Gratulation trotz geraubter Goldmedaille

Die erste Olympiasiegerin der Rodel-Geschichte ist am Sonntag 70 Jahre jung geworden. Deshalb hat Ortrun Enderlein-Zöphel im Restaurant Köhlerhütte mit Gästen gefeiert - und ist an den Kufenskandal von 1968 erinnert worden.

Oberwiesenthal.

Passend zum Jubiläum haben am Sonntag Deutschlands Rennrodlerinnen einen Dreifach-Erfolg im Weltcup auf den Geschenketisch von Ortrun Enderlein- Zöphel gepackt. "Angerufen und gratuliert hat von den Aktiven aber niemand, auch keiner der Funktionäre. Aber die haben kurz vor Sotschi anderes im Kopf als alten Frauen zu gratulieren", nimmt es die Jubilarin nicht so tragisch. Sie hat auch ohne Verbandsgrüße mit ihren 28 Gästen angenehme Stunden verbracht, erfreut sich guter Gesundheit und kann stolz auf vergangene Zeiten zurückblicken.

Olympiasiegerin 1964 in Innsbruck, zweifache Welt- und vierfache DDR-Meisterin ist sie geworden. Dennoch geht ihr speziell das Jahr 1968 nicht aus dem Kopf: Auch in Grenoble lag die damals perfekteste Rennschlittenfahrerin bei Olympia in Führung, dann folgte der "Kufenskandal". Ein polnischer Kontrolleur prüfte die Kufen der DDR-Schlitten, indem er Schnee dagegen warf. Der sei "zischend zerdampft". Urteil: unerlaubte Erhitzung und Disqualifikation.

Neben der Führenden wurden die Zweitplatzierte Anna-Maria Müller und die Viertplatzierte Angela Knösel suspendiert, dafür erhielten Italiens Erika Lechner sowie die Bundesdeutschen Christa Schmitz und Angelika Dünhaupt die Medaillen. Zwar versicherten die ausgeschlossenen Rodlerinnen der DDR-Mannschaft per eidesstattlicher Erklärung, dass sie nicht betrogen hatten. Auch tauchten 2006 Unterlagen auf, die Funktionäre aus Westdeutschland und Österreich der Bestechung des polnischen Kampfrichters bezichtigten. Doch aufgearbeitet wurde der Fall nie. "Aufklärung will doch keiner. Schließlich war zu der Zeit, als die Dokumente auftauchten, ein Bundesdeutscher Welt- Rodelpräsident", macht sich Ortrun Enderlein-Zöphel, die seit 60 Jahren mit ihrem Gatten Bernd in Raschau wohnt, ihren eigenen Reim. "Eigentlich müsste die Geschichte wohl umgeschrieben werden. Ich betrachte die Entscheidung von Grenoble jedenfalls als gestohlene Medaille", sagt die Jubilarin ohne Umschweife. Sie hakt dieses aus ihrer Sicht unrühmliche Kapital ab, obwohl im Internationalen Olympischen Komitee nun ein Deutscher das Sagen hat und für Aufklärung sorgen könnte.

Lieber widmet sie sich 45 Jahre nach dem Eklat von Grenoble nun Garten und Haushalt im Erzgebirge, zupft Unkraut, bäckt und kocht, geht zum Schwimmen, schwingt sich aufs Fahrrad oder strampelt im Fitnessraum. Sportlich ging es deshalb auch zur Feier zu: "Ich hatte mir die Sportakrobaten gewünscht. Die Grünhain-Schwarzenberger haben meine Bitte grandios umgesetzt", sagt die 70-Jährige erfreut.

Nach wie vor verfolgt sie das Rodeln: "Eher selten an der Bahn, aber oft im Fernsehen. Bei den Frauen schaue ich mir die Rennen an, obwohl man bei den vielen Weltcups fast nicht nachkommt." Mit früher hat dies alles nicht mehr viel zu tun, alles ist moderner geworden. Denn als die Jubilarin die Beste der Welt war, gab es keine Startbügel, keine Funktionskleidung, keine Visierhelme und kein Forschungszentrum fürs Material. "Dafür musste ich nicht wie eine Litfasssäule rumlaufen und konnte am Schlitten basteln. Den einen habe ich all die Jahre gefahren", zählt Ortrun Enderlein-Zöphel entscheidende Unterschiede auf. Das Geschick fürs Handwerkliche hatte sie als gelernte Mechanikerin und schloss deshalb schnell zur Elite auf. "Denn angefangen mit dem Rodeln habe ich erst mit 17, zuvor war ich Handballerin in Raschau", erzählt die gebürtige Trünzigerin. Aus diesem kleinen Ort bei Werdau stammt sie, lebt seit 1954 aber in Raschau. "Deshalb bin ich längst eine Erzgebirgerin."

Dass aus Oberwiesenthal immer Weltklasse-Athleten kommen, obwohl es keine Rodelbahn gibt, bezeichnet sie "als Wunder" - und drückt ihren Nachfolger(inne)n die Daumen. Das kann sie in der Gewissheit tun, erste Olympiagoldmedaillengewinnerin ihrer Disziplin gewesen zu sein - inzwischen 50 Jahre vor den Entscheidung kommenden Februar in Sotschi.

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