Stefan Bötticher wieder angriffslustig

Der zweifache Sprintweltmeister vom Chemnitzer PSV musste aus gesundheitlichen Problemen eine lange Zwangspause einlegen. Jetzt sieht er wieder Licht am Horizont und visiert in den nächsten Jahren ehrgeizige Ziele an.

Chemnitz.

Als die besten Sprinter bei der Bahnrad-EM in Berlin ihre Champions kürten, saß er auf der Tribüne und fieberte vor allem mit seinen Teamgefährten mit. Natürlich hätte Stefan Bötticher lieber selbst im Velodrom seine Runden gedreht und um die Medaillen mitgekämpft. Doch dem zweifachen Weltmeister von 2013 blieb nur die Zuschauerrolle - ein Leistungsvermögen für derartige Wettkämpfe konnte er bisher noch nicht aufbauen. Er ist erst einmal erleichtert, dass er seit etwa Anfang September wieder kontinuierlich trainiert, die Belastungen Schritt für Schritt ohne Probleme steigern darf. "Ich habe den richtigen Weg eingeschlagen, bisher verläuft alles gut und ohne neue Probleme", berichtet der Chemnitzer.

Dabei verfolgte er das EM-Geschehen keinesfalls wehmütig. "Über den Punkt, die Sache negativ zu sehen, bin ich lange hinweg. Ich blicke nach vorn", meint der 25-Jährige. Unter Anleitung seines Coaches Andreas Hirschligau, der ihn am Stützpunkt gemeinsam mit Ralph Müller betreut, trainierte er in den Vormittagsstunden auf der Bahn in Frankfurt (Oder), um dann jeweils zu den Entscheidungen in die Hauptstadt zu fahren. Er freute sich dabei über das Wiedersehen mit Sprintassen anderer Länder, mit denen er die Keirintournee in Japan bestritt. Er fachsimpelte mit den Gefährten der Auswahl oder anderen Mitstreitern, führte zudem ein längeres Gespräch mit Bundestrainer Detlef Uibel über die weitere Planung. "Er hat mir in der ganzen Zeit immer den Rücken gestärkt und hofft nun sehr, dass ich zu meiner alten Stärke zurückfinde", erzählt Stefan Bötticher, der aber eines augenscheinlich erkannte: Für die Weltspitze reicht diese vermutlich, aber nicht, um erneut WM-Gold im Sprint zu holen.

Dabei ist die Lage im klassischen Sprint in Deutschland nicht gerade berauschend. Nachdem auch Max Niederlag, Vereins- und Trainingsgefährte beim Chemnitzer PSV, kurzfristig krankheitsbedingt ausfiel, schaffte es kein Starter der Gastgeber in der "Königsdisziplin" auf europäischer Ebene bis ins Halbfinale. Routinier Maximilian Levy, der seine Trümpfe in seinem Paradewettbewerb Keirin voll ausspielte und sensationell Gold gewann, zog sich auf Platz sieben noch am besten aus der Affäre. "Der Sprint hat sich extrem weiterentwickelt, die Leistungsdichte an der Spitze ist enorm. Inzwischen wird auch mit viel, viel größeren Gängen gefahren", hat Stefan Bötticher einige Veränderungen erkannt. Doch diese deprimieren ihn keineswegs - im Gegenteil, sie stacheln seinen Ehrgeiz weiter an, motivieren ihn zusätzlich. "Ich bin ja noch nicht fertig im Sport", sieht er selbst Potenzial für weitere Husarenstücke. Und die Experten sind sich einig, dass Stefan Bötticher, wenn sein Körper mitspielt, derzeit das Sprintmetier taktisch hierzulande am perfektesten beherrscht. "Er besitzt ganz besonders auch die Fähigkeit, Situationen vorauszusehen", betont sein Trainer Ralph Müller aus jahrelangen Erfahrungen immer wieder.

Sein Schützling bestimmte in verschiedenen Altersklassen die internationale Spitze mit, ist Juniorenweltmeister, mehrfacher Europameister sowie Weltcupsieger. Mit erst 21 Lenzen landete er 2013 als zweifacher Weltmeister (Sprint, Teamsprint) seine bislang wertvollsten Erfolge. Ein Jahr später erkämpfte er nochmals WM-Silber, obwohl er sich damals keineswegs optimal vorbereiten konnte. Schon in jener Zeit plagte er sich mit Verletzungen, Krankheiten und verschiedenen Beschwerden herum. Trotzdem versuchte er später Kraftakte - so, als es um die Olympiatickets für Rio ging. Doch er verlor den Kampf und durchlebte die bislang bittersten Momente seiner Karriere.

Im Dezember 2015 bestritt er seinen letzten Wettkampf. Danach nahm er sich erst einmal für längere Zeit eine Pause vom Radsport. Während dieser Monate hielt er sich anderweitig fit, schloss seine Ausbildung bei der Bundespolizei ab und unterzog sich zahlreichen medizinischen Untersuchungen sowie speziellen physiotherapeutischen Behandlungen. So weilte er beispielsweise mehrfach für einige Zeit im Therapie- und Trainingszentrum von Hans Friedl in Edling nahe München. Als Hauptproblem wurde ein Muskel im linken Oberschenkel ausgemacht, der nicht richtig arbeitete. Daraufhin kam es zu Fehlbelastungen und Entzündungen an anderen Stellen des Körpers (Knie, Rücken). "Sicher gab es mal Zweifel, aber ans Aufhören dachte ich nie", meint der Polizeimeister, der inzwischen jedoch sehr sensibel auf jedes falsche Signal reagiert. "Wir gehen alles behutsam an, haben über die Jahre gelernt, nicht gleich zu überreizen", zeigt er die Marschroute auf. Neben Straßeneinheiten, Krafttraining und speziellen Übungen, die er für seine Problembereiche auch zu Hause absolviert, kann er zudem auf seinem Bahnrad per Computerunterstützung einiges simulieren.

Die ersten Sprinttests auf dem Oval in Frankfurt waren zwar ungewohnt, fühlen sich aber längst richtig gut an. "Ich bin glücklich, wie jetzt alles wieder funktioniert, auch der Spaß ist zurück", sagt Stefan Bötticher. Beim Weltcup Mitte Januar in Minsk will er im Teamsprint sein internationales Comeback feiern. Übrigens an genau jenem Ort, an dem er seine beiden WM-Titel erkämpfte. Wenn das kein gutes Omen ist ...?

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