Der Neue am Stadion-Mikro

Noch büffelt er fürs Abi. Ursprünglich wollte er mal Zahnarzt werden, in der Kombination mit Schiedsrichter als Nebenjob. Doch eigentlich schlummert sein Berufswunsch schon seit frühester Kindheit in ihm: Fußballkommentator.

Zwickau.

Lenny Leonhardt kann es selbst kaum fassen, wenn er auf seine rasante Entwicklung im vergangenen halben Jahr zurückblickt: Am 2.September saß er neben Eurosport-Kommentator Tobi Fischbeck beim U-21-Länderspiel zwischen Deutschland und der Slowakei in Kassel. Auf der Pressetribüne lernte er Pascal Roelen kennen und durfte für dessen Internetseite fussballmedia.de am 14. November einen Bericht vom U-20-Länderspiel der DFB-Auswahl gegen Polen in Zwickau (4:0) schreiben. "Plötzlich war ich drin. Das ging dann alles rasend schnell", staunt der junge Mann, der seit Anfang Dezember bei Heimspielen des FSV Zwickau an der Seite von Stadionsprecher Detlef Fischer die Zuschauer mit allen wichtigen Informationen versorgt.

Die Fußball-Leidenschaft hat der 20-Jährige in die Wiege gelegt bekommen. Sein Vater, Thomas Leonhardt (50), hat 1994 mit Zwickau den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft. Sein älterer Bruder Kenny durchlief beim FSV alle Nachwuchsmannschaften. "Da rutscht man in die Szene mit rein", erzählt der Planitzer. "Primäre Themen waren zu Hause immer Fußball. Darüber haben wir viel philosophiert." Lenny hat auch selbst mal gespielt beim FSV (F-/E-Junioren), aber festgestellt, dass sein Talent nicht ausreicht.

Seine Gabe als Kommentator hat er schon früh entdeckt - mit vier, fünf Jahren. "Da habe ich zusammen mit meinem Bruder auf der Playstation Fifa gespielt. Das heißt: Er hat gespielt, und ich habe dazu geredet", erinnert sich Lenny Leonhardt. Zunächst wollte er allerdings Zahnarzt werden, in der Kombination mit Schiedsrichter - logisch, Markus Merk, der beides in Personalunion verkörperte, war damals der Vorzeige-Referee. "Das hat mich irgendwie begeistert. Als ich dann aber mal beim Zahnarzt war, habe ich gemerkt: Nein, lieber nicht!" Seine Angst vorm Zahnarztbesuch hat er sich übrigens bis heute bewahrt.

Die Begeisterung fürs Kommentieren von Spielen ließ nie nach. Er betreibt den Youtube-Kanal "HighlightSoccerTV", der den Fokus auf den nordamerikanischen Fußball richtet. Die Major League Soccer hat es ihm echt angetan. "Da hat sich unfassbar viel getan. Diesen Wandel möchte ich mitbegleiten", erklärt der 20-Jährige, der sich ganze Nächte um die Ohren schlägt, um die Live-Übertragungen zu verfolgen. Seinen Kanal durfte er 2013 beim Hallenmasters in der Stadthalle vorstellen und ein Jahr später beim Oldiemasters Interviews mit Oliver Neuville und Stefan Schnoor führen.

Beim FSV ins Gespräch gebracht hat ihn Sponsorin Annett Reiher, die ein Floristikfachgeschäft in der Marienstraße hat. Ihr Sohn, der Lenny öfter mal auf Youtube gehört hatte, machte seine Mutter auf das Kommentatoren-Talent aufmerksam. Im November durfte er beim Nachwuchs-Hallencup sein Können demonstrieren, und einen Monat später gab er sein Debüt bei der ersten Mannschaft. "Dass es so schnell gehen würde, das hätte ich nicht gedacht", gesteht Lenny Leonhardt. Seine Feuertaufe als Stadionsprecher war am 3. Dezember gegen den SC Paderborn (3:0). "Da hatte ich einiges zu tun. Ich durfte gleich im ersten Spiel zwei Tore ansagen." Man hört ihm den Sachsen nicht an, die akzentfreie Aussprache hat er sich selbst antrainiert. Mit seinem erfahrenen Kollegen Detlef Fischer (61) kommt er prima aus, die Arbeitsteilung bei den Ansagen funktioniert problemlos. "Det hat mich von Beginn an herzlich aufgenommen", betont der junge Mann. "Ich bin ihm auch sehr dankbar, dass er mir diese Freiheiten gegeben hat. Das muss man ihm ganz hoch anrechnen. Eigentlich ist er ja der Lehrmeister."

Der Planitzer, der die 12. Klasse des Gymnasiums "Am Sandberg" Wilkau-Haßlau besucht, gibt zu, dass es mitunter schwierig ist, Schule und Nebenjob unter einen Hut zu bringen. Darunter leiden auch die ansonsten regelmäßigen Wochenendbesuche bei seiner Mutter, die in Johanngeorgenstadt wohnt.

Nach dem Abitur will er nicht studieren, sondern sich das Know-how für seinen Wunschberuf - Fußballkommentator - selbst aneignen. Lenny Leonhardt bevorzugt einen Stil, bei dem man ab und zu mal einen lockeren Spruch einstreut. Sein Vorbild ist Wolff-Christoph Fuß (40), der beim Bezahlsender Sky Spiele der Bundesliga, Premier League und Champions League kommentiert.

Als Anhänger des nordamerikanischen Fußballs möchte der junge Stadionsprecher später gern die Spiele der Major League Soccer live erleben - und kommentieren. Sein wohl unerfüllbarer Traum wäre es ja, Toronto FC, wo der Ex-Zwickauer Dwayne de Rosario jahrelang gespielt hat, mal ins "Schwanennest" nach Zwickau zu holen.

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