Jugend lässt wieder auf Olympia hoffen

Am Fichtelberg sind im vergangenen Winter nicht alle Rennrodelträume aufgegangen - Der Nachwuchs erreicht aber beachtliche Ergebnisse

Nicht alle Wünsche sind bei den Rennrodlern in der abgelaufenen Saison in Erfüllung gegangen. Trotzdem blicken sie angesichts des Nachwuchses zuversichtlich nach vorn, wenngleich sich beim Personal Lücken auftun. Mit dem verantwortlichen am Stützpunkt in Oberwiesenthal, Torsten Wustlich, hat Thomas Schmidt über Vergangenes und Kommendes gesprochen.

Freie Presse: Herr Wustlich, Oberwiesenthal gilt seit Jahrzehnten als Rodelmacht. Warum ist es im vergangenen Winter keine gewesen?

Torsten Wustlich: Weil wir nicht alle unsere Ziele erfüllen konnten. Vor allem bei den Erwachsenen nicht.

Woran machen Sie das fest?

Ganz einfach, an Olympia. 20 Jahre nach den Spielen von Nagano ist es wieder passiert, dass sich niemand aus unseren Reihen qualifiziert hat. Ralf Palik ist in der deutschen Qualifikation knapp gescheitert, Julia Taubitz ebenso.

Weshalb ist das Ihrer Meinung nach passiert?

Es ist schwer einzuschätzen, wenn man nicht direkt mit der Mannschaft beziehungsweise mit den Sportlern unterwegs ist.

Heißt das, Taubitz und Palik haben im Hochleistungsschlittenland keine Zukunft?

Nein, beide haben definitiv das Zeug, ganz oben in der Welt mitzufahren. Ralf hat es ja mit WM-Silber 2016 schon klar bewiesen, Julia mit ihrem U-23-WM-Sieg ebenso.

Aber beide verlassen Oberwiesenthal als Trainingsmittelpunkt. Keine gute Werbung für den Standort, oder?

Das hat verschiedene Gründe. Julia zieht der Liebe wegen nach Oberhof, von Ralf konnte auf der Bühne zum jüngsten Empfang jeder hören, was den Ausschlag gegeben hat. Ohne hauptamtlichen Schlittentechniker, den es bei uns leider seit Jahren nicht mehr gibt, fühlt er sich in der absoluten Spitzenklasse nicht konkurrenzfähig.

Klingt wie eine Art Abgesang fürs Rodeln der Erwachsenen, täuscht das?

Nein, denn Chris Eißler ist noch da. Aber in der Tat, wir müssen wohl ein Tal durchschreiten.

Schaut es im Nachwuchs besser aus?

Ja, da sind wir auf einem guten Weg, das belegen verschiedene Ergebnisse der abgelaufenen Saison.

Welche?

Nun zunächst der Titelgewinn von Florian Müller im Weltcup der A-Jugend. Er hatte zwar den Sprung zu den Junioren nicht ganz geschafft, dann aber aufgetrumpft.

Wo liegen denn die gravierenden Unterschiede, die Bahnen sind doch die gleichen?

In den Starthöhen. Die Junioren fahren dort los, wo es auch die Männer tun. Da hatte Flo als Jüngster zu wenig Erfahrung, vielleicht auch etwas Respekt. In der A-Jugend trumpfte er aber auf, gewann vier der sechs Rennen und wurde zweimal Zweiter. Inzwischen haut auch seine Fahrlage wieder hin, wie der Sieg im Jugendcup und Platz 2 zur deutschen Meisterschaft belegen. Da hat er in Altenberg immerhin zwei der älteren Junioren-Weltcup-Rodler hinter sich gelassen. Florian ist ein guter Starter, starker Fahrer, durch sein früheres Training im Handball und im Turnen zudem vielseitig ausgebildet. Er kann ganz oben ankommen.

Und die anderen?

Isabell Richter bringt im Training durch ihre Athletik und Fahrweise sehr gute Werte und Laufzeiten, wackelt aber in den Wettkämpfen oft, weil sie zu genau fahren möchte. Ähnlich stellt sich das bei Pascal Kunze dar. Anders ist es bei Timon Grancagnolo. Er zählt zu den Wettkampftypen, aber auch ihm passieren Fehler. Generell sind alle drei für ihr Alter sehr gut, athletisch stark. Timon als Jugendcupsieger, Vierter der DM und bereits Vierter im Weltcup ist eine starke Saison gefahren. Pascal war Dritter im Cup, deutscher Meister und 15. im Weltcup. Beide sind aber noch deutlich jünger als Florian Müller, insofern dürfen sie recht stolz auf das Erreichte sein.

