Vom Forstarbeiter zum Jahrhunderttrainer: Ski-Trainerlegende Heinz Nestler feiert Jubiläum

Vier Olympiasiege hat es in der Sportgeschichte für Deutschlands Skilangläuferinnen gegeben. An allen war Heinz Nestler irgendwie beteiligt. Am Freitag feiert er - doch nicht deswegen.

Oberwiesenthal.

Heinz Nestler? "Der Name sagt mir jetzt gar nichts", erwidert die Frau direkt vor der Wohnung des Gesuchten in Oberwiesenthal. Wikipedia? Kaum ein Eintrag über Heinz Nestler zu finden. Irgendwie müssen da einige einiges verpasst haben in all den Jahren. Oder Heinz Nestler hat sich gut versteckt, so wie in der bescheidenen Neubauwohnung mit Blick auf den Keilberg, in der er mit seiner Frau Christine wohnt. 80 wird er am Freitag, der Trainer des Jahrhunderts im Skiverband Sachsen, der unzählige Höhen und Tiefen, seine härteste Zeit jedoch im Forst erlebte.

1938 geboren in Neudorf im Erzgebirge, dort zur Schule und zum Sport gegangen, damals schon bei Wismut. Nicht Aue, sondern eben Neudorf, wo der Jubilar 1952 dann eine Lehre zum Forstfacharbeiter begann und 36 Monate später ins Berufsleben einstieg. "Das härteste Jahr meines Lebens", sagt er noch immer. "Wir haben Bäume gefällt, ohne Motorsäge, und das im Leistungslohn", fügt er als Begründung an. Zum Glück war er Sportler, hatte ganz gut Laufen und Springen gelernt, war häufig nach Johanngeorgenstadt zum Trainieren gefahren, gewann dort 1953 ein Skispringen. Zum Glück gehörte auch, dass in jener Zeit der Sportclub Traktor Oberwiesenthal gegründet wurde.

"Erst mit den Alpinskifahrern, dann mit uns Nordischen", erinnert sich Nestler. Er durfte hin, immerhin als Bezirksmeister, zerlegte sich dann Schien- und Wadenbein, konnte aber als Langläufer bleiben und so später auch die NVA, die Nationale Volksarmee der DDR, quasi umgehen. Denn für ihn hieß es: Nach Thüringen zum Armeesportklub Brotterode, das zählte. "1961 durfte ich gehen, es hat nicht gereicht. Leistungssportlich bin ich bis heute der Schwächste in der Familie geblieben", sagt Heinz Nestler mit einem Schmunzeln. Gattin Christine und Tochter Ute schafften es hingegen zu Olympia, Enkel Andy bis zur Weltmeisterