Alter Bekannter zurück: "Klinge" beerbt "Welle"

Der frühere Kapitän des FCE Aue, René Klingbeil, trainiert jetzt Fußball- Landesligist FC Lößnitz. Im Erzgebirge fühlt er sich aber schon seit 2008 wohl.

Lößnitz.

Als Jaqueline Schöniger vom FC Lößnitz René Klingbeil vor ein paar Wochen fragte, ob er sich vorstellen kann, das Landesligateam des FCL als Trainer zu übernehmen, bat er sich eine Woche Bedenkzeit aus. Eigentlich wollte "Klinge", der von 2008 bis 2015 das Trikot des FC Erzgebirge Aue trug, mit dem Fußball ganz aufhören. "Ich habe dann mit mir selbst verhandelt", sagt der 36-Jährige lachend. Die Verhandlungen gingen für die Lößnitzer gut aus. Klingbeil sagte zu, obwohl er weiß, dass er dafür die B-Lizenz erwerben muss. Die C-Lizenz bekam er als früherer Bundesliga-Profi automatisch.

Erst aber fragte er bei Mike Welwarsky nach. Dem Vorgänger in die Parade fahren, das wollte der Wahl-Erzgebirger keinesfalls. Erfolgstrainer "Welle", der die Lößnitzer in die Landesliga führte, bestätigte ihm, dass er aufhören will. "Wir kennen uns sehr gut, er ist mein Nachbar", so Klingbeil. ",Welle' hat super Arbeit geleistet: Erst der Aufstieg, dann der Klassenerhalt. Das sind große Fußstapfen, in die ich da trete."

Sein neues Team lernte Klingbeil schon kennen: "Ich habe per Telefon oder direkt bereits mit jedem gesprochen." Und sein Eindruck? Durchweg positiv. "Die Mannschaft ist gut, es steckt viel Qualität drin. Einen großen Umbruch planen wir nicht." Dem 36-Jährigen, der sich seit 2008 im Erzgebirge wohl fühlt, in Lößnitz sogar ein Haus gebaut hat, ist klar, dass für ihn eine neue Zeitrechnung beginnt: "Das ist kein Profifußball mehr." Im Klartext: Kein Spieler lebt vom Sport, jeder geht einer Arbeit nach oder macht eine Ausbildung. "Die Jungs müssen kommen und Spaß haben. Sie müssen dafür brennen." Sicher habe er wie jeder Coach das Ziel, die Mannschaft zu formen und weiterzuentwickeln. "Sportlich und persönlich, wie man immer so schön sagt", meint er spitzbübisch.

Fast 20 Jahre lang hat sich Klinge persönlich und sportlich weiterentwickeln lassen. "Meinen ersten Profivertrag habe ich mit 17 unterschrieben. Ich bin dankbar, dass ich bis 36 aktiv spielen konnte." Dass es so kam, sei dem FC Carl Zeiss Jena, konkret Lutz Lindemann, zu verdanken. Als "Klinge" vor zwei Jahren am Tiefpunkt seiner Karriere war, klingelte er bei ihm an und fragte, ob er in der vierten Liga bei den Thüringern spielen will. Kurz zuvor war Klingbeils Welt ein Stück zerbrochen. Als der FCE nach dem Abstieg 2015 nicht mehr mit ihm plante, wollte er die Töppen an den Nagel hängen. "Das hat mich damals hart getroffen. Ich bin dann erst mal weg - eine Woche Mallorca, wollte niemanden hören und sehen", erinnert er sich. Dass der Ruf aus Thüringen kam, sieht er heute als Glücksfall. "Ich bin froh, dass ich den Schritt gemacht habe", sagt der Familienvater. Zwei intensive Jahre seien es gewesen: "Wir sind Meister geworden, haben den Aufstieg geschafft, im DFB-Pokal gegen den HSV gespielt."

Das versöhnte ihn auch mit der Geschichte zuvor: "Die Stunden in Heidenheim, nach dem Abstieg, die waren bitter. So willst du nicht von der Bühne gehen. Doch der Fußballgott hatte ein Einsehen, hat mir Carl Zeiss Jena geschenkt." Auch wenn die letzte Spielzeit nur funktionierte, weil das Trainerteam ihn "in Watte packte" und die medizinische Abteilung perfekt gearbeitet hat. "Wir haben am dritten Spieltag die Tabellenführung übernommen. Da kam der große Traum noch einmal." Motivation pur und das beste Schmerzmittel. "Ich bin völlig am Limit gewesen, vielleicht sogar darüber."

Jetzt spüre er die innerliche Ruhe, die eingezogen ist, sagt der 36-Jährige, der aktuell eine Ausbildung zum Finanzberater absolviert. Und auch da schließt sich ein Kreis. "Für Zahlen und Mathematik hatte ich schon immer ein Faible", sagt Klingbeil.

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