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"Wir glauben an die Mannschaft!" - diese Parole skandiert man auf russischen Stadiontribünen, egal ob das eigene Team gerade ein Tor geschossen oder schon vier kassiert hat. Hier Fans des Tabellenführers Lokomotive Moskau bei einem Spiel Anfang Mai gegen Zenit Sankt Petersburg.

Foto: Getty Images

Väterchen Frust

In einem Monat ist die Fußballwelt zu Gast in Russland. Bei Freunden. Die heimischen Fans himmeln Europa an, wollen sein wie der FC Barcelona oder Jürgen Klopp. Denn die Blamagen der eigenen Nationalmannschaft haben sich tief eingegraben - in die russische Seele.

Von Stefan Scholl
erschienen am 17.05.2018

Moskau. Drei Stunden vor dem Spiel sind ein Dutzend Rotweiße am Tisch versammelt, auf dem Biergläser stehen. Dazu gibt es Fritten und Grenki - in Knoblauchöl frittiertes Schwarzbrot. Auf den Fernsehbildschirmen vergibt Tabellenführer Lokomotive Moskau gerade eine Chance gegen Zenit Sankt Petersburg. Die Rotweißen, Fans des Tabellenzweiten Spartak Moskau, klatschen Beifall. "Spartak ist eine Validol-Mannschaft", sagt Ruslan Newerow, der einen rotweiß gestreiften Fanschal trägt. Und was ist eine Validol-Mannschaft? "Das hat selbst Massimo Carerra, unser italienischer Trainer, nicht gewusst", ruft jemand dazwischen, alle lachen. "Wenn Spartak spielt, braucht man Herztabletten", erklärt Ruslan. "Wir können gegen Favoriten über uns hinauswachsen, aber dann gegen viel schlechtere Mannschaften verlieren. Unsere Nationalmannschaft ist genauso. Unvorhersehbar."

Die Kneipe im Moskauer Nordwesten heißt "Wir glauben an die Mannschaft!" - diese Parole skandiert man auf russischen Tribünen, egal ob das eigene Team gerade ein Tor geschossen oder schon vier kassiert hat. Vor allem, wenn Spartak-Fans dort stehen. Russlands populärster Klub hat etwa zwei Millionen aktive Anhänger, ein Fünftel aller Fans der russischen Premjer-Liga. Einen Monat vor der ersten Fußball-WM in Russland wappnen sich alle mit Zweckoptimismus, Humor und Validol dafür, wieder einmal mitzuleiden mit ihrer Sbornaja - der Nationalmannschaft Russlands.

In der Kneipe "Wir glauben an die Mannschaft!" klirren die ersten Kognakgläser. Aber die Kante gibt sich hier niemand. Die Spartak-Fans mögen sich selbstironisch "Fleisch" oder "Schweine" nennen, aber hier sitzen Frauen mit am Tisch, zwei Knirpse spielen eifrig Tischfußball. Auch in Moskau sind Erstliga-Spiele längst Familienfeste.

"Als ich klein war, merkte ich, dass beim Hockey der Puck kaum zu sehen ist - also fing ich an, mit meinem Vater zusammen Fußball zu kucken", erzählt Marina Chorina. "Papa erklärte mir die Regeln, er war Spartak-Fan." Fußball sei das schönste, das unvorhersehbarste Spiel der Welt. Marina sieht jedes Heimspiel, wobei sie und ihre Freunde sich auf der "Fanatka" versammeln, der Stehtribüne hinter dem Tor. Und sie freut sich schon jetzt auf die Weltmeisterschaft. "Das hat es noch nie gegeben, wir spielen zuhause, das ist ein Fest."

Laut Fifa wurden bis Mitte April über die Hälfte der WM-Tickets verkauft: fast 1,7 Millionen, knapp 800.000 davon an Russen. Aber die vaterländischen Fans haben unterschiedliche Pläne für ihre WM. Marina weiß nicht, ob sie Eintrittskarten kaufen wird, will aber auf jeden Fall die Moskauer Fanmeilen aufsuchen. Der Pensionär Waleri Botnikow, der früher selbst Fuß- und Volleyball spielte, winkt ab: "Ich schaue die Weltmeisterschaft im Fernsehen, die Karten kosten ja mehr als meine Rente." Er bezieht 13.000 Rubel im Monat, gut 170 Euro.

Konstantin Duppo aus Kaliningrad, IT-Fachmann und Chef des Fanklubs "Baltijzy", gehört zu jenen 15 Fans des Zweitligisten Baltika Kaliningrad, die ihrer Mannschaft in dieser Saison sogar nach Wladiwostok folgten, 7300 Kilometer entfernt. Er hat sich Karten für drei WM-Partien in Kaliningrad besorgt: Serbien-Schweiz, Spanien-Marokko und England-Belgien. Die Tickets kosteten umgerechnet 30 bis 230 Euro. "Ich werde für unsere Brüder, die Serben, die Daumen drücken. Und für die Engländer, die sind ja das Mutterland des Fußballs."

