Sotschi immer im Hinterkopf

Die deutschen Eistanz-Meister Nelli Zhiganschina und Alexander Gazsi beendeten die Generalprobe für Olympia auf Rang sieben. Aljona Savchenko und Robin Szolkowy liegen nach dem Kurzprogramm auf Platz zwei.

Budapest.

Den Tag nach ihrer nervenaufreibenden Entscheidung nutzten Nelli Zhiganschina und Alexander Gazsi, um mal so richtig abzuschalten. Ein Thermalbad suchten sie auf, die Moskauerin verbrachte zudem gestern viel Zeit mit ihrem Bruder Ruslan. Beide bestritten erstmals gemeinsam eine EM. "Wir haben uns seit Mai nicht gesehen. Es ist so wunderschön, dass er mit dabei ist", schwärmte die 26-Jährige, die seit 2009 mit ihrem Partner aus Chemnitz in Oberstdorf lebt und trainiert. Dabei verursachten die Auftritte von Ruslan bei ihr viel zusätzliche Aufregung, live zuschauen konnte sie nicht. Aber als sie erfuhr, dass er mit seiner Partnerin Victoria Sinizina Rang vier schaffte und damit zum zweitbesten russischen Eistanz-Duo avancierte, freute sie sich riesig. Denn so erhielten sich die Junioren-Weltmeister (2012) bei der hochkarätigen Konkurrenz in der Heimat alle Chancen für Sotschi. "Ich wäre so glücklich, wenn wir gemeinsam bei Olympia starten", fügte die Schwester hinzu.

Während in Russland die endgültige Nominierung noch aussteht, haben die fünffachen nationalen Meister ihr Ticket offiziell bereits seit Mitte Dezember in der Tasche. Wenige Tage vor der EM nahmen sie zudem schon die Teamkleidung in Empfang. Bei der WM 2013 hatten sie mit Platz zehn - ihr bisher wertvollstes Ergebnis - dafür gesorgt, dass Deutschland erstmals zwei Olympiastartplätze im Eistanzen erhält. Als sie auch in der neuen Saison hierzulande dominierten und Nelli endlich den notwendigen deutschen Pass in den Händen hielt, erfüllte sich für die sympathischen Kufenkönner ein Traum.

"Seit acht Jahren laufen wir zusammen, Olympia war von Beginn an unser großes Ziel", meinte Alexander Gazsi und fügte hinzu: "Wir wollen die Spiele genießen und in Sotschi unsere beste Leistung abrufen." Auch deshalb fliegen sie bereits heute zurück, um ab morgen im Allgäu das intensive Training wieder aufzunehmen. Sie werden sowohl im Team- als auch im Einzelwettbewerb starten.

Bei der EM lief es für beide noch nicht optimal. Sie konnten sich zwar zum vierten Mal in Folge nach 2011 (7.), 2012 (8.) 2013 (6.) unter den Top Ten platzieren. Doch Rang sieben in einem nach den beiden Top-Paaren Anna Cappellini/Luca Lotte (Italien), die erstmals triumphierten, und den Russen Jelena Ilinitsch/Nikita Kazapalow engen Feld entsprach nicht ganz ihren Hoffnungen. Mit ihrer erneut originellen Darbietung der Liebesgeschichte zwischen einem zerstreuten Professor und einer jungen Dame aus der Oberschicht, die sie zudem erstmals übergreifend in beiden Programmen erzählen, konnten sie die Zuschauer wieder begeistern. Auch wenn nicht alles perfekt gelang, war jedoch die Bewertung der Juroren auch für den erfahrenen Bundestrainer und international anerkannten Fachmann Martin Skotnicky nicht immer nachvollziehbar. Aber im Eistanzen spielt die subjektive Einschätzung nach wie vor eine größere Rolle als in den anderen Disziplinen. Und da wirkte sich eben negativ aus, dass kein deutscher Preisrichter hinter der Bande saß. Das bekam auch das zweite Paar Tanja Kolbe und Stefano Caruso zu spüren. Obwohl sie sich stark verbessert präsentierten, fanden sich die Achten des Vorjahres nur auf dem elften Rang wider. Zumindest in Sotschi ist Deutschland auch auf der anderen Seite vertreten.