Wie sieht es darunter aus, also bei den B- und C-Jugendlichen?

In der Gruppe von Wilfried Jüchert hat sich Markus Arnold gut entwickelt, athletisch und fahrerisch. Er ist Dritter der deutschen Rangliste unter 28 Sportlern und unter den Doppelsitzern mit seinem Altenberger Partner Erster. Bei Hans Fritzsch, der auf Rang 6 liegt, muss noch was passieren, aber er hat ebenfalls gute Ergebnisse erreicht. Die Mädels sind auch ganz gut dabei. In der Summe aller Werte aus Athletiktest, Jugendcup und Meisterschaft liegt Lina-Marlin Schmidt auf Rang 3, die eben erst an die Sportschule gekommene Melina Fischer auf Rang 4 und in der Jugend C hat Paul Kunze die deutsche Meisterschaft gewonnen. Das lässt hoffen.

Und die Kinder, sind da die hiesigen auch schon top?

In der Tat. In der sächsischen Rangliste aus Athletikwettkampf und fünf Rennen bestimmen wir das Niveau. Unter den C- und D-Kindern liegen unsere Mädchen und Jungen immer auf den Plätzen 1 oder 2, auch noch eine Etage tiefer, also in der E, sieht es gut aus. Regionaltrainerin Michelle Kürbis leistet da gute Arbeit.

Sie haben anfangs der Saison über verschiedene Bedingungen geklagt. Gibt es Entwarnung?

Teilweise, das Problem mit dem Techniker ist ja bereits angesprochen. Für Wilfried Jüchert, der am 23. Mai seinen letzten Tag arbeitet, kommt Uwe Günter aus Altenberg zu uns. Wie wir die Trainingsgruppen einteilen, wissen wir noch nicht genau. Doch darüber reden wir bald mit dem Schlittenverband.

Wie viele Sportler betreuen Sie denn überhaupt?

Bei mir sind es 9, bei Wilfried Jüchert 9 und bei Michelle Kürbis 15. Insgesamt also 33 Athleten, die wir drei Trainer betreuen müssen.

Wie funktioniert das überhaupt?

Wir im Trainerteam arbeiten sehr gut miteinander und planen vor der Saison Lehrgänge und Wettkämpfe. Dieses Jahr mussten wir uns ganz schön strecken, geraten an unsere Grenzen, um eine gute Absicherung und Leistungsentwicklung zu gewährleisten.

Wer hilft dabei?

Eliteschule Oberwiesenthal, Mittelschule Jöhstadt und die Grundschulen Bärenstein und Annaberg sind hervorzuheben, den Sponsoren gilt es zu danken. Nicht zu vergessen sind die Eltern, die oft unterstützen.


Fünffacher Weltmeister kümmert sich jetzt um den Nachwuchs

Torsten Wustlich ist selbst ein erfolgreicher Schlittensportler gewesen. Speziell im Doppelsitzer fuhr er mit seinem Partner André Florschütz viele Siege ein. 2001 im kanadischen Calgary, 2005 im amerikanischen Park City und 2008 im thüringischen Oberhof gewann das Duo die Weltmeisterschaft, holte zudem noch zweimal mit der Nationalmannschaft WM-Gold und raste außerdem 2006 im italienischen Turin zu Olympiasilber. Wustlich, am 2. Februar 1977 in Annaberg-Buchholz geboren, besuchte ab 1987 die Kinder- und Jugendsportschule in Oberwiesenthal und startete für die dortigen Vereine SV und später WSC. Nach den Olympischen Winterspielen 2010, als in Vancouver zum Abschluss nur Platz 5, aber im Gesamtweltcup Platz 1 heraussprang, beendete er seine aktive Laufbahn als Rennrodler, hatte aber schon 2009 sein Trainerstudium begonnen. Dieses schloss er 2012 erfolgreich ab. Nun arbeitet er als Trainer und Disziplinverantwortlicher im Stützpunkt am Fichtelberg, hilft zudem im Rodelverband. (mas)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...