Auch russische Fans benehmen sich daneben. Im März grölten beim Testspiel gegen Frankreich Dutzende rassistisch motivierte Affenlaute. Und seit den brutalen Schlägereien, die sich Russen bei der EM in Frankreich vor allem mit Engländern lieferten, hängt ihnen das Image an, vor allem Kampfsportfanatiker zu sein. Aber Moskaus Experten sind sich einig, dass die Sicherheitsorgane diese "Minderheit" der Schläger fest an der Kandare haben.

Wenn es um Fußball geht, pfeifen die Russen auf die aktuellen außenpolitischen Feindbilder. Sie himmeln Europa an, wollen sein wie der FC Barcelona oder Jürgen Klopp, schwärmen von deutscher Kraft, italienischer Eleganz oder brasilianischer Kreativität. Und die Älteren erinnern sich mit Wehmut an die Zeiten, als sowjetische Nationalspieler selbst tragende Rollen im großen Weltdrama Fußball spielten.

"Am stärksten war die Generation, die 1960 Europameister wurde und 1966 ins WM-Halbfinale kam. Die 2:1-Niederlage gegen Deutschland war knapp, ein Duell auf Augenhöhe", sagt Waleri. In den Sechzigern spielte die Sbornaja schnellen Kombinationsfußball, Torwart Lew Jaschin wurde Europas Fußballer des Jahres. "Damals waren unsere Spieler Romantiker", seufzt Waleri, "heute dreht sich alles ums Geld".

Fußball ist für russische Fans mehr als nur Sport, steht in der Achtung oft sogar höher als der Nationalsport Hockey. Fußball bedeutet für die Fans die große weite Welt, zu der auch sie unbedingt gehören wollen. "Fußball", zitierte der Sportjournalist Igor Poroschin den Jamaikaner Bob Marley, "ist Freiheit".

Das russische Wort für Fan lautet Bolelschtschik - bedeutet: einer der mit seiner Mannschaft mitleidet bis zum Krankwerden. Doch für große Leidenschaften bedarf es großer Spiele. Die lieferte die Sbornaja zuletzt unter Guus Hiddinks, bei der EM 2008 schlug sie sogar Holland, kam bis ins Halbfinale. Seitdem aber hagelt es Blamagen. Gegen Slowenien verlor man ein WM-Relegationsspiel und lieferte eine 0:3-EM-Pleite ab im Spiel gegen Wales.

"Ich liebe die Nationalmannschaft, sie spielt ehrlich, sie verdient sich ihre Ergebnisse mit Schweiß und Tränen", philosophiert der Fan und Bauunternehmer Ruslan. "Aber Spartak liebe ich nicht nur, an Spartak glaube ich auch." Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts FOM meinen 36 Prozent der Russen, Russland werde die Vorrunde überstehen, nur vier Prozent sehen Russland als künftigen Weltmeister. "Wenn wir nicht in der Vorrunde ausscheiden, geht es vermutlich gegen Spanien, da sind die Chancen sehr klein", fürchtet Konstantin aus Kaliningrad.

"Mir gefallen die Mannschaften ohne Stars, Außenseiter, die keine Angst vor den Favoriten haben", sagt Michail Michailowski, Chefredakteur der Kaliningrader Studentenzeitung "Students Way of Thinking". Aber damit meint er nicht Russland. Und die Spartak-Fans in der Kneipe "Wir glauben an die Mannschaft!" haben einen lakonischen Witz auf Lager: "Für wen hältst du?" - "Natürlich für Russland?" - "Und danach?"

Zwei Kognakgläser später, eine Stunde vor Spielbeginn, bestellt Ruslan ein Taxi zum nahen Stadion. Als wir einsteigen, klingelt Marinas Handy: Kurz vor dem Abpfiff hat Lokomotiwe gegen Zenit getroffen, damit sind Spartaks Chancen auf den Titel hin. "Alles wird gut", muntert sie Ruslan auf, jetzt gelte es, sich für die Champions League zu qualifizieren. Warum Spartak vor allem in der ersten Saisonhälfte ziemlich von der Rolle war?

"Mentalität", seufzt Ruslan, "und allgemeine Siegestrunkenheit". Nach der Meisterschaft hätten alle drei Monate gefeiert. "Wir Fans - aber auch die Spieler", sagt er und lächelt. "Das sind doch auch nur Menschen". Russlands Bolelschtschiki sind in der Lage, ihren Fußballern sehr viel zu verzeihen.

 
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