Rodeln: "Wir haben wieder ein Aushängeschild"

Oberwiesenthaler Rodeltrainer Torsten Görlitzer zieht nach einer "Bilderbuchsaison" Bilanz und blickt schon auf den nächsten Winter

Die Rodelsaison ist vorbei, der WSC Oberwiesenthal hat mit Ralf Palik wieder einen Athleten in der absoluten Weltspitze. Zudem sind mit Julia Taubitz und Chris Eißler im kleinen Team von Torsten Görlitzer zwei Talente auf dem Sprung. Mit dem 52 Jahre alten Trainer sprach Thomas Scholze.

Freie Presse: Ralf Palik hat mit 25 seinen großen Durchbruch geschafft. Für den Trainer ist das keine Überraschung?

Torsten Görlitzer: Ralf war vor zwei Jahren schon einmal recht erfolgreich im Weltcup unterwegs, hat sein Potenzial angedeutet. Von daher war die Leistungssteigerung in diesem Winter für mich keine Überraschung, ich habe das eher so erwartet. Dass es bei der Weltmeisterschaft gleich zu Silber und Bronze reicht, freilich nicht. Ralf ist künftig kein Außenseiter mehr, auf ihn schaut man jetzt.

Er selbst war sich da nicht so sicher.

Ralf hat im letzten Sommer ein Studium aufgenommen, sich damit ein zweites Standbein neben dem Rodelsport geschaffen. Das hat ihm geholfen, vor allem Sicherheit für seine Lebensplanung gegeben.

Wie wichtig sind Ralfs Erfolge für den Rodelsport in Oberwiesenthal?

Enorm wichtig. Michael Walther ist 1985 in Oberhof Weltmeister geworden, seitdem gab es für Oberwiesenthal bei Großereignissen keine Medaille im Männer-Einzel mehr. Diese lange Wartezeit ist endlich vorbei. Mit Ralf haben wir nun wieder ein Aushängeschild, das hilft dem Verein, das hilft bei der Arbeit mit dem Nachwuchs und bei der Suche nach neuen Talenten. Und es hilft dem Stützpunkt und der Bahn in Altenberg, um weiter gefördert zu werden.

Haben Sie in der Vorbereitung auf diese Saison etwas Neues probiert?

Wir haben uns auf jeden Fall materialtechnisch weiterentwickelt, mit Hilfe des FES in Oberhof unser Schlittensystem umgestellt, sind jetzt ähnlich wie Felix Loch unterwegs. Dabei war der Anfang im Herbst schwierig. Die ersten Fahrten mit dem neuaufgebauten Gerät brachten mehr Fragen als Antworten. Doch Ralf ist dran geblieben, hat sich durchgebissen. Bedanken will ich mich auch ausdrücklich bei unserem Techniker Wolfgang Scholz, der sich zwar schon im Rentenalter befindet, uns trotzdem weiter tatkräftig unterstützt.

War der Schlitten besser als in früheren Jahren?

Ja. Dazu gehört auch die Schiene, die Ralf von Anke Wischnewski übernommen hat. Neuer Schlitten, Ankes Schiene - ein Erfolgspaket.

Gab es auch andere Trainingsinhalte?

Wir haben uns auch da neu orientiert. Wir mussten das, weil Ralf mit seinen Leistungen bei den Startlehrgängen im Sommer überhaupt nicht zufrieden war. Wir haben mehr in Richtung Maximalkraft gearbeitet. Aber das hat Grenzen. Ralf wird nie der riesengroße, superbreite Athlet. Er hat andere Qualitäten: seine koordinativen Fähigkeiten und sein Fahrgefühl. Das muss er sich bei allem Krafttraining bewahren. Und das kann man auch im Sommer sehr gut trainieren.

Wie genau?

Wir machen viele kleine Übungen. Ein Beispiel: Wir haben jetzt am Stützpunkt in Oberwiesenthal endlich einen asphaltierten Übungsplatz, fahren dort Radslalom, eine sehr effektive Trainingsform, mit der ich selbst groß geworden bin. Wir verwenden dazu ein ganz normales 26er Herrenrad und es kommt darauf an, einen vorgegebenen Parcours möglichst schnell zu durchfahren. Dabei muss man sehr rhythmisch arbeiten. Alle sind begeistert davon und Ralf hat es sehr getaugt.

Was fehlt Ralf Palik noch, um zu einem Felix Loch aufzuschließen?

