Verabredung zum 100. Wasalauf

Heute vor 40 Jahren gelang Gert-Dietmar Klause das Kunststück, als erster Mitteleuropäer den berühmten Wasalauf zu gewinnen. Der Vogtländer ist nach wie vor der einzige Deutsche, der beim beliebten Volksskilanglauf über 90 km triumphierte.

Beerheide.

Am kommenden Sonntag wird es wieder ein pfeifendes Rauschen geben auf der Startwiese in Sälen, wenn am frühen Morgen über 15.000 Hobbyskilangläufer auf ihren schmalen Brettern in Richtung Mora aufbrechen. Die meisten Läufer, darunter auch wieder viele Sachsen, wollen einfach nur ankommen nach 90 Kilometern durch die schwedische Provinz Dalarna. Ganz anders als Gert-Dietmar Klause vor auf den Tag 40 Jahren. Im Buch von seinem damaligen Zimmerkollegen Gerhard Grimmer ("Die weiße Spur") ist nachzulesen, dass sich Klause am Vorabend mit den Worten in die Nacht verabschiedete: "Morgen schlafe ich hier als Wasalauf-Sieger ein."

Gert-Dietmar Klause lächelt über die Episode und kann sich nicht daran erinnern. "Wenn es so war, ist es sicher spaßig gemeint gewesen", erzählt Klause. Er hat in seinem Ski-Keller im Haus im vogtländischen Hohengrün nahe Auerbach Kaminholz aufgelegt. Seit Jahren stehen dort seine Langlaufski von damals, zahlreiche Pokale, Urkunden, uralte Skiroller, Medaillen und Erinnerungsstücke aus seiner aktiven Zeit.

Klause erzählt von seinem Wasalauf-Rennen 1975, als ob sich alles gestern zugetragen hätte. "Gerhard Grimmer hat auf jeden Fall einen Anteil am Sieg. Wir waren gut in der Spitzengruppe vertreten. Irgendwann hat Gerhard hinter mir gerufen: Hau ab!" Grimmer bremste einen kurzen Moment, sodass sich zum ärgsten Konkurrenten Ake Wingskog aus Schweden eine kleine Lücke auftat. So konnte sich Klause zwei Kilometer vor dem Ziel leicht absetzen. Auch wenn Wingskog noch aufholte, überquerte Klause in der damaligen Rekordzeit von 4:20:29 Stunden als Erster die Ziellinie. Sein Klubkamerad Gerd Heßler wurde starker Fünfter. Heute liegt die Rekordzeit, aufgestellt im Jahr 2012 vom Schweden Jörgen Brink, bei 3:38:41 Stunden für die 90 Kilometer, die von den Top-Leuten fast ausschließlich im Doppelstockschub absolviert werden.

Was Klause berühmt gemacht hat, ist die Tatsache, dass er der erste Mitteleuropäer war, der den so beliebten Lauf gewann. Bis heute schaffte dies kein deutscher Langläufer. Gert-Dietmar Klause, der mit seinem langgezogenen Schritt in der Loipe begeisterte, stand damals in der Blüte seiner Langlaufzeit. Die Umstände, wie er zu einer Berühmtheit werden konnte, sind dennoch kurios.

"Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Manfred Ewald (Anm. d. Red.: damals Präsident des DTSB) soll in Schweden angerufen haben, weil er ein schwedisches Team für ein Turnier in der DDR, ich glaube im Handball, benötigt hat", erzählt der heute 69-Jährige: "Da haben die Schweden gesagt: Im Gegenzug schickt Ihr uns aber Eure Langläufer zum Wasalauf." Wenig bekannt ist auch die Geschichte fünf Jahre zuvor. 1970 stand Klause zum ersten Mal beim Wasalauf am Start. Erst am Vorabend um 19.30 Uhr hatten er und seine Teammitglieder bei den Skispielen in Falun von Trainer Hannes Braun erfahren, dass sie zum 90-km-Lauf antreten sollen. "In der Nacht sind wir in der Nähe von Sälen angekommen. Unser Trainer hat dann noch die Ski gewachst und zwei Stunden auf dem Bettvorleger im Privatquartier geschlafen. Dann ging es in aller Frühe zum Start", erinnert sich Klause an das Rennen, das er letztlich als 13. beendete.

Nach seiner aktiven Laufbahn war der Sachse in Klingenthal als Nachwuchstrainer beschäftigt, später arbeitete er bis zur Rente im Forst. Heute lebt Klause mit seiner Frau Christina im Einfamilienhaus mit einer kleinen Sauna, draußen liegt viel Holz im Garten. "Ich habe immer zu tun, wie das so ist mit Haus und Hof", sagt er. Die Ski-WM von Falun hat er am Fernseher verfolgt, auch die Sprints eines bärenstarken Petter Northug. "Unglaublich, welche Physis er auf den letzten Metern hat. Beim 50er dachte ich, er fällt jeden Moment um. Und dann dieser Spurt", beschreibt Klause die Fähigkeiten des Norwegers und hält sich mit Beurteilungen der Deutschen zurück. Als Sebastian Eisenlauer als Bester im Marathon mit rund zehn Minuten Rückstand das Ziel erreichte, kramte Klause das Olympiabuch von 1968 hervor: "In Grenoble war ich auch erst 23 Jahre wie Eisenlauer und ich hatte als 25. über zweieinhalb Minuten Rückstand zum Sieger. Das braucht eben seine Zeit bis in die Weltklasse."

Um Zeit geht es für Gert-Dietmar Klause heute nicht mehr. Nach zurückliegenden Herzproblemen haben ihm die Ärzte von länger andauerndem Maximalpuls abgeraten. Fahrradtouren und Reisen mit den ehemaligen Wegbegleitern unternimmt er ab und zu ganz entspannt. Ende März treffen sich wieder alle, zu seinem 70. Geburtstag. Etwa 50 Leute hat er eingeladen, u. a. Gerhard Grimmer. Der Wasalauf wird bestimmt in gemütlicher Runde ein Thema sein. Übrigens: Den Siegerkranz, der traditionell 100 Meter vor dem Ziel vom "Kranzmädchen" überreicht wird, traute sich Klause 1975 gar nicht anzunehmen. "Ich habe Wingskog im Nacken gespürt", erinnert er sich. Den Kranz gab es dann bei der Siegerehrung. Und auch die Plauderei, die mit der jungen Lena Blank eher spärlich ausfiel, wurde nachgeholt. Im Vorjahr absolvierten sie gemeinsam den Blaubeer-Lauf über neun Kilometer. Ob er das Kranzmädchen noch mal wiedersehen wird? "Wir haben uns für den 100. Wasalauf verabredet", schmunzelt Gert-Dietmar Klause. Wenn er tatsächlich 2024 in Schweden anreist, wird er sicher wieder erzählen müssen, wie das damals war, als Gerhard Grimmer plötzlich hinter ihm rief: "Hau ab!"

 

Zur Person: Gert-Dietmar Klause

Geboren am 25. März 1945 in Reumtengrün. Gert-Dietmar Klause ist verheiratet und hat zwei Söhne (42 und 41 Jahre alt). Erst nach der Lehre zum Zerspaner widmete sich Gert-Dietmar Klause mit 18 Jahren ausschließlich dem Langlauf. Der Quereinsteiger startete für den SC Dynamo Klingenthal, war vor allem auf den langen Kanten ein Ausnahmeläufer. Seine größten Erfolge neben dem Wasalauf-Sieg 1975 sind die olympische Silbermedaille 1976 über 50 km sowie WM-Silber (1970) und WM-Gold (1974) jeweils in der Staffel.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...