Süchtig nach Glücksmomenten

Natalie Geisenberger ist in souveräner Art und Weise zum dritten Mal Olympiasiegerin geworden. Dajana Eitberger machte den deutschen Doppelerfolg mit einem starken vierten Lauf perfekt. Die Feier der beiden Rodlerinnen fiel aber unterschiedlich aus.

Pyeongchang.

Natalie Geisenberger riss kurz nach dem Zielstrich die Arme in die Luft und sprang vom Schlitten gleich in die Arme von Bundestrainer Norbert Loch. Trainingspartner Felix Loch drückte der nun erfolgreichsten Rodelolympionikin einen Kuss auf die Wange. Gold für die Münchnerin dank vier souveräner Läufe durch den Eiskanal von Pyeongchang. Nach sechs Gesamtweltcuperfolgen in Serie, sieben Weltmeistertiteln und Doppel-Gold vor vier Jahren bei den Winterspielen in Sotschi war der dritte Olympiasieg der 30-Jährigen der von allen Seiten erwartete Triumph.

Der Druck hätte im Vorfeld größer nicht sein können. Für Geisenberger war aber genau das Gegenteil der Fall. "Ich wusste, dass ich in diesem Sport alles erreicht habe, bevor ich nach Südkorea gereist bin. Deswegen konnte ich lockerer an den Start gehen", sagte die Bayerin. "Hätte es nicht geklappt, wäre es kein Beinbruch gewesen. Jetzt ist es das i-Tüpfelchen." Wie sie sich vier Jahre für die Aussicht auf ein i-Tüpfelchen motiviert hat? "Ganz oben zu stehen und die deutsche Hymne zu hören, birgt Suchtgefahr. Für solche Momente gebe ich alles, hole jeden Tag das Maximum aus mir raus", erklärte Geisenberger.

Siegesicher war sie nicht. Das lag vor allem an Teamkollege Felix Loch. Ihr langjähriger Trainingspartner verlor vergangenen Sonntag durch einen kleinen Fehler im Schlussabschnitt des letzten Laufes die sichere Goldmedaille. "Dies zu sehen, war ein echter Wachrüttler. Das Rennen ist vorbei, wenn man nach dem vierten Lauf über die Ziellinie gefahren ist - keinen Meter eher", sagte die Bayerin.

Zudem musste Natalie Geisenberger wie die anderen Topfahrerinnen vor dem letzten Lauf eine Viertelstunde länger im Starthäuschen ausharren als geplant. Emily Sweeney war gestürzt. Nach Rennende stellte sich heraus, dass die US-Amerikanerin bei dem auf dem ersten Blick heftigen Sturz unverletzt blieb. "Ich habe gesehen, wie zwei Amerikanerinnen im Starthaus geschrien haben, eine hat sogar geweint", berichtete Geisenberger von den Minuten des Wartens. "Ich habe Dajana Eitberger gefragt, was passiert ist. Sie sagte: "Kurve neun, aber schau nicht hin. Das willst du gar nicht wissen."

Die Thüringerin hatte zwar die Szene am Bildschirm verfolgt, aber auch sie ließ sich davon nicht beeinflussen. Dajana Eitberger sprang durch einen starken vierten Lauf noch von Platz vier auf Rang zwei. Besonders im unteren Teil der Bahn legte die Ilmenauerin eine Wahnsinnsfahrt hin. "Das Phänomen habe ich in dieser Saison schon häufiger beobachtet. Trotz eines Fahrfehlers kann ich mich entspannen und relaxt herunterfahren. Das Wichtigste ist einfach, den Schlitten fliegen zu lassen. Dann wird der Sportler mit dem Schlitten und der Bahn eins", sagte die 27-Jährige. "Ich wusste, dass ich die Möglichkeiten habe. Allein mein Kopf hat über einen guten oder schlechten Lauf entschieden."

Der Doppelerfolg unterstrich die Dominanz der deutschen Rodlerinnen: Von 45 olympischen Medaillen gingen 33 an Athletinnen aus der DDR oder der BRD. Die große Leistungsdichte bedeutet für die Sportlerinnen jedoch auch, dass sie national in nahezu jedem Wettkampf gefordert sind. Die Altenbergerin Aileen Frisch wechselte deswegen die Staatsbürgerschaft, startete am Dienstag für Südkorea und holte einen starken achten Rang. "Ich habe vier Jahre hart arbeiten müssen, um überhaupt hier bei Olympia sein zu dürfen", sagte Dajana Eitberger. "Ich habe mir vorgenommen, dass ich nach den zwei Renntagen in jedem Fall feiern werde. Und jetzt lohnt es sich richtig."

Die Silbermedaillengewinnerin hatte auch schon am Eiskanal eine klare Vorstellung, was sie sich für die Party in der späten Nacht im Deutschen Haus wünscht. "Ich liebe Mojitos. Die sind seit meinen Urlaub auf Kuba mein Lieblingsgetränk", sagte die Thüringerin und fügte lachend hinzu: "Notfalls nehme ich aber auch Sekt." Natalie Geisenberger stimmte in das Lachen mit ein, stellte aber fest, dass es für sie nicht allzu viele alkoholischen Getränke geben werde. "In zwei Tagen steht der Teamwettbewerb an. Da wollen wir unbedingt eine Medaille holen", gab die Olympiasiegerin zu bedenken. Die Sucht nach Glücksmomenten ist eben größer als der Durst nach einem Cocktail.

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