Kraft und Körperstabilität. Deswegen verliert er am Start zwischen vier und sechs Hundertstel auf Felix. Sobald es Ralf gelingt, diese Lücke ganz oder zumindest teilweise zu schließen, kann er Felix auch das eine oder andere Mal schlagen. Wir haben mit Andi Langenhan und Johannes Ludwig Männer in der Mannschaft, die durchaus noch schneller starten können als Felix Loch, aber in der Bahn bei der Hälfte von ihm kassiert werden. Da kann Ralf länger mithalten.

Julia Taubitz ist U23- und Juniorenweltmeisterin geworden, war im WM-Rennen insgesamt starke Sechste. Ein neuer Stern am Rodelhimmel?

Julia hat eine Bilderbuchsaison hingelegt. Sie war eigentlich gar nicht für das Damenteam geplant. Erst nach dem kurzfristigen Rücktritt von Aileen Frisch haben wir Trainer entschieden, neben der zu diesem Zeitpunkt stärksten Juniorin Jessica Tiebel auch die zweitstärkste mit in den Qualifikationszyklus im Herbst zu nehmen. Das war Julia. Und sie hat sich dabei mit beständigen Leistungen auf Position vier in unserem Damen-Team gefahren, diesen Platz über die komplette Saison behauptet. Damit konnte sie durchgängig im Weltcup starten, hat neue Bahnen kennengelernt, und bekannte Bahnen aus neuem Blickwinkel gesehen. Erfahrungen, die ihr noch von großem Nutzen sein können.

Jetzt ist sie 19 Jahre alt. Kann sie eine ganz Große werden?

Ja. Ich denke schon. Sie hat ähnlich wie Ralf ein tolles Fahrgefühl, aber noch Defizite im athletischen Bereich. Sie verliert am Start sogar ein Zehntel auf die Spitze, holt in der Bahn viel raus. Im zweiten WM-Lauf war sie in Königsee in der unteren Hälfte sogar die Schnellste. Das zeugt von ihrer Klasse.

Ihr fehlen im Vergleich zu anderen ein paar Zentimeter Körpergröße und auch Gewicht. Muss sie zulegen oder geht es auch so?

Mit 1,74 Metern ist sie groß genug. Drei, vier Kilo an Muskelmasse muss sie sicher noch draufpacken, dann wäre sie bei knapp 70 Kilo. Das reicht, um Spitze zu sein. Dick essen muss sie sich nicht.

Julia war in dieser Saison noch auf einem alten Schlitten unterwegs.

Und bekommt jetzt einen neuen. Wir haben das Gerät bei der FES in Oberhof bestellt, Julia testet es in der kommenden Woche zum ersten Mal auf der Bahn am Königssee. Es ist für uns auch die letzte Chance in diesem Winter, noch einmal auf Eis zu trainieren. Danach ist erst einmal Pause, ab April warten die Bundeswehrlehrgänge in Hannover auf die Athleten, die ja auch Sportsoldaten sind.

Dritter Mann in Ihrem Team ist Chris Eißler. Für ihn lief die Saison nicht wie gewünscht. Wie sind seine Perspektiven?

Er ist gleichauf mit Julian von Schleinitz als Nummer 5 bei den deutschen Herren in die Saison gestartet, konnte aber bei seinen Weltcup-Einsätzen weniger überzeugen als Julian. Er hat im Verlauf des Winters abgebaut, vor allem was den koordinativen Bereich angeht. Er muss feinfühliger rodeln, in der Bahn weniger Kraft einsetzen. Die hat er ausreichend, das ist seine große Stärke. Deswegen ist er auch ein hervorragender Starter, aber das allein langt nicht.

2017 findet die WM in Innsbruck statt. Erneut ein gutes Pflaster für ihre Schützlinge?

Das ist Igls für Oberwiesenthaler Rodler traditionell. Detleff Günther ist hier 1976 Olympiasieger geworden. Aber: Es ist eine einfach zu fahrende, eine Bahn für gute Starter. Sie hat keine großen Schwierigkeiten, die Spitze liegt meist eng beieinander. Fehler sind hier absolut tabu, sonst wird man ganz fix nach hinten durchgereicht. Schade ist, dass es nichts mit der vom österreichischen Sportdirektor Markus Prock angeregten Verlegung des Damen- und Doppelstarts ein Stück weiter nach oben wird. Dafür fehlt das Geld. So wie es jetzt ist, beträgt die Fahrzeit der besten Damen unter 40 Sekunden. Das ist sehr wenig, in Altenberg zum Beispiel sind es 52. Unabhängig davon gilt es, erst einmal die interne Qualifikation zu überstehen. Ralf sollte freilich nach seinen WM-Medaillen für die neue Saison gesetzt sein. Entscheiden wird das der Trainerrat in der ersten Aprilwoche.

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