Sportbund will Perspektive für Ingo Steuer

Eine unabhängige Kommission untersagte dem Chemnitzer Eislauftrainer 2010 Führungsaufgaben im Sport. Nur diese Kommission kann ihn jetzt wieder als Coach legitimieren.

Chemnitz/Seoul.

Kreisch-Alarm vor der Olympia-Arena im südkoreanischen Seoul: Wie bei den Oscar-Verleihungen in Los Angeles warten die Fans schon Stunden vor Beginn der Eisshow "All that skate" auf die Sportler. Absoluter Star ist Kim Yu-na, die heimische Olympiasiegerin und zweifache Weltmeisterin, die diese Show auch initiierte. Die Eislaufbegeisterung der Südkoreaner kennt aber keine Landesgrenzen. Sie feiern die Aktiven - alles aktuelle sowie ehemalige Weltmeister und Olympiasieger dieser Sportart. Auch Aljona Savchenko ist hier ein Star. Während ihr neuer Partner Bruno Massot noch etwas scheu das Geschehen verfolgt, genießt sie das Bad in der Menge, gibt Autogramme und schüttelt immer wieder Hände, die sich ihr entgegenstrecken. "Es ist hier sehr emotional", sagt sie.

Das hat sicherlich einen weiteren Grund: Nach kurzen Trainingseinheiten in Berlin und Frankreich absolviert Savchenko nach dem Rücktritt ihres langjährigen Partners Robin Szolkowy mit dem Franzosen Bruno Massot hier die ersten öffentlichen Auftritte vor 10.000 Zuschauern bei jeder Show. "Die beiden hatten eine großartige Premiere, wurden vom Publikum gefeiert", beschreibt Trainer Ingo Steuer den vielversprechenden Beginn des Duos. Die Chemie zwischen der Deutschen und dem Franzosen habe sofort gestimmt: "Das Paar hat sehr viel Potenzial, es ist aber noch viel Feinarbeit notwendig."

Während das Dreier-Team die Südkoreaner begeistert, bringen Fans in der Heimat Sportfunktionäre und Politiker zum Nachdenken. Mit einer am Sonntag im Internet gestarteten Petition wollen sie erreichen, dass Ingo Steuer wie andere Trainer auch aus öffentlichen Mitteln des Bundesinnenministeriums (BMI) bezahlt werden kann. Weil er sich als 17-Jähriger von der Stasi als IM anwerben ließ, wird dem 47-Jährigen das seit 2009 verweigert - stasibelastete Trainer werden prinzipiell nicht vom BMI gefördert. Zudem hatte 2010 eine vom Sport eingesetzte unabhängige Kommission unter Vorsitz des jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck bekräftigt, dass Steuer aufgrund der belastenden Aktenlage für Führungspositionen im Sport nicht geeignet sei. Seitdem finanziert sich der Eiskunstlaufcoach aus Spenden sowie Werbe- und Preisgeldern seiner Sportler.

Das will er aber künftig nicht mehr. "Ich möchte nicht mehr um Geld betteln müssen", sagt der Mann, der Savchenko/Szolkowy zu fünf Weltmeister- und vier Europameistertiteln sowie zwei olympischen Bronzemedaillen führte und damit einer der erfolgreichsten Eiskunstlauftrainer weltweit ist. Mit dem Franzosen Massot ergibt sich für ihn nun allerdings eine völlig andere Perspektive.

Sein neues Paar könnte künftig für Frankreich starten und Medaillen holen, wo Steuer vom dortigen Eislaufverband auch bezahlt werden könnte.

Doch Savchenko und Steuer möchten viel lieber in Chemnitz bleiben und auch unter den hier deutlich besseren Bedingungen trainieren. "Ich habe mich vor elf Jahren für Deutschland als meine zweite Heimat entschieden und möchte weiter für Deutschland starten", stellt Savchenko klar.

Doch die Hürden dafür scheinen nach wie vor hoch. "Das BMI beabsichtigt gegenwärtig nicht, die bisherige Haltung im Zusammenhang mit stasibelasteten Trainern zu ändern", teilte das Ministerium mit. Steuer sei ein überaus erfolgreicher Trainer. Zweifelsohne prädestinierten seine Erfolge Steuer rein fachlich deshalb zu Aufgaben über die jetzige, freiberufliche Tätigkeit hinaus. Zur Änderung der gegenwärtigen Situation wäre es erforderlich, dass entweder die Kommission eine andere Entscheidung fällt, die das BMI akzeptieren könnte. Alternativ müssten Politik und Sport diskutieren, ob die Kommission überhaupt noch sinnvoll ist.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird deutlicher und spricht sich klar für eine neue Entscheidung aus. "Ich würde mir wünschen, dass Ingo Steuer und Aljona Savchenko auch zukünftig für Deutschland am Start wären. Sie haben gemeinsam mit Robin Szolkowy viel für den deutschen Eiskunstlauf geleistet", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann der "Freien Presse". Deshalb müsse der DOSB gemeinsam mit BMI und der Eislauf-Union die offenen Fragen klären.

Einen Zeitrahmen für ein solches Gespräch ließ der Präsident offen. "Es wäre aus meiner Sicht ein herber Verlust, wenn ein Weltklasse-Trainer wie Ingo Steuer Deutschland verlassen und für die Konkurrenz arbeiten würde", meinte Hörmann.

www.change.org

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