Die schwierige Vorbereitung eines Radsport-Klassikers

In diesem Jahr steht die Erzgebirgsrundfahrt des Polizeisportvereins unter ganz besonderen Vorzeichen. Bei der Organisation geht eine jahrzehntelange Ära zu Ende, und hinsichtlich der Strecke gibt es ungeahnte Probleme.

Bei der Frage, wann er kürzertreten und die Organisation der Erzgebirgsrundfahrt abgeben wollte, muss Roland Kaiser schmunzeln. "Das war 2004. Bloß gut, dass ich es nicht gemacht habe", sagt der Radsport-Funktionär. Es habe sich niemand gefunden, der seine Nachfolge antreten und die damit verbundene Verantwortung übernehmen wollte. Also spannte er sich weiter vor den Karren, bis er 2017 zu der Feststellung kam: "Ich stoße körperlich und nervlich an meine Grenzen." Diese Aussage traf Kaiser Ende Juni, kurz nach dem Top-Ereignis des Jahres in Chemnitz: der Deutschen Meisterschaft im Straßenradsport, deren Mitorganisator und sportfachlicher Leiter Roland Kaiser war. Emotional stark berührt, verkündete er seinen Abschied aus der ersten Reihe, wenn es um die Vorbereitung großer Wettkämpfe geht.

Dazu gehört in erster Linie die Erzgebirgsrundfahrt des Chemnitzer Polizeisportvereins (CPSV) als schwerstes Eintagesrennen in ganz Deutschland. Bei den bisher 24 Auflagen nach der Wende mit Start und Ziel am Einsiedler Brauhaus hatte Kaiser 22-mal den Hut auf. Damit soll Schluss sein - und der mittlerweile 77-Jährige hat endlich einen Nachfolger gefunden: Harald Janschewski, der in der städtischen Sportszene bekannt wie ein bunter Hund ist. "Früher war ich Leiter von Großsportveranstaltungen in Karl-Marx-Stadt, habe unter anderem die Gewichtheber-Europameisterschaft 1986, Leichtathletik-Länderkämpfe und Marathon-Läufe organisiert", berichtet Janschewski.

Nach der Wende legte er sich für den Chemnitzer Citylauf ins Zeug und zählte 1994 zu den Mitbegründern des Box-Clubs, dessen Maskottchen Wolf er entwarf. Zu jener Zeit hatte er auch schon eine enge Verbindung zur Erzgebirgsrundfahrt. "Damals war ich Marketingleiter der Einsiedler Brauerei. Gemeinsam mit dem RC Diamant haben wir die Rundfahrt wiederbelebt", sagt der heute 67-Jährige rückblickend. Als sich der Diamant-Verein nach finanziellen Problemen auflöste, wusste Janschewski, welchen Fachmann er anzurufen hatte: Roland Kaiser von der Radsportsektion des CPSV. "Innerhalb von zwei Monaten haben wir die nächste Tour auf die Beine gestellt", erinnert sich Janschewski.

Mehr als 20 Jahre später hat er sich bereit erklärt, die Nachfolge Kaisers anzutreten. "Ich habe das mit der Familie abgestimmt, denn ich bin auch als Opa gefragt", bemerkt der Pensionär. Auch ihm ist klar: Für die Organisation der stets im Mai stattfindenden Erzgebirgsrundfahrt muss man keine Vergnügungssteuer zahlen. "Die Vorbereitungen gehen im November los. In den letzten Wochen vor dem Termin wird das Ganze zum Vollzeit-Job", erklärt Roland Kaiser. So eine Großveranstaltung könne niemand "von null auf hundert" übernehmen. Deshalb bereite er als Übergangslösung die nächste Rundfahrt am 13. Mai gemeinsam mit Janschewski vor. Es gehe auch darum, dass sich sein Nachfolger die notwendigen Verbindungen zur Polizei, zur Verkehrsbehörde, zu Sponsoren oder zum Bund Deutscher Rad- fahrer aufbaut.

Kaisers Erfahrung ist in diesem Jahr besonders gefragt, denn die Vorbereitung der Rundfahrt erweist sich als äußerst schwierig. Gemeinsam mit Janschewski hatte er die reichlich 160 Kilometer lange Strecke durchs Erzgebirge festgelegt und mehrfach abgefahren. Alles schien in Butter zu sein - bis Kaiser vor wenigen Tagen eine Mail erhielt, die ihm schlaflose Nächte bereitet. "Wir hatten den Streckenverlauf Ende November an die Polizei und Verkehrsbehörde gemeldet und seitdem nichts wieder gehört", berichtet der 77-Jährige. Und jetzt habe ihn die Verkehrsbehörde informiert, dass es im Mai wegen Bauarbeiten zu mehreren Voll- und halbseitigen Sperrungen im Erzgebirge kommt. "Das betrifft mindestens ein halbes Dutzend Streckenabschnitte. Wir müssen uns Verlegungen überlegen. Bis Ende dieses Monats muss die neue Strecke stehen", sagt Kaiser und betont: "Die Erzgebirgsrundfahrt findet auf jeden Fall statt."


Als Täve nass gemacht wurde

Die zwischen 160 und 170 Kilometer lange Erzgebirgsrundfahrt gilt als schwerstes Eintagesrennen Deutschlands. Seit 2001 wird der Wettbewerb als Bundesliga-Rennen ausgetragen. Viele junge Rennfahrer haben sich im Erzgebirge erste Meriten verdient, um später eine große Karriere zu starten. Dazu zählen Marcus Burghardt und John Degenkolb.

Bekanntester Sieger war 1954 Täve Schur in einem denkwürdigen Rennen. Der spätere Weltmeister lag nach 130 Kilometern allein vorn, als ihn ein Zuschauer mit einem Eimer Wasser erfrischen wollte und ihn dabei zu Fall brachte. Obwohl sein Rad repariert werden musste, gewann Schur am Ende mit mehr als fünf Minuten Vorsprung. (ms)

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