Die seltsame Saison des Eishockey-Clubs

Die Chemnitz Crashers haben ihr sportliches Ziel nicht erreicht. Dennoch hat die Sportart in der Stadt deutlich an Popularität gewonnen. Damit verbunden sind ehrgeizige Vorhaben für die nächsten Jahre.

Der Chemnitzer FC und die Niners-Basketballer führen die Zuschauertabelle im städtischen Sport an. Über den drittplatzierten Verein gibt es spätestens seit dieser Saison keine Diskussionen mehr: Es ist der ESV Chemnitz mit seinem Eishockey-Team der Crashers. Der Viertligist hat im gerade zu Ende gegangenen Spieljahr durchschnittlich rund 550 zahlende Zuschauer angelockt. Diese Resonanz ist umso bemerkenswerter, da die Puckjäger ihren Ansprüchen nicht gerecht wurden. Anstatt wie erhofft ganz oben mitzuspielen und die Playoffs der besten vier Mannschaften zu erreichen, müssen sich die Crashers mit Rang fünf oder sechs in der Regionalliga Ost begnügen. Für den Sportlichen Leiter Torsten Buschmann sind die Gründe personeller Natur. "Uns klebte das Pech an den Schlittschuhen, so etwas habe ich noch nie erlebt", sagt Buschmann.

Der aus 27 Mann bestehende Kader des Männerteams sei in der Zeit bis Weihnachten teilweise auf zehn, elf Spieler geschrumpft. "Rund ein Drittel des Aufgebots fiel verletzungsbedingt oder wegen beruf- licher Dinge aus. Wir sind eben eine Amateurmannschaft", erklärt Buschmann. Ein weiteres Drittel des Kaders seien Spieler des U-19-Teams. Wenn Partien in der Nachwuchsliga anstanden, kamen sie zumeist dort zum Einsatz. "Die Enttäuschung über unsere Platzierung ist groß. Aber aufgrund der vielen Ausfälle konnten wir mit den Spitzenmannschaften, die während der Spiele mehr Wechselmöglichkeiten hatten, einfach nicht mithalten", gibt Torhüter Pierre Ulbricht zu bedenken.

Er war im vorigen Sommer nach zwei Jahren bei den Jungadlern Mannheim nach Chemnitz zurückgekehrt. "Mich hat die Sehnsucht nach meinem Heimatverein geplagt. Zudem gab es in Mannheim ein paar Konflikte mit dem Trainer", berichtet der 19-Jährige, der seine sportliche Zukunft bei den Crashers sieht. Vorausgesetzt, die Gesundheit spielt mit. "Ich habe Probleme mit der Hüfte", sagt Ulbricht. Ziel der Mannschaft sei es, die Dritte Liga zu erreichen. "Aber noch nicht in der nächsten Saison", ergänzt der junge Keeper.

Dabei könnten die Crashers 2018/2019 in der Oberliga antreten. Ihnen wurde laut Sportchef Buschmann eine sogenannte Wild Card angeboten. Buschmann will aber frühestens in zwei bis drei Jahren aufsteigen. Wohl wissend, dass die dritthöchste Spielklasse bereits eine Profi-Liga ist, in der siebenstellige Etats zur Normalität gehören. "Ein Millionen-Budget steht für uns jedoch nicht zur Debatte", betont der 42-Jährige. Vielmehr wolle man die Früchte seiner intensiven Nachwuchsarbeit ernten. "Viele selbst ausgebildete Talente werden nachrücken, von denen wir einige in die Männermannschaft einbauen und somit Profi-Stellen sparen können", erklärt Buschmann. Das alles soll unter der Führung eines erfahrenen Trainers passieren, dessen Verpflichtung unmittelbar bevorstehe. "Wir sind uns einig. Der Vertrag ist aber noch nicht unterschrieben", sagt Buschmann, der den Namen vorab nicht verraten will. Nur so viel gibt er preis: "Es handelt sich um einen Coach, der schon auf höchstem Niveau, darunter bei Nationalmannschaften, gearbeitet hat."

Bis 2017 hatte Buschmann die Crashers selbst trainiert. Wegen zahlreicher anderer Aufgaben im Verein gab er das Amt auf. Seine Nachfolge traten die Routiniers Tobias Rentzsch und Karsten Stiegler an, die in die Rollen von Spielertrainern schlüpften. Bis Weihnachten sollte eigentlich schon ein neuer Coach gefunden werden. "Bei uns sind etwa 20 Bewerbungen ein- gegangen, bis hin zu finnischen Profi-Trainern, deren Gehaltsforderungen aber viel zu hoch waren", berichtet Buschmann. Eine Verpflichtung hätte das derzeitige Saisonbudget von reichlich 250.000 Euro gesprengt.

Auch die Crashers hoffen, von der neuen Eishockey-Euphorie in Deutschland nach den grandiosen Auftritten der Nationalmannschaft bei Olympia profitieren zu können. "Schade, die Winterspiele sind für uns ein bisschen zu spät gekommen", sagt Buschmann hinsichtlich der schon beendeten Saison der Chemnitzer. Positive Auswirkungen des kleinen Sportwunders von Südkorea gab es aber auch schon im Küchwald. "Wir haben seit Olympia mindestens zehn Neuanmeldungen im Nachwuchs beziehungsweise in unserem Hobbyteam", berichtet der 42-Jährige. Er hoffe auf einen allgemeinen Aufschwung im deutschen Eishockey, wie ihn einst die Basketballer erlebten, als Dirk Nowitzki in der amerikanischen Profi-Liga NBA durchstartete.


Kommentar: Der schlummernde Riese

Noch üben sich die Chemnitzer Eishockey-Verantwortlichen in Zurückhaltung. Liga drei, die bereits eine Profi- Spielklasse ist, kommt für sie derzeit nicht infrage. Und das ist gut so. In den vergangenen 25 Jahren gab es in dieser Sportart schon viele Versuche, Erfolg mit finanziellen Risiken zu erreichen. Die Folgen waren mitunter schmerzhaft und führten wie im Falle der Wild Boys 2014 sogar zur Insolvenz, verbunden mit einem enormen Vertrauensverlust bei Stadt und Sponsoren.

Umso erfreulicher ist der Weg, den die jetzigen Macher um Torsten Buschmann eingeschlagen haben. Statt sinnloser Investitionen in überalterte Eishockey-Wandervögel fürs Männerteam wird ein eigenes sportliches Fundament geschaffen, sprich, die Nachwuchsarbeit vornan gestellt. Mit den selbst ausgebildeten Spielern sollte es möglich sein, in den nächsten Jahren ein bezahlbares Profi-Team auf die Reihe zu bekommen. Denn in diese Richtung muss die Reise gehen: Eishockey ist ein schlummernder Riese in der Chemnitzer Sportlandschaft. Die Crashers locken schon in Liga vier mitunter 1000 Zuschauer und mehr an. In der deutlich attraktiveren Dritten Liga wäre die Resonanz noch höher - Motivation genug, den Riesen zu wecken.

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