Eishockey-Club Chemnitz gegründet

Nach der Insolvenz des Vorgänger-Vereins muss in der Sportart wieder einmal ein neuer Anlauf genommen werden. Die Männermannschaft soll nächste Saison in der Regionalliga antreten.

Einer musste es machen. Ulf Uhlmann heißt der Vorsitzende des vor wenigen Tagen ins Leben gerufenen Eishockey-Clubs (EHC) Chemnitz. "Die Gründungsversammlung hat mit acht Personen stattgefunden. Allerdings sind wir noch nicht geschäftsfähig, weil die Unterlagen fürs Amtsgericht noch beim Notar liegen", sagt Uhlmann. Er ist seit 1993 im städtischen Eishockeysport engagiert - als Schiedsrichter und von 2004 bis 2011 als Abteilungsleiter beim Eis- und Rollsportverein (ERV) Chemnitz. Dort war der Männerbereich bis zum Ende der vergangenen Saison unter der Bezeichnung Wild Boys beheimatet. Danach stellte der Vorstand den Antrag zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens.

Uhlmanns Hauptmotivation, sich jetzt vor den Karren zu spannen, klingt einfach. "Ich will, dass es mit dem Eishockey in Chemnitz weitergeht", betont der 40-Jährige. Der Spielbetrieb bei den Männern soll in der nächsten Saison fortgesetzt werden. Als Spielgemeinschaft mit dem städtischen Nachwuchsverein ESV 03 will man in der vierthöchsten Spielklasse, der Regionalliga, antreten. Laut Uhlmann wahrscheinlich mit einem sehr jungen Team, das von wenigen Routiniers geführt wird. Die Frage, was aus bisherigen Leitwölfen wie dem schwedischen Oldie Esbjörn Hofverberg wird, könne er noch nicht beantworten. Auch die Trainerfrage sei nicht geklärt.

Vizepräsident im neuen EHC ist der Vorsitzende des pleitegegangenen Vorgängervereins, Gert Seifert. Er verteidigt die Entscheidung, den ERV abwickeln zu lassen. "Der Insolvenzantrag war eine saubere kaufmännische Entscheidung", betont Seifert.

Restlos bedient ist unterdessen Eisstadion-Betreiber Roland Hauschild. Er sitzt nach eigener Aussage auf unbezahlten Rechnungen des alten Eishockey-Clubs in Höhe von 8000 Euro. "Während der Nachwuchsverein ESV 03 richtig gute Arbeit leistet, ist der Männer- bereich sehr kritisch zu betrachten", sagt Hauschild. Wer mit ihm zusammenarbeiten will, müsse gewisse Spielregeln einhalten. "Die ERV-Führung hat ein sorgloses Verhalten an den Tag gelegt", so Hauschild. Er werde daraus seine Schlüsse ziehen. "Künftig gibt es für den Männerverein keine Rechnungslegung mehr, alles wird im Voraus zu bezahlen sein."

Einen Blick zurück im Zorn wirft auch Trainer André Dietzsch. Ihm war vom ERV vorzeitig gekündigt worden. Der frühere Torhüter der Berliner Eisbären ist daraufhin vors Arbeitsgericht gezogen, wie er auf Anfrage erklärt. Aus sportlicher Sicht blicke er positiv auf die vergangene Saison zurück. "Wir haben mit dem niedrigsten Budget in der dritten Liga mitgehalten", sagt Dietzsch, der künftig bei den Nürnberg Ice Tigers als Torwart- und Nachwuchstrainer arbeiten wird. Schlechte Erfahrungen habe er hingegen mit dem ERV-Vorstand gemacht. "So geht man einfach nicht miteinander um", bemerkt der Berliner, der sich zu Details nicht äußern will.

Wie Insolvenzverwalter Markus Merbecks unterdessen erklärt, hat der ERV Chemnitz seit dem Spieljahr 2011/2012 jede Saison finanziell mit "markanter Unterdeckung" abgeschlossen. "Es gab einen länger währenden Sockel an Verbindlichkeiten in Höhe von etwa 70.000 Euro. Trotz einer stabilen Situation im vergangenen Jahr ist es der Vereinsführung nicht gelungen, diese Lücke zu schließen", sagt Merbecks, der selbst regelmäßig Eishockeyspiele im Küchwald besucht. Auch ihm blieben die oftmals fast leeren Ränge nicht verborgen. "Es war klar, dass die Zuschauerzahlen für die dritte Liga nicht reichen. Jeder, der etwas anderes behauptet, macht sich was vor."

Man müsse davon ausgehen, dass sich die Abwicklung des Vereins ungefähr zwei Jahre hinziehen wird. Die vorzeitige Kündigung von Trainer André Dietzsch sei nicht zwingend notwendig gewesen. "Er hat Anspruch auf Insolvenz-Ausfallgeld", sagt Merbecks. Auf die Frage, ob die Eissport- und Freizeitgesellschaft wenigstens einen Teil der 8000 Euro an unbezahlten Rechnungen erstattet bekommt, antwortet der Anwalt: "Es ist mit einer geringen Quote an Zahlungen zu rechnen."

Im Falle eines eingetragenen Vereins unterliege der Vorstand bei einer Insolvenz so gut wie keiner Haftung. "Es sei denn, Beteiligte werden getäuscht. Doch das war beim ERV nicht der Fall", erläutert Merbecks. Positiv ist aus seiner Sicht, dass der Vorstand mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens bis zum Saisonende gewartet hat. "Da hat man schon andere Fälle erlebt. Wenn Vereine mitten im Spieljahr aufgeben, führt das meist zu Wettbewerbsverzerrungen." Die Abwicklung des ERV spreche nicht gegen die Neugründung eines anderen Vereins. Für Merbecks wäre es allerdings "nicht geschickt", weiter mit der Bezeichnung Wild Boys aufzutreten. "Da könnten manche auf den Gedanken kommen, es handelt sich immer noch um das Gleiche."


Kommentar: KeinMitleid

Die Verantwortlichen im Chemnitzer Eishockeysport sind immer wieder gern in die Rolle der bedauernswerten Sportfunktionäre geschlüpft, denen das Leben in dieser Stadt so schwer gemacht wird: kaum Unterstützung aus dem Rathaus, keine Lobby in der Wirtschaft. Dabei hätten sie lieber in ihrem eigenen Laden aufräumen sollen, anstatt den Schwarzen Peter anderen zuzuschieben. Der Öffentlichkeit ist in den vergangenen knapp zwei Jahren vorgegaukelt worden, wie gut der Verein beim Abbau seiner Verbindlichkeiten vorankommt - Sportfreund Münchhausen lässt grüßen. Und zuvor war viel zu spät auf die sich anbahnende finanzielle Krise reagiert worden. Mit der Insolvenz haben sich die Image-Probleme des Chemnitzer Eishockeysports noch einmal deutlich verschärft. Leidtragende sind Trainer, Sportler, die treuen Fans und der Nachwuchsverein ESV 03, in dem solide und vor allem seriös gearbeitet wird.

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