Russischer Routinier zeigt am Schachbrett seine Klasse

Stanislav Azimov ist zum vierten Mal Chemnitzer Stadtmeister geworden. Das Interesse des 64-Jährigen gilt auch dem Fußball, wobei er die bevorstehende WM mit besonderen Augen sieht.

Der Titelkampf war nichts für schwache Nerven. Bei den offenen Chemnitzer Stadtmeisterschaften im Schach lieferte sich Stanislav Azimov von der Universitätssportgemeinschaft (USG) ein packendes Duell mit seinem Vereinsgefährten Julian Kabitzke. Am Ende hatte der russische Routinier die Nase vorn: Azimov holte sich mit acht Punkten aus neun Runden bereits zum vierten Mal die Trophäe. "Über diesen Titel freue ich mich am meisten. Die acht Zähler waren mein bestes Resultat", sagt der 64-Jährige. Er sei nicht der Favorit gewesen. "Zwei, drei Kontrahenten waren höher eingestuft als ich", betont der Denksportler, der 2007 aus familiären Gründen nach Chemnitz kam.

Azimov stammt aus Orjol, einer Stadt knapp 400 Kilometer südwestlich von Moskau. Sein Vater habe ihm die Schach-Regeln beigebracht. Es dauerte jedoch noch lange, bis er sich intensiver mit dem königlichen Spiel beschäftigte. "Das war während meines Mathematiklehrer- Studiums. Ich habe nur kurz in diesem Beruf gearbeitet, bin später Programmierer geworden", berichtet Azimov. Er trägt den Titel FIDE-Meister - die weltweit dritthöchste Einstufung als Schach- spieler hinter Großmeister und Internationalem Meister.

Azimov bereitet sich akribisch auf seine Wettkämpfe vor. "Ich kenne jeden Gegner mit seiner Spielweise sehr gut. Täglich sitze ich zwei bis drei Stunden am Computer, in dem ich sechs Millionen Partien gespeichert habe", sagt der Familienvater, als wäre es die normalste Sache der Welt. Sein Vorbild ist der 1946 verstorbene Ex-Weltmeister Alexander Aljechin, der die Sportart von 1927 bis zu seinem tragischen Tod - er erstickte in einem Hotel in Portugal an einem Stück Fleisch - dominierte. "Aljechin hat immer wieder neue Varianten des Schachspiels ent- wickelt und sehr variabel gespielt", erklärt Azimov, der sich bei der USG auch menschlich wohlfühlt. "Ein russischer Freund in Chemnitz hat mich zu dem Verein gebracht, der mein zweites Zuhause geworden ist", berichtet der 64-Jährige.

In den eigenen vier Wänden konnte er die Leidenschaft für sein Hobby noch nicht so recht entfachen. "Meine Frau hat mit Schach nichts am Hut. Ab und zu spiele ich mit meiner neunjährigen Tochter, die Eiskunstläuferin bei der USG ist", erzählt Azimov. Gewinnen lässt er sie aber nicht. "Nach zehn bis zwölf Zügen sind unsere Partien zu Ende", bemerkt der Stadtmeister, der sich die nächsten Ziele setzt. "Ich will den fünften Titel in Chemnitz holen", sagt Azimov. Zudem hofft er, beim stark besetzten "Turm Open", das immer Anfang Oktober in der Stadt ausgetragen wird, einen Rang unter den ersten Fünf zu erreichen.

Der Wahl-Chemnitzer interessiert sich auch für Fußball. Die bevorstehende Weltmeisterschaft sieht er mit besonderen Augen, schließlich findet sie in seinem Heimatland statt. "Vor allem die Spiele von Russland, Deutschland, Brasilien und Spanien werde ich mir anschauen", sagt Azimov. Er hoffe, dass die russische Mannschaft weit kommt: "Richtig daran glauben kann ich aber nicht. Dem Team fehlen die Weltklassespieler. Vielleicht überstehen sie wenigstens die Vorrunde." Bei der Frage nach der deutschen Elf kommt der studierte Mathematiker bei ihm durch. "Deutschland erreicht zu 100 Prozent das Finale und wird mit 70-prozentiger Sicherheit Weltmeister", sagt Azimov - und muss selbst über seine Prozentrechnung schmunzeln. Zwischen Schach und Fußball gebe es viele Parallelen. Der Russe nennt die aus seiner Sicht auffälligsten. "In beiden Sportarten werden Kombinationen gezeigt. Ein Schachspieler verteidigt und greift an, das macht ein Fußballer auch", erklärt Azimov. Im Schach gewinne derjenige, der den Spielverlauf besser und weiter im Voraus berechnet. Das sei auch im Fußball so. Und schließlich benötige man in beiden Sportarten eine Portion Glück, "dass der Gegner beispielsweise einen eigenen Fehler nicht bestraft", so Azimov.

Zur immer wieder laut werdenden Kritik an der Politik Russlands unter Präsident Putin will er sich nicht weiter äußern. Allerdings könne die Fußball-Weltmeisterschaft in dem Zusammenhang zur Entspannung beitragen. "Menschen aus der ganzen Welt werden zur WM reisen, sprechen miteinander und lernen dabei auch viele russische Leute kennen. Das kann zu mehr Verständigung führen", unterstreicht der beste Chemnitzer Schachspieler.

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