FC Erzgebirge Aue: Suche fördert Gründungsdatum zutage

Auf Initiative der aktiven Fanszene der Veilchen soll in wenigen Tagen das 70-jährige Vereinsbestehen gefeiert werden. Der 4. März 1946 als Termin ist allerdings sehr zweifelhaft. Recherchen der "Freien Presse" führten zu einem FCE-Anhänger, der eine Entdeckung gemacht hat.

Aue.

Auf Fahnen und anderen Fanartikeln trägt es der FC Erzgebirge Aue nach außen: "Kumpelverein - weil wir anders sind." Das sind die Veilchen wirklich, und zwar bis hin zu ihren Wurzeln. So will die aktive Fanszene am 4. März das 70-jährige Bestehen ihrer großen Liebe feiern, während andere sich fragen: Wie kann man sich so verrechnen?

Fakt ist, der FC Erzgebirge Aue hat ein Problem mit seinem Gründungsdatum. Oder vielmehr mit dem des Vorgängers, auf den man sich in Sachen Herkunft bezieht. Während andere Vereine beim Blick zurück möglichst weit in die Vergangenheit vordringen wollen, herrscht im Umfeld des FCE zumindest bisher Einigkeit darüber, dass die wirklich ruhmreiche Geschichte des Auer Fußballs erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Doch dann trennen sich die Wege.

Derzeit gibt es zwei Hauptströmungen und viel Kuddelmuddel. Da sind zunächst jene, die in wenigen Tagen zur großen Feier blasen. Für sie steht als Gründungsdatum der 4. März 1946. Aber wie kommt es dazu? Unstrittig ist, dass sich nach dem Krieg und der Auflösung aller Ver- eine durch die Besatzungsmächte ein paar Unermüdliche zusammenfanden, um die Fußballtradition des SV Aue fortzusetzen. Darüber berichten beispielsweise Armin Günther und Willy Tröger im Buch "Das war Wismut Aue". Demnach gründeten Enthusiasten eine Sektion und sogar eine Sportgemeinschaft, die ihr erstes Spiel gegen Bernsbach schon am 20. August 1945 bestritten haben soll. Der 4. März 1946 spielt bei ihnen jedoch keine Rolle. Zeitungsmeldungen zu diesem Datum ließen sich ebenfalls nicht finden.

Und doch hält sich der 4. März 1946 - übrigens ein Rosenmontag - hartnäckig. Er taucht als Gründungsdatum für die Veilchen zum Beispiel in einem in der DDR von Günter Simon und Bernd Rohr 1987 herausgegebenen Fußball-Lexikon auf. "Freie Presse" hat den inzwischen hochbetagten Sportjournalisten Simon gefragt, wie er seinerzeit an das Datum gekommen ist. Aber auch er stützte sich damals vor allem auf die Vereine. Und der "Freien Presse" liegen Informationen vor, wonach der FCE auf seiner Internetseite noch 2006 den 4. März 1946 als "Geburtsstunde" seines Vorgängervereins Pneumatik Aue angab. Heute steht da der 24. September 1949.

Jörg Püschmann gehört zur "Erzbrigade" und damit zu den Mitinitiatoren der für Anfang März geplanten Feierlichkeiten. Unter anderem ist am 4. März ein "Jubiläumsspaziergang" von der Parkwarte zum Erzgebirgsstadion geplant, und am 6. März beim Heimspiel des FCE gegen den FSV Mainz II soll es eine aufwendige Choreografie aus Anlass des 70-jährigen Vereinsbestehens geben. Im Internet ruft ein Graffiti-Szene-Portal sogar zu einem "Malwettbewerb" unterm Motto "70 Jahre Wismut Aue auf". Und das alles für ein eher zweifelhaftes Jubiläum? "Die aktuelle Vereinssatzung bezieht sich auch auf die Sportgruppe Aue als Vorgänger des FC Erzgebirge. Und die gab es nun mal schon vor 1949", sagt Jörg Püschmann unter Anspielung auf das bislang vom Verein favorisierte Gründungsdatum. Der 4. März 1946 sei durch Veröffentlichungen und Überlieferungen hängengeblieben. So habe er einmal von einem älteren Mann die Geschichte gehört, wonach sich just an jenem Rosenmontag im Jahr 1946 Auer Kicker von einem hochrangigen russischen Offizier beim gemeinsamen Feiern die Freigabe zum organisierten Sporttreiben holten. "Weil das damals ja noch verboten war." Er finde, die Geschichte passe irgendwie wunderbar zu den Veilchen - und damit auch das Datum.

Geschichten vor Geschichte also? Das ist Wolfgang Schwarzers Sache nicht. Auf den Rodewischer wurde "Freie Presse" durch einen Hinweis von Burkhard Schulz aufmerksam, der sich selbst mit den Lila-Weißen und ihrer Historie beschäftigt. Wenn einer etwas zum Thema Gründung herausgefunden habe, dann Schwarzer. In der Tat ist der Vogtländer bei seinen Recherchen zu Veilchen-Statistiken über den "berühmten" Rosenmontag gestolpert. Danach hat sich der FCE-Fan intensiv damit beschäftigt - und hat nichts entdeckt, was diesen Termin irgendwie glaubhafter erscheinen lässt. Schon gar nicht im Sinne einer Vereinsgründung.

