"Schach wie eine Sucht"

Günter Schmidt ist dem Denksport seit über sechs Jahrzehnten auf vielfältige Weise verbunden. Dafür hat er nun eine besondere Ehrung erhalten.

Bevor er Lesen und Schreiben lernte, konnte er schon Schach spielen. "Mit drei Jahren habe ich damit angefangen. Mein Vater spielte Fernschach. Ich habe zugeschaut und schnell mitgekriegt, wie die Männeln zu setzen sind", berichtet Günter Schmidt. Die erzgebirgische Bezeichnung der Figuren kommt nicht von ungefähr, denn seine Kindheit spielte sich längere Zeit in Zöblitz ab. Schmidt, der vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag feierte, wurde 1946 in Berlin geboren. "Dort hatte mein Vater ein Geschäft, das genau wie die Wohnung von Bomben zerstört wurde", erzählt Schmidt. Nach dem Krieg habe die Familie praktisch zwischen Trümmern gelebt, bevor sie 1947 ins Erzgebirge zog, der Heimat seiner Mutter.

Dass sich Günter Schmidt als Knirps für die Schachpartien des Vaters interessierte, hatte einen Vorteil. "Er hat sich darüber gefreut, und ich durfte abends länger aufbleiben", sagt Schmidt im Rückblick. Damals ahnte er noch nicht, dass ihn das königliche Spiel ein Leben lang begleiten würde. 1955 zogen die Schmidts nach Karl-Marx-Stadt, wo der junge Günter seinem Steckenpferd weiter frönte. "Es war aber stets klar, dass Schach nicht mehr als ein Hobby ist. Ich war trainingsfaul und habe auch viel Fußball gespielt", berichtet der 70-Jährige.

Dennoch feierte er einen großen Erfolg. Das war 1961, als er in Erfurt DDR-Vizemeister der Schüler wurde - für ihn der größte Moment als Einzelspieler. 14 Jahre später sollte ein unvergessliches Mannschaftserlebnis folgen. "Mit der BSG Lok Karl-Marx-Stadt bin ich in die Sonderliga aufgestiegen, die höchste Spielklasse in der DDR", berichtet Schmidt. Der Lok-Truppe sei es gelungen, die Liga über viele Jahre zu halten. Ab 1983 allerdings ohne Sportfreund Schmidt, der sich verstärkt seiner beruflichen Karriere widmete und promovierte. "Ich war im Elektrogerätewerk als Direktor für Organisation und Datenverarbeitung tätig", erklärt der gebürtige Berliner. 1990 sei er Geschäftsführer des Unternehmens geworden.

Doch irgendetwas fehlte ihm. Na klar: Es war der Schachsport. "Ende 1997 habe ich beim SV Eiche Reichenbrand wieder angefangen. Danach konnte ich nicht mehr aufhören, es war wie eine Sucht", bemerkt der Denksportler, der in seinem Schach-Leben auch eine Reihe von Funktionen bekleidete. Heute als Rentner muss er aufpassen, dass er beim Aufzählen seiner Ehrenämter keines vergisst. Er ist Vorsitzender des Schachverbandes Chemnitz sowie des Fördervereins SV Rochade, dazu Schach-Abteilungsleiter bei Eiche Reichenbrand und Organi- sations-Chef der stark besetzten Turniere Chemnitzer Turm Open und Sparkassen-Cup. In diesem Jahr nahm er mit einem eigenständigen Team des SV Eiche sogar an der Senioren-WM in Radebeul teil.

Für sein Engagement ist Schmidt schon des Öfteren geehrt worden. Jetzt bekam er eine besondere Auszeichnung: die Ehrennadel des Landessportbundes in Gold. Dabei sieht der rührige Ruheständler seine Mission noch längst nicht als erfüllt an. Zumindest ein Problem der Chemnitzer Schachszene würde er gern noch lösen. "Wir haben an Schulen massenhaft Nachwuchs. Es sind bestimmt 500 Kinder, die dort spielen", sagt Schmidt. Es gelinge jedoch nicht, die Mädchen und Jungen in Vereine zu integrieren. "Schachleute sind meist introvertiert. Das Interesse, sich mit Kindern zu beschäftigen, ist dort kaum vorhanden", ärgert sich der Schach-Dauerbrenner.

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