Als sich Chemnitz um die Leichtathletik-EM bewarb

Heute vor 20 Jahren reichte die Stadt ihre Unterlagen für das sportliche Großereignis im Jahr 2002 ein. Das Konzept scheiterte. Die Schuld dafür gibt der Ex-Oberbürgermeister der damaligen Landesregierung.

Eine Stahlkonstruktion mit einem lichtdurchlässigen Foliendach, Anlagen für Leichtathletik sowie eine Rasenfläche für Fußballspiele und Platz für rund 45.000 Zuschauer - solch eine Arena könnte heute in Chemnitz stehen. Wenn die Stadt die Leichtathletik-Europameisterschaft im Jahr 2002 ausgerichtet hätte. Die Bewerbung dafür hat der damalige Oberbürgermeister Peter Seifert heute vor 20 Jahren eingereicht.

Die Idee dazu habe er bereits 1994 gehabt, sagt Seifert, heute Vorstand des Leichtathletik-Clubs (LAC) Chemnitz. "Wir hatten damals eine starke Leichtathletik-Szene in der Stadt", erinnert sich der Ex-OB. Unter anderem traten Weitspringerin Heike Drechsler und Diskuswerfer Lars Riedel für Chemnitz an. Zudem habe es Signale vom Europäischen Leichtathletik-Verband gegeben, dass die EM 2002 nach Deutschland vergeben werden soll und Chemnitz gute Chancen habe, berichtet Seifert - auch, weil der deutsche Haupt-Konkurrent um Zuschlag, die Stadt München, bereits mit dem Leichtathletik-Europacup 1997 ein großes Turnier gesichert hatte.

Die Chemnitzer Stadtverwaltung entschied sich zur Bewerbung für das Großereignis und das Stadtoberhaupt reichte die Unterlagen bei einem Besuch einer Delegation des Deutschen Leichtathletikverbandes am 25. November 1995 in Chemnitz ein. Vorgesehen war eine "EM der kurzen Wege" mit unter anderem günstigen Übernachtungsmöglichkeiten für die Sportler auf dem nahegelegenen Campus der TU Chemnitz. Herzstück des Konzepts war der Neubau eines Stadions nach einem Entwurf des Dresdner Architekten Professor Peter Kulka. Er und seine Partner hatten einen von der Stadt ausgeschriebenen Architektenwettbewerb gewonnen. Die futuristische Arena mit dem markanten lichtdurchlässigen Dach hätte etwa 120 Millionen D-Mark gekostet. Die Finanzierung sollte zu je einem Drittel über Stadt, Bund und Freistaat erfolgen, so Seifert. "Mit dem Stadtrat war ich mir weitgehend einig und auch vom Bundesinnenministerium hat es positive Signale gegeben", so der Ex-Oberbürgermeister. Entscheidend sei die Positionierung der Landesregierung unter Kurt Biedenkopf gewesen. Er habe mehrmals mit Biedenkopf gesprochen, sagt Seifert. In Dresden habe man Bedenken gehabt, dass das Stadion gebaut werde, die EM aber nicht nach Chemnitz geht. "Das war völliger Blödsinn. Wir hätten erst nach der Zusage angefangen zu bauen."

Am 18. Juni 1996 habe ihm der Freistaat eine Absage für Fördermittel erteilt. "Die Regierung hatte nicht begriffen, was das für eine Chance für Sachsen gewesen wäre", sagt Seifert heute. Er sei zwei Tage nach dem Anruf aus Dresden zum deutschen Leichtathletikverband gefahren und habe die Bewerbung zurückgezogen: "Die haben mich ungläubig angeschaut." München bekam den Zuschlag, Seifert reiste als Ehrengast zu dem Turnier. "Das war alles sehr ärgerlich. Die EM hätte eine Aufbruchstimmung ausgelöst", sagt Seifert. Mit der geplanten Arena hätte man außerdem Chancen auf die Ausrichtung eines großen Fußball-Spiels gehabt, beispielsweise eines Länderspiels.

Das derzeitige Stadion im Sportforum, dass umgebaut wird, sei nur eine "bessere Trainingsstätte", findet der LAC-Vorstand. Dort seien maximal Jugendmeisterschaften im kleineren Rahmen möglich. Der damalige Regierungs-Chef Kurt Biedenkopf sagte auf Anfrage, die Ereignisse seien zu lange her. Er könne sich deswegen nicht an Details erinnern.

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2Kommentare
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  • 3
    0
    SRMobile
    25.11.2015

    @KaKa : Absolut richtig dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich bin mir sicher wäre es Leipzig oder Dresden gewesen, würde heute dieses Stadion stehen. Analog zum Fahrzeugbau in Leipzig BMW, Porsche und Dresden VW. Alles nur absichtlich, mit Unterstützung der Landesregierung, dahin gefördert.

  • 7
    0
    KaKa
    25.11.2015

    Chemnitz war zu dieser Zeit in Punkto Leichtathletik ganz klar Weltspitze! Die Ausrichtung hatte man sich also ehrlich verdient. Wenn natürlich dann ein Stadtoberhaupt (SPD) als Bittsteller zur Landesregierung fährt, sind die Vorzeichen leider schlecht. Man verkennt in Dresden bis heute oftmals, dass man auch Gelder von Chemnitzer Steuerzahlern verteilt. Es sollte auf Dauer nicht so sein, dass man die Einen immer nur fördert und die Anderen mit Füßen tritt und auch noch zwingt zu bezahlen. Herr Biedenkopf hatte damals klar die Macht diese Förderung im Erfolgsfall der Bewerbung durchzuboxen. Er hat sich aber dagegegn entschieden und damit gegen eine große Chance einer sächsichen Stadt! Heute sind viele Sportler weg und wir haben ein verfallenes Sportforum. Herr Biedenkopf das ist somit auch ihr Werk, schämen Sie sich!



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