"Denn bis zum 1. August 1948 durften in Ostdeutschland überhaupt keine Vereine und Sport- gemeinschaften gegründet werden. Es gab nur Sportgruppen oder sogenannte Sparten. In diesen haben sich etwa Fußballer einfach zusammengefunden, und dann spielte halt Aue gegen Bernsbach, aber nicht organisiert als Verein", erklärt der Rechtsanwalt und leidenschaftliche Sammler von DDR-Fußball-Programmen. Die Sportgruppen wurden nach dem März 1946 von der Freien Deutschen Jugend (FDJ) übernommen. Aus Schwarzers Sicht jedenfalls ist der 4. März als Jubi-läumstermin nicht haltbar.

Nicht viel besser steht es offenbar um den vom FCE zuletzt in Anlehnung an die BSG Pneumatik als Vorgänger bevorzugten 24. September 1949. Denn auch dazu herrscht ein ziemliches Durcheinander. Wie schon erwähnt, gab selbst der FCE vor einigen Jahren als "Geburtsstunde" von Pneumatik noch das Jahr 1946 an. Und in Günter Simons Fußball-Lexikon heißt es, dass die Auer von 1946 bis 1949 als Pneumatik Aue spielten. Das kann natürlich nicht sein, da Sportvereine eben erst ab August 1948 gegründet werden durften. Aber auch Willy Trögers und Armin Günthers Buch legt nahe, dass die Erzgebirger schon vor Ende September 1949 als Pneumatik Aue aufliefen. Weitere Belege sind Zeitungsartikel von Anfang September 1949 und ein Ansetzungsheft vor der Saison 1949/50, in denen die BSG Pneumatik bereits auftaucht.

Komplettiert wird das Verwirrspiel durch die Ausgabe 1 der Clubzeitung des FC Wismut Aue vom 17. August 1990. Da wird als BSG-Gründungsdatum der 15. Januar 1949 angeben. Das entlockt Wolfgang Schwarzer dann nur noch ein müdes Lächeln. Er greift in seine Programm-Sammlung und zieht ein Heft aus dem Februar 1949 hervor, auf dem SG Aue zu lesen steht.

Lothar Schmiedel, früherer Auer Spieler und Vereinsgeschäftsführer, ist nach eigenen Worten ein Verfechter der Variante mit der BSG Pneumatik und dem 24. September 1949. So wie es in einer Festschrift zum 40-jährigen Bestehen 1989 nachzulesen ist: "Am 24. September 1949 wurde ein für den Sport im Erzgebirge historischer Akt vollzogen. Es erfolgte die Gründung der Betriebssportgemeinschaft Pneumatik Aue." In den Zeitungen von damals fand sich allerdings kein Hinweis auf den "historischen Akt". Woher das Datum kommt, weiß auch Schmiedel nicht. Er habe es von seinen Vorgängern übernommen.

Diesen Pfad weiter zu verfolgen, ist in Anbetracht der aktuellen Satzung des FCE aber gar nicht nötig. Denn da heißt es: "Der Verein versteht sich als traditioneller Nachfolger der Auer Vereine SG, Pneumatik, Freiheit Wismut, Zentra Wismut und der Abteilung Fußball der Betriebssportgemeinschaft Wismut Aue." Damit sind also anscheinend jene Fans im Recht, die sich Anfang März mit ihrer Jubiläumsfeier auf die SG Aue als Erste in der historischen Reihenfolge berufen. Und auch wieder nicht. Schließlich spricht die Satzung eindeutig vom Verein SG, und als Verein kann es die SG nicht vor dem 1. August 1948 gegeben haben.

Genau da kommt Wolfgang Schwarzer wieder ins Spiel: Nachdem er sich durch all die Regelungen der Nachkriegszeit gewühlt hatte, musste der Rodewischer "nur" noch den offiziellen Gründungstermin finden. Und das gelang ihm tatsächlich: In der "Freien Presse" Südwestsachsen vom 7. August 1948 wird auf der Lokalseite Erzgebirge über die Gründung der Sportgemeinschaft Aue berichtet. Erfolgt ist diese am Dienstag zuvor, also am 3. August 1948, im Café "Freundschaft". Die Wahl des SG-Leiters wurde noch zurückgestellt. Wenig später übernahm Oskar Nackel das Amt. Zur SG gehörten damals neben Fußball bereits die Sparten Handball, Turnen, Schwimmen, Kegeln, Schach, Wintersport und Tischtennis.

Der FCE ist unterdessen die Unklarheit in Sachen eigene Geschichte auch leid. Präsident Helge Leonhardt hat das Thema quasi zur Chefsache erklärt, und Mitarbeiter des Vereins stöbern in Archiven. "Wir gehen sehr sorgfältig mit der Sache um und nehmen uns die nötige Zeit, alles genau zu prüfen", sagte Leonhardt gestern, nachdem er im Gespräch mit "Freie Presse" vom Gründungstag der SG Aue erfahren hatte.

Der 3. August ist übrigens noch in anderer Hinsicht ein historisches Datum für den FC Erzgebirge Aue: Am 3. August 2003, also auf den Tag genau 55 Jahre nach der Gründung der Sportgemeinschaft Aue, bestritten die Veilchen im Lößnitztal gegen Jahn Regensburg ihr erstes Spiel in der 2. Fußball-Bundesliga.

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