Paliks Vorteile und Paliks Handicap

Wenn irgendwo um die Wette Schlitten gefahren wird, gehören deutsche Asse zu den Favoriten. Das ist auch bei den Weltmeisterschaften in Innsbruck so. Für Sachsens besten Rodler sind die Aussichten an diesem Wochenende aber nicht ganz so rosig.

Innsbruck/Chemnitz.

Was war das für ein Jubel vor ziemlich genau einem Jahr: Auf der Bahn am Königssee heimsten die deutschen Rodler bei den Weltmeisterschaften 2016 sechs von sieben möglichen Goldmedaillen ein, dazu gab es noch viermal Silber und zweimal Bronze. Mittendrin im Freudenknäuel strahlte Ralf Palik. Der gebürtige Erlabrunner hatte mit Silber im Einzelrennen und Bronze im Sprint seine beiden internationalen Premierenmedaillen im Seniorenbereich gewonnen. Es war die Saison des großen Durchbruchs für den Sachsen vom WSC Oberwiesenthal.

In diesem Winter flutschte es nur einmal so richtig, wieder am Königssee: Anfang Januar stieg Ralf Palik neben Sieger Semjon Pawlitschenko aus Russland als Weltcup- und zugleich Europameisterschaftszweiter aufs Podest, mit der Teamstaffel gab es anschließend sogar Gold, für den 26-Jährigen der erste große Titel. Die Bahn im Berchtesgadener Land liegt ihm. Aber wie ist es mit der zwei Autostunden weiter in Innsbruck, wo an diesem Wochenende die Weltmeister 2017 ermittelt werden?

Die Anlage gilt als Bahn für gute Starter. Und gerade der Start ist in diesem Winter Paliks großes Problem. Wegen einer Bänderverletzung an der rechten Schulter, die er sich im Herbst beim Indoor-Klettern zuzog, kann er sich und seinen Schlitten derzeit nicht mit voller Kraft auf Tempo bringen. "Das lässt sich in dieser Saison auch nicht mehr ändern", sagt sein Trainer Torsten Görlitzer, "das knappe Zehntel Rückstand am Start muss Ralf einfach in Kauf nehmen." In den Trainingsläufen in Igls testete er in den letzten Tagen, wie weit er seine Schulter belasten kann, wo die Grenzen sind. Ausgleichen kann er das Manko am Start durch seine hervorragenden fahrerischen Fähigkeiten.

Auch in Innsbruck. Denn sein Trainer betont: "Die Bahn ist eben auch eine, bei der es auf eine gute Aerodynamik und feinfühliges Steuern ankommt. Dinge, die Ralf beherrscht wie kaum ein Zweiter." Paliks Material passt zudem, der neue, optimal an seine Körpermaße angepasste FES-Schlitten läuft wie geschmiert. Und so gibt sich der in Chemnitz wohnende Sportsoldat trotz Schulterproblemen und mit Platz 24 reichlich verpatzter Generalprobe beim Weltcup in Sigulda für die WM zuversichtlich: "Natürlich würde ich meine Platzierungen vom Vorjahr gern wiederholen, erneut mit einer Medaille heimfahren. Aber ich bin auch Realist: Alles bis Platz sechs ist für mich ein wirklich hervorragendes Ergebnis."

Ungewohnt in dieser Saison: Nicht die deutschen Herren, sondern die Russen dominieren. "Dort wird wie bei uns eine hervorragende Nachwuchsarbeit betrieben. Und die russischen Piloten gehen mit ihrer Fahrlage oft sogar noch mehr Risiko als unsere Jungs", kennt Torsten Görlitzer zwei Gründe. Er hat die Russen wie auch die Amerikaner Chris Mazder und Tucker West, den Italiener Dominik Fischnaller und den auf seiner Heimbahn besonders motivierten Österreicher Wolfgang Kindl für eine Medaille auf dem Zettel. Die deutschen Asse sowieso: neben Palik den Schnellstarter Johannes Ludwig, den Innsbruck-Liebhaber Andi Langenhan und - natürlich - Felix Loch. Der Dominator der letzten Jahre schwebt im jungen Vaterglück, bastelt in der vorolympischen Saison viel an seinem Material und verzettelt sich dabei ab und an ein wenig. Nur ein Weltcupsieg (im Sprintrennen von Winterberg) steht für Loch zu Buche. Trotzdem wird in Igls mit ihm zu rechnen sein.

Wie auch mit den deutschen Doppelsitzern - Görlitzer sieht die Thüringer Toni Eggert/Sascha Benecken gegenüber den Bayern Tobias Wendl/Tobias Arlt mit einer Nasenlänge vorn, das dritte Duo Geuke/Gamm mit realistischen Chancen auf Bronze. Und natürlich mit den deutschen Damen - Natalie Geisenberger, Tatjana Hüfner und Dajana Eitberger. Die vierte im Quartett ist Julia Taubitz, 20 Jahre jung und rund 20 Kilogramm leichter als viele Kolleginnen. Für die Annabergerin ist das große Ziel die Verteidigung ihres U23-Weltmeistertitels. "Eigentlich ein Muss", sagt Görlitzer.

Eine Bahn für gute Starter

Die Kunsteisbahn in Innsbruck-Igls wurde in den Jahren 1973/1974 für die Olympischen Winterspiele 1976 errichtet, zwei Vorgängerbauten wurden demontiert. Dank der neuen Bahn wurden olympische Bob- und Rodelwettbewerbe erstmals auf einer gemeinsamen Anlage durchgeführt.

Die Bahn am Fuß des Patscherkofels ist 1270 Meter lang, hat inklusive Kreisel 14 Kurven und weist einen Höhenunterschied von 100 Metern auf. Sie gilt für die Asse der Branche als eher einfach zu beherrschen - das heißt, dem Start kommt wie dem Material enorme Bedeutung zu. Das Feld liegt oft eng beieinander, kleine Fehler können große Träume schnell platzen lassen.

Der Zeitplan sieht für Donnerstagabend (18.30 Uhr) die WM-Eröffnungszeremonie in der Innsbrucker Altstadt vor. Am Freitag ab 13.30 Uhr werden die Sprintmedaillen (jeweils nur ein Lauf auf verkürzter Messstrecke) vergeben. In zwei Läufen ermitteln am Samstag Damen (ab 10 Uhr) und Doppelsitzer (ab 13.30 Uhr) ihre neuen Weltmeister, am Sonntag folgen (ab 10.25 Uhr) die Herren. Den Abschluss der Titelkämpfe bildet danach (ab 15 Uhr) die Teamstaffel.

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