Sportschütze übertrifft sich selbst

Tilmann Keith vom SV Burgstädt ist als einer der erfolgreichsten Starter von den deutschen Titelkämpfen zurück- gekehrt - was ihn selbst ein wenig überrascht.

Die Regeln sind so einfach wie beim Biathlon: Fünf runde Scheiben mit 20 Zentimetern Durchmesser müssen schnellstmöglich so getroffen werden, dass sie nach hinten weg klappen - und das Ganze sechs Mal. Nur hat Tilmann Keith keine Skier an den Füßen, er steht mit seiner Pistole bei den deutschen Meisterschaften des Bundes Deutscher Sportschützen (BDS) am Tisch und schießt schneller als alle anderen an diesem Tag. "Ich war selbst ein wenig überrascht. Voriges Jahr konnte ich aus beruflichen Gründen nicht dabei sein, und die Entwicklung in unserem Sport hat durch technische Weiterentwicklungen einen ordentlichen Schub bekommen", berichtet Tilmann Keith im Rückblick auf die Titelkämpfe im baden-württembergischen Philippsburg.

Erst im Dezember 2013 begann er wieder mit dem Training. "Um mehr Zeit für die Familie zu haben, hatte ich mir eine Auszeit von meinen Aufgaben als Notar genommen. Das kam auch dem Schießen zugute", sagt der 55-Jährige. Seit über 25 Jahren schießt er, zunächst auf Tontauben, später mit Flinte, Pistole und Gewehr. War er vor zwei Jahren mit dem Gewehr über 300 Meter mit 300 Ringen deutscher Meister geworden, fand er nun Zeit, sich stärker der Großkaliberpistole zuzuwenden. "Meine Waffe war schon gut, aber für das hohe Niveau der Titelkämpfe nicht präzise und zuverlässig genug", erklärt er.

Deshalb ließ er sie 2013 von einem der besten Büchsenmacher-Meister in Deutschland, Karl Hamann aus Wolfsburg, überarbeiten. "Er hat sie so hinbekommen, dass ich mich nun hundertprozentig auf sie verlassen und meine eigene Munition optimal auf sie abstimmen kann." Wie viele andere Sportschützen ist Tilmann Keith Wiederlader und macht seine Patronen selbst: Er sammelt die gebrauchten Hülsen nach dem Schießen ein, bringt sie erneut präzise in Form, wechselt den Zünder aus, füllt die Patronen wieder mit einer genau abgewogenen Pulvermenge und setzt ein neues Geschoss darauf.

Was sich anhört wie leichte handwerkliche Fleißarbeit, ist in Wirklichkeit ein äußerst vielschichtiger Prozess. Neben einem gewissen Verständnis von Physik gehören dazu der Einsatz von Taschenrechner, Kamera und Computer sowie verschiedenste Tabellen - und schließlich regelmäßige Fahrten zur Schießanlage seines Vereins, des SV Burgstädt. "Man kann vieles errechnen, aber ohne Ausprobieren, Versuch und Irrtum geht es nicht. So habe ich aus etwa 50 unterschiedlichen Ladungen zwei Sorten von Munition speziell für diese Pistole entwickelt", erläutert der gebürtige Nordrhein-Westfale, der 1991 nach seiner Ausbildung in Bayern nach Chemnitz kam. So diene jetzt die eine Munition dem schellen Schießen, die andere höchster Präzision.

Dementsprechend gespannt war Tilmann Keith, wie sie sich unter Wettkampfbedingungen bewähren würde. Dabei verlief der Auftakt der deutschen Meisterschaften alles andere als ideal. "Für mich fing es mit der Flinte-Mehrdistanz an. Alles klappte zunächst prima, ich erzielte 291 Punkte, was für mich irrsinnig viel ist und für den Titel gereicht hätte - wenn nicht plötzlich der Kampfrichter mit finsterer Miene verkündet hätte, dass die Zeitnahme versagt hat", erzählt der Familien- vater. Er musste nochmal von vorn anfangen - eine enorme mentale und körperliche Belastung. "Da bist du dann beim zweiten Anlauf chancenlos, das lehrt einem Demut."

Umso erfolgreicher ist er danach mit der Pistole gewesen. Zuerst schießt er beim "Fallplatten-Schießen" nicht nur schneller als jeder andere seiner Altersklasse, sondern ist auch insgesamt der Schnellste. "Mit 27,48 Sekunden war ich über zwei Sekunden schneller als der Zweite. Normalerweise wird man mit einer Zeit zwischen 28 und 29 Sekunden deutscher Meister", verdeutlicht er. Beim anschließenden Speed-Schießen, bei dem auf Scheiben mit einem inneren und äußeren Ring geschossen wird und bei dem es um einen optimalen Mix aus Schnelligkeit und Präzision geht, kann er sich mit mehr als zehn Ringen Vorsprung ebenso durchsetzen.

Ein weiterer Titel mit dem Kleinkaliberrevolver, viermal Silber mit Gewehr und Flinte sowie ein dritter Platz mit der Büchse runden das starke Ergebnis in Philippsburg ab und machen ihn zu einem der erfolgreichsten Teilnehmer der deutschen Meisterschaften. "Man braucht zum einen ein perfektes System aus Waffe und Munition. Zum anderen geht es nicht ohne etwas Glück und einen guten Tag, an dem Gefühl, Konzentration und Fitness stimmen. Ich bin froh, dass das so zusammenfiel", zieht Keith zufrieden Bilanz.

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