nicht groß überlegen. Auch ein schickes Ballkleid hat sie sich noch vor der Abreise besorgt.

Die Ausnahmesportlerin berührt es dabei sehr, dass sie in ihrer Heimatstadt diese hohe Aufmerksamkeit genießt. Zum zweiten Mal binnen weniger Monate spürt sie das sehr intensiv, obwohl sie sportlich für einen Verein (GC Nendorf) in Niedersachsen startet. Diesbezüglich fehlen in Sachsen die Alternativen. Aber diese Tatsache hält Oberbürgermeister Dirk Hilbert nicht davon ab, sich für eine seiner Topathletinnen zusätzlich zu engagieren. Denn er schaltete sich massiv ein, als es darum ging, eine zweite Goldmedaille der Paralympics von Rio 2016 zu organisieren.

Das wertvolle Exemplar wurde Christiane Reppe während des Berlin-Marathons aus der Tasche gestohlen. Nach dem ersten Schock setzte sie alle Hebel in Bewegung, kontaktierte eine brasilianische Freundin, den deutschen Verband, das Internationale Paralympische Komitee (IPC). Ihr wurde zwar Unterstützung zugesagt. Sie erfuhr auch, dass Ersatzplaketten in einem Container lagerten. Doch lange Zeit tat sich nichts. Bei der Dresdner Sportgala im April 2017 gab es dann für sie auf der Bühne die Überraschung. Bei Musik und Fackelschein sowie stehenden Ovationen im Saal fand eine zweite Siegerehrung statt. "Ich war sprachlos, schaute ungläubig und konnte es kaum fassen, dass kein Duplikat, sondern nochmals eine echte Goldmedaille um meinen Hals hing", denkt die Sächsin voller Dankbarkeit an diese berührenden Momente zurück.

Eine Achterbahn der Gefühle erlebte die BWL-Studentin dann ein weiteres Mal im Sommer des vergangenen Jahres. Sie hatte so gut trainiert, fühlte sich in der Form ihres Lebens. Aber auf einmal stand sie nicht auf der offiziellen Meldeliste der WM, ihr Name wurde beim Übermitteln vergessen. Zunächst fruchteten Zusatzanträge des Verbandes oder der Athletenkommission des IPC beim Weltverband UCI nicht, sogar Kontrahentinnen anderer Länder machten sich für sie stark. Sie erhielt eine "unglaubliche Resonanz", vor allem auch über das Internat. Es schien nichts zu nützen. "Als mir die Entscheidung per Telefon mitgeteilt wurde, war ich gefasst. Später, beim Gespräch mit meinem Vati, kamen die Tränen", berichtet Christiane Reppe. Aber sie haderte nicht, sondern entschied trotzdem, mit nach Südafrika zu fliegen, um die Mannschaft zu unterstützen. Als Betreuerin übernahm sie die Aufgabe, sich um den Social-Media-Bereich zu kümmern.

Überglücklich hält Christiane Reppe die paralympische Goldmedaille von Rio in den Händen.

Foto: Imago

Aber dann kam alles ganz anders. Während der Busfahrt vom Flughafen zum Hotel erhielt sie einen Anruf, dass sie doch starten darf. Am nächsten Rastplatz nahm sie sofort Kontakt mit ihrer Familie auf. Denn irgendwie musste sie ja an ihr Handbike, das sie zu Hause gelassen hatte, kommen. Vater Hans-Jürgen, Inhaber einer Immobilienfirma, konnte flexibel reagieren. Er buchte den Flug, verstaute das Rad, während Mutter Daniela derweil die Sachen packte. Einen Tag später traf er am Wettkampfort ein. "Ich selbst bin rumgerannt wie ein Flummi, konnte kaum schlafen, war sehr nervös, ob alles klappt", erinnert sich Christiane Reppe an die Stunden, ehe sie ihren Papa in die Arme schließen konnte. Ungeachtet dessen gelang es ihr bestens, in den Rennen ihr Potenzial abzurufen. Sie setzte nicht nur ihre einmalige Siegesserie seit 2014 im Straßenrennen fort, sondern gewann erstmals WM-Gold im Einzelzeitfahren. "Ich wollte alles perfekt machen, und es klappte. Diese beiden Titel waren so wichtig wie noch nie, emotional für die Familie außergewöhnlich", wertet die vierfache Paralympics-Teilnehmerin.

Im Vorfeld von Rio durfte sie als Model die Kleidung der Paralympics-Mannschaft präsentieren.

Foto: Imago

In ihrem Alltag bewegt sich Christiane Reppe hauptsächlich auf Krücken. "Ich bin ganz normal aufgewachsen. Dass ich nur ein Bein habe, ist eben so", sagt sie, und ihr liegt jedes Klagen fern. "Ich kann so viele Sachen machen, habe bereits eine Menge erlebt. Der Sport prägt mich schon, ich lebe ihn total aus, will auch Grenzen erforschen und überschreiten." Auch da sieht sie keinerlei Unterschiede zu den Athleten ohne Handicap. Bereits im Alter von fünf Lenzen musste ihr das rechte Bein amputiert werden, weil sich ein bösartiger Nerventumor gebildet hatte. Fast ein Jahr verbrachte sie als kleines Mädchen im Krankenhaus. Im Urlaub danach erlernte sie das Schwimmen, später im Winter auch das alpine Skifahren.

Bei der SGV Dresden begann sie dann 1999 regelmäßig im nassen Element zu üben. Sie steigerte sich relativ schnell, fiel bald bei Nachwuchssichtungen auf, wurde zu Lehrgängen eingeladen. In Vorbereitung auf ihre erste WM 2002 lebte sie einige Monate in Chemnitz, wo sie in der leistungsstarken Gruppe von Coach Gunter Thiele trainierte. Später absolvierten die sächsischen Asse oft gemeinsame Übungseinheiten, bis heute bestehen Kontakte zu Bundestrainerin Ute Schinkitz.

Als Schwimmerin bereitete sich Christiane Reppe (2. v. r.) in Chemnitz unter Anleitung von Coach Gunter Thiele und gemeinsam mit Andreas Hausmann, Swen Michaelis und Maria Götze (v. l.) auf die WM 2006 vor.

Foto: Andreas Seidel/Archiv

Christiane Reppe kehrte von ihrem WM-Debüt 2002 sowie von den ersten Paralympics 2004 mit jeweils zwei Bronzemedaillen zurück. Nach weiteren Podestplätzen bei EM und WM lief es bei den Spielen 2008 und 2012 jeweils nicht wie erhofft. Sie war 2007 zudem nach Berlin gewechselt, hörte aber nach London mit dem Schwimmen auf und kehrte an die Elbe zurück. Bald merkte sie jedoch, dass ihr die körperliche Betätigung fehlte. Sie versuchte sich kurz in der Leichtathletik, ehe sie dann auf einer Messe 2013 das Fahren mit einem Handbike probierte. Das begeisterte sie auf Anhieb.

Sie fand Unterstützer, ein spezielles Umfeld und mit Ralf Lindschulten einen kompetenten Trainer. Beim Berlin-Marathon bestritt sie ihren ersten Wettkampf, wurde auf Anhieb Zweite, inzwischen hält sie den Streckenrekord. Ab 2014 nahm dann die zweite Karriere rasant Fahrt auf. Und ein Ende ist noch nicht abzusehen. "Bis Tokio 2020 fahre ich definitiv. Auch reizt mich 2021 ein Start beim Ironman auf Hawaii", blickt Christiane Reppe, die sich zudem für Projekte der Mitteldeutschen Krebsforschung engagiert, voraus.

 
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