Für Alexander Gazsi war die EM zudem unabhängig vom Resultat trotzdem ein besonderes Erlebnis. Denn sein Vater Sándor stammt aus Ungarn, kam 1967 als Gastarbeiter ins damalige Karl-Marx-Stadt. "Wir fuhren deshalb mit der Familie oft nach Ungarn. Ich habe mich total auf die Leute und das Essen gefreut", erzählte der 29-Jährige, der sich auf ungarisch ein wenig verständigen kann. Später einmal möchte er sich auch in dieser Sprache noch mehr Fähigkeiten aneignen. Schon jetzt spricht er sehr gut englisch und natürlich russisch, was er sich vor allem während der ersten vier gemeinsamen Jahre mit Nelli in Moskau aneignete. Zudem hat seine Mutter Olga bis 1978 im Gastgeberland von Olympia gelebt und 2005 die ersten Kontakte geknüpft.

Obwohl sie sich ihren größten Traum erfüllen konnten, werden Nelli Zhiganschina und Alexander Gazsi nach Sotschi noch mindestens eine Saison ranhängen - auch, um sich vielleicht mit einem internationalen Medaillengewinn einen weiteren Wunsch zu erfüllen.


Chemnitzer mit Handicap und Fehler

Der erhoffte fünfte Titelgewinn bei einer EM ist für Aljona Savchenko und Robin Szolkowy erst einmal in weite Ferne gerückt. Nach dem Kurzprogramm liegen die Chemnitzer (76,76 Punkte) bereits mit über sieben Zählern hinter den Russen Tatjana Wolossoschar und Maxim Trankow (83,98). Während die Titelverteidiger und amtierenden Weltmeister eine überragende Leistung zeigten, blieben die achtfachen deutschen Meister bei ihrem letzten kontinentalen Championat nicht ohne Fehler. Vor allem der Patzer zum Auftakt beim dreifachen Wurfflip, eigentlich eines ihrer Parade-Elemente, brachte erheblich Abzüge.

"Ich weiß nicht, woran es lag, das müssen wir erst analysieren", meinte die 29-Jährige, die mit zwei Füßen gelandet war und mit der Hand das Eis berührt hatte. "Man ist schon erschrocken, wenn es so losgeht. Das wirft alles ein bisschen durcheinander", beschrieb ihr Partner diese Situation. Doch beide ließen sich nicht von diesem Missgeschick beeindrucken, denn alle anderen Höchstschwierigkeiten einschließlich des dreifachen Toeloops gelangen danach sehr gut. Auch mit ihrer gefühlvollen und ausdrucksstarken Darstellung zur Musik "Wenn der Winter kommt" von Andre Rieu sorgten sie bei den Zuschauern für Begeisterung. Wie vorher angekündigt, testete Robin Szolkowy ein neues Outfit, erschien statt bisher in einem weißen nunmehr in einen dunkelblauen Anzug. "Wir wollten das Kostüm erst einmal wirken lassen", begründete Trainer Ingo Steuer diese Maßnahme ohne einer endgültigen Entscheidung für Sotschi vorzugreifen.

Auch weil erst beim Topereignis zum Abschluss der gemeinsamen Karriere alles perfekt sein muss, hielt sich der Coach mit Kritik an seinen Schützlingen zurück. "Er hob indes den Kampfgeist von Aljona Savchenko hervor. Denn seit dem Vorabend plagt sie sich mit einem starken Husten herum. In Anbetracht einer angehenden Bronchitis hätte am Morgen deshalb sogar eine Absage im Raum gestanden. Das war gestern Abend erst einmal kein Thema mehr. Die Kür steht morgen ab 11 Uhr auf dem Programm. (mm)


15-jährige Russin gewinnt Damenkonkurrenz

Bei den Damen wurde die 19-jährige Nathalie Weinzierl aus Mannheim Achte und sicherte Deutschland zwei Startplätze für die EM 2015 in Stockholm. Die Studentin ärgerte sich nur über den Fehler beim Salchow. 151,88 Punkte bedeuteten Saisonbestleistung. Der Titel ging mit 209,72 Zählern an die 15-jährige Julia Lipnitskaja vor ihrer russischen Landsfrau Adelina Sotnikowa (202,36). Bronze holte Carolina Kostner aus Italien.

Ergebnisse Eistanz: 1. Cappellini/ Lanotte (Italien) 171,61 Punkte, 2. Ilinitsch/ Kazapalow (Russland) 170,51, 3. Coomes/ Buckland (Großbritannien) 158,69, 4. Sinizina/Ruslan Schigantschin 153,73, 5. Riasanowa/ Tkatschenko (alle Russland) 150,44, 6. Slobina/Sitnikow (Aserbaidschan) 147,78, 7. Zhiganshina/Gazsi (Oberstdorf) 145,37, 8. Guignard/Fabbri (Italien) 144,40, ... 11. Kolbe/Caruso (Berlin) 137,46.

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