Keine Wunderstiefel und Stöckl-Schuhe

Psychokrieg und Materialschlacht: Der Norweger Anders Jacobsen musste im Hexenkessel am Bergisel Federn lassen

Innsbruck.

Erik Simon sitzt im Wachscontainer der deutschen Skispringer und schmunzelt. Zum ersten Mal hat der ehemalige Skispringer aus Marienberg das geschafft, was ihm als Aktiver versagt blieb: In Österreich bei der Tournee noch dabei zu sein. Der Erzgebirger ist seit dieser Saison der Chefskitechniker der deutschen Adler: "Es ist ein völlig anderes Ding, die Verantwortung viel größer. Wenn ich daneben liege, fährt das ganze Team hinterher", erzählt Simon und bürstet weiter fleißig die Skioberfläche.

Auf den ersten Blick ähneln sich die gekühlten Eis-Anlaufspuren der modernen Großschanzen. Es gibt aber Unterschiede, weiß Erik Simon: Temperatur, große Rillen, kleine Rillen in der Spur, Regen wie gestern am Bergisel oder Schneefall - das muss beachtet werden. "Bisher hat alles recht gut geklappt. Nur Richie Freitag war in Oberstdorf und Garmisch unser Sorgenkind. Zum Glück haben wir das in den Griff bekommen." Fest steht jedenfalls: Im Skispringen tobt momentan eine Materialschlacht: Anzüge, Bindung, Schuhwerk - es wird getüftelt, was das Zeug hält. "Das ist wie in der Formel 1, da wird der Motor auch nach zwei Rennen ausgewechselt", sagt Simon und zeigt auf die Nähmaschine, die im Wachscontainer in einer silbernen Truhe verpackt steht.

Die neue Anzugregel, in diesem Winter nur noch zwei Zentimeter Spielraum (im Vorwinter sechs Zentimeter) zwischen Körper und Anzugstoff zuzulassen, hat den Erfindergeist der Springer und Materialgurus beflügelt. Den Zwei-Zentimeter-Spielraum versuchen die Athleten natürlich auszureizen. Das verlangt von den Technikern Schneiderqualitäten. Denn der Stoff dehnt sich mehr, umso öfter er in Gebrauch ist. Bei der Tournee helfen sogar die Trainer an der Nähmaschine aus, weil die Skipräparation bereits viel Zeit in Anspruch nimmt.

Wegen des reglementierten Balloneffektes im Anzug muss der Springer heute andere Wege finden, den Trageeffekt in der Luft zu verbessern. Schon der gekrümmte Bindungsstab, Verbindungsteil zwischen Schuhferse und Ski, brachte im Olympiawinter 2009/10 einen revolutionären Vorteil: Die zum V gespreizten Ski stehen durch die Krümmung des Stabes weniger gekantet in der Luft, bieten also eine größere Tragfläche. Doch mittlerweile sind alle Springer auf den Stab gekommen, der Simon Ammann (Schweiz) in Vancouver zu zwei Goldmedaillen verhalf. Wobei der Schönheider Schuhhersteller Tom Rass, der 90 Prozent der Skispringer weltweit mit seinen Sprungstiefeln ausstattet, relativiert: "Ammanns Bindungsstab hat nur mit der entsprechenden Innovation im Schuh funktioniert", erklärt der Erzgebirger.

Den Hype um den angeblichen Wunderstiefel von Anders Jacobsen kann er jedoch nicht nachvollziehen. Der Norweger springt nach wie vor ein Modell von Rass, ließ sich aber eine Zusatzkonstruktion in den Schuh einbauen. Diese hat der Vater von Norwegens Trainer Alex Stöckl entwickelt. Deshalb springt Jacobsen nun also mit "Stöckl-Schuhen" - was zumindest gut klingt. In Wahrheit bringt dem Wikinger aber eine eingebaute Versteifung oder Schiene vorn an der Schuhzunge individuell einen Vorteil, der aber erst durch seine extrem gelenkigen Fußgelenke zum Tragen kommt. Der biegsame Jacobsen kann mit Hilfe der Schiene in der Anfahrtshocke seinen Körperschwerpunkt bereits weit nach vorn legen, ohne vorn überzukippen. Dadurch kommt er beim Absprung schneller in die Vorlage, verliert weniger an Geschwindigkeit und gewinnt letztlich an Weite. "Der Schuh ist aber nur ein Hilfs- und kein Heilmittel", meint Stöckl und sah sich bei der nassen Anlaufspur gestern bestätigt. Erik Simon traut dem gelernten Klempner Jacobsen dennoch weiter den Gesamtsieg zu: "Die Schuhdiskussion war überbewertet. Jeder muss für sich das optimale Material finden."

Nicht von der Hand zu weisen ist der psychologische Effekt. In Vancouver zog Ammann mit der damals so bezeichneten Bison-Bindung (Stab so krumm wie der Rücken eines Bison) dem Goldfavoriten Gregor Schlierenzauer den Zahn, während die Österreicher mit gescheiterten Protesten beim Weltverband FIS ihre Energie vergeudeten. Daraus haben die siegverwöhnten Austria-Adler offenbar gelernt, wobei sie durch die Disqualifikation von Andi Kofler bei dieser Tournee in Oberstdorf auch nicht die besten Karten für Proteste gegen Jacobsens Schuhwerk besaßen. Der Fall Kofler aber zeigt, wie aggressiv momentan um Vorteile gerungen wird. Bundestrainer Werner Schuster sagt sogar: "Es ist ein Materialkrieg im Gange. In allen Bereichen wird voll ausgereizt, manchmal auch die Grenze überschritten. Aber wir Deutschen sind fair." Der Österreicher zielte damit offenbar auf seinen Landsmann Kofler. Knapp sieben anstatt der erlaubten zwei Zentimeter soll der Spielraum zwischen Koflers Brustbereich und seinem Anzug betragen haben. Über angeblich subjektive Messungen, die zur Disqualifikation geführt hätten, wie die Österreicher argumentierten, konnte selbst Landsmann und FIS-Manager Walter Hofer nur müde lächeln.

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