Die Superlative der Gluterde

Zuckerhut, Amazonas, Jaguar - sofort scheint das Bild des tropischen Brasiliens klar zu sein. Doch die Zahlen, die hinter solchen Schlagwörtern stehen, muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Das Austragungsland der Olympischen Spiele ist imposant.

Das Land hat gewaltige Ausmaße: Mit über 8,5 Millionen Quadratkilometern ist Brasilien der fünftgrößte Staat der Erde. Brasiliens Grenze ist rund 2000 Kilometer länger als der Erddurchmesser; wer sie abwandern wollte, hätte einen Weg von 14.700 Kilometern vor sich, davon etwa 7500 Kilometer entlang der Atlantikküste. Der höchste Berg des Landes, der Pico da Neblina, ist mit 2995 Metern 33 Meter höher als die deutsche Zugspitze; er liegt nicht in den Anden, an denen Brasilien keinerlei Anteil hat, sondern im Norden des Landes, an der Grenze zu Venezuela. Der Nationalpark am Pico da Neblina - einer von 62 in Brasilien - ist Teil des Siedlungsgebiets der etwa 35.000 Yanomami-Ureinwohner, bekannt geworden durch den Abenteurer Rüdiger Nehberg, der sich seit den frühen 1980er-Jahren für das bedrohte Volk einsetzt.

Dass in Brasilien aus statistischer Sicht nur etwa 24 Einwohner pro Quadratkilometer leben (Deutschland: 229), täuscht über die tatsächlichen Verhältnisse hinweg. Denn etwa 90 Prozent der etwa 205 Millionen Brasilianer wohnen vorwiegend küstennah und teils stark konzentriert in den Bundesstaaten der östlichen und südlichen Atlantikküste. Hingegen ist das fast 6 Millionen Quadratkilometer messende Amazonasgebiet extrem dünn besiedelt und weist nur wenige große Städte auf - so etwa Manaus, die von 1,8 Millionen Menschen besiedelte Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas.

Brasilien hat zudem drei Ikonen der Landesnatur zu bieten: Zuckerhut, Amazonas und Pantanal.

Der Zuckerhut

Zwar ist der Zuckerhut bei Rio de Janeiro nur 395 Meter hoch, doch wer einen Berg in Brasilien nennen müsste, würde wohl ihn nehmen. Bevor die englische Bergsteigerin Henrietta Carstairs 1817 den Gipfel erklomm, galt der Berg als nicht zu besteigen. Übrigens: Die berühmte, mit Sockel 38 Meter hohe Christus-Statue breitet nicht auf dem Zuckerhut ihre Arme über Rio aus, sondern auf dem 710 Meter hohen Corcovado, "dem Buckligen".

Der Zuckerhut verdankt seine Form sowohl seinem Bau-Material, einem Gneis-Granit, als auch seiner Entstehungsgeschichte, die vor 560 Millionen Jahren einsetzte, als Südamerika noch mit Afrika zusammenhing - als Teil des früheren Großkontinents Gondwana. Ähnliche, tief aus der Erde stammende und näher an der Erdoberfläche erkaltete Gesteine gibt es deshalb auch in Afrika.

Nachdem vor über einer halben Milliarde Jahren Magma aus der tieferen Erdkruste aufgestiegen war, erstarrte es noch immer mehrere Kilometer tief unter der damaligen Erdoberfläche zu teils grobkörnigem Granit. Durch die immense Auflast der darüberliegenden Gesteine wandelte sich dieser Granit mit der Zeit zum Teil in den typisch gebänderten Gneis um.

Bereits damals hatte das obere Ende des Magma-Förderschachts eine domkuppelähnliche Form - ähnlich dem berühmten Felsen nahe der Copacabana heute. Im Laufe der Erdgeschichte legte die Erosion diese Gesteinskuppel frei. Zunehmend befreit vom Druck der gewaltigen Auflast, platzte in der Folge das Äußere der Felsenkuppel nach und nach zwiebelschalenartig ab. Da freiliegende Gesteine in den warmfeuchten Tropen obendrein intensiv chemisch zerrüttet werden, setzt auch diese Art der Verwitterung dem Zuckerhut nach wie vor zu.

Der Amazonas

Mindestens so berühmt wie der legendäre Berg bei Rio ist der Amazonas, der größte Fluss der Welt. Sein von Ebbe und Flut beeinflusster Mündungstrichter in den Atlantik ist etwa 200 Kilometer breit - jener der Elbe, kein Winzling, misst etwa 16 Kilometer.

Der Amazonas entwässert ein sechs Millionen Quadratkilometer großes Gebiet, was der zusammengelegten Fläche Indiens und Argentiniens entspräche.

Auch andere Zahlen sind imposant: Der Amazonas ist durch seine oberen Zuläufe mit 6448 Kilometern zwar nur der zweitlängste Strom der Welt nach dem noch 400 Kilometer längeren Nil. Doch erstens hat er ein doppelt so großes Einzugsgebiet, und zweitens führt er im Jahresmittel pro Sekunde 206.000 Kubikmeter (also über 200 Millionen Liter) Wasser und damit 77-mal so viel wie der längere Nil - und immerhin 70-mal so viel wie der Rhein.

Wie gewaltig dieser Strom ist, lässt sich daran ermessen, dass er mehr Wasser ins Meer strömen lässt als die sieben nächstgrößten Flüsse der Welt zusammen, darunter Giganten wie der Kongo, der Jenissei und der Orinoco.

Das Amazonasbecken beherbergt einen der weltweit noch größten zusammenhängenden Urwälder, gegenwärtig sind etwa 60 Prozent Brasiliens damit bedeckt. Nach Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO wurden in ganz Amazonien zwischen 1990 und 2010 etwa 600.000 Quadratkilometer tropische Regenwälder vernichtet, fast die doppelte Fläche Deutschlands. In den vergangenen Jahren hat der Raubbau - zumindest vorerst - deutlich nachgelassen. Zuletzt verschwanden pro Jahr noch etwa 5000 Quadratkilometer Urwald, gegenüber jährlich etwa 30.000 im genannten Zeitraum.

Das Pantanal

Abgelegen im Südwesten Brasiliens und angrenzend an Bolivien und Paraguay liegt der Naturschatz Pantanal. Im Jahr 2000 von der Kultur- und Wissenschaftsorganisation Unesco teilweise zum Weltkulturerbe erklärt, gilt das brasilianische Biosphärenreservat als eines der größten Binnenlandfeuchtgebiete der Erde und erreicht mit etwa 230.000 Quadratkilometern fast die Größe der alten Bundesrepublik Deutschland vor 1990. Da der Rio Paraguay, der das Pantanal nach Süden in Richtung Argentinien entwässert, auf seinem etwa 600 Kilometer langen Weg durch das fast tischebene Feuchtgebiet nur 30 Meter Höhenunterschied aufweist, kann das Wasser seines Einzugsgebiets während der Regenzeit von November bis März nicht rasch genug abfließen und staut sich zurück - mit der Folge, dass zwei Drittel des Pantanals mehr oder minder stark überschwemmt werden. Die Folge ist ein einzigartiges Mosaik aus verschiedenen Lebensräumen.

Ist Brasilien insgesamt schon das an Tier- und Pflanzenarten reichste Land der Welt, so ist das Pantanal ein ganz besonderer Brennpunkt der Naturvielfalt. Dort leben mindestens 1900 Baum- und Straucharten, über 650 Vogelarten (mehr als in ganz Europa) sowie Symboltiere Brasiliens wie Jaguar, Puma und Ozelot sowie Sumpfhirsche, Pekaris, Kaimane und der vom Aussterben bedrohte Riesenotter. Allerdings ist das Pantanal zum Beispiel durch die Abwässer von Ethanol-Fabriken sowie durch Soja- und Zuckerrohrplantagen bedroht. Ökotourismus hingegen ist eine Chance für den Erhalt der riesigen Naturperle.

Jäger, Einzelgänger, Würger - Die Tierwelt Brasiliens anhand dreier Beispiele

Der Jaguar

Schwer, bei der mit fast zwei Metern größten Katze Amerikas nicht an ein edles Auto zu denken. Nur Tiger und Löwe sind noch kräftiger als der gut schwimmende Fleischfresser, der als Einzelgänger die Regenwälder Amazoniens ebenso durchstreift wie Sumpf- und Grasländer. In Wäldern lebende Jaguare wiegen durchschnittlich 45 bis 55 Kilogramm, Tiere des Offenlands können indes doppelt so schwer werden - vermutlich wegen der dort häufigen großen Beutetiere. Während das goldgelbe bis goldbraune Fell der meisten Jaguare große, schwarzumrandete Flecken aufweist, gibt es vereinzelt auch "schwarze Panther". Die Guarani-Indianer benennen mit "Yaguara" ein "Tier, das mit einem Sprung tötet". Tatsächlich erlegt der Anschleichjäger beispielsweise kleine Hirsche, Affen, Wild- und Wasserschweine kurz nach dem Anspringen mit einem schnellen Biss in Kopf oder Hals. Das ist für die Beute ein schneller Tod. Mehr als die Hälfte des Habitats des Jaguars ist verloren gegangen, weil der Mensch den Regenwald abholzt. Obendrein wird der Jaguar lokal noch bejagt.

 

Der Flachlandtapir

Wie einer ihrer ärgsten Feinde, der Jaguar, sind Tapire revierbewusste Einzelgänger und begegnen einander eher aggressiv: Männchen und Weibchen kommen nur zur Paarungszeit zusammen. Dem Anschein nach einem Schwein ähnlich und ausgestattet mit einem aus Nase und Oberlippe gebildeten Rüssel, sind die nachtaktiven Tiere am nächsten mit Pferden und Nashörnern verwandt.

Von den drei in Südamerika lebenden Tapir-Arten ist der Flachlandtapir mit der maximalen Schulterhöhe von etwa 108 Zentimetern die größte. Die noch immer recht häufige Tierart gilt inzwischen jedoch als gefährdet und regional ausgestorben.

Die Große Anakonda

Als eine der größten Schlangen überhaupt lebt das Kriechtier östlich der Anden im nördlichen Tiefland Südamerikas bis hinab nach Paraguay in wasserreichen Lebensräumen. Die größte der vier Anakonda-Arten kann etwa zwischen 80 und 90 Kilogramm schwer werden. Schwieriger sind gesicherte Angaben über ihre Länge, da Schlangenpräparate oft gestreckt werden; das längste nicht manipulierte Exemplar soll fast neun Meter lang gewesen sein. Die Anakonda wartet fast komplett untergetaucht im Wasser auf Beute: Vögel, Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Fische, auch kleinere Artgenossen. Die Beutetiere werden mit dem Maul gepackt, dann wickelt sich die Schlange um ihr Opfer und bringt dessen Blutstrom durch Abquetschen zum Erliegen. Die Schlange gilt noch als ungefährdet. (wsc)

Brasiliens gefährdeter Nationalbaum und Namensgeber

Der Landesname Brasiliens leitet sich von einem langsam wachsenden Baum ab, der von Natur aus nur noch vereinzelt in einem Küstenstreifen zwischen den Städten Salvador und Rio de Janeiro an der Atlantikküste Brasiliens vorkommt. Der Baum gilt als stark gefährdet.

Das auf Latein "Caesalpinia echinata" genannte Gewächs aus der Familie der Hülsenfrüchtler und Unterfamilie der Johannisbrotgewächse hat gelbe Blüten und wird meist 10 bis 15 Meter hoch. Es hat keinen deutschen Namen. Sein Holz ist als Pernambuk- oder Brasilholz bekannt. Letzteres wiederum heißt auf Portugiesisch "pau brasil", so viel wie "glühendes Holz" - weil die Rinde und das Harz des Baumes rötlich sind.

Dieser Umstand fiel den Portugiesen auf, nachdem sie Brasilien 1500 für sich entdeckt und ab 1530 zur Kolonie genommen hatten. Sie exportierten das rötliche Holz, weil seine Farbe es als Färbemittel für Stoffe auswies. Die Besatzer nannten ihre neue Kolonie nach dem Holz "Terra do Brasil" (so viel wie "Gluterde", von "brasa" für "Glut"). Der natürliche Farbstoff aus Brasilholz heißt bis heute Brasilin. Die Nachfrage nach dem Holz war so stark, dass die Bestände des Baumes bis etwa 1875 drastisch dezimiert wurden; dann ließ der Druck durch das Aufkommen künstlicher Farbstoffe nach. Inzwischen ist der Baum in Brasilien streng geschützt. (wsc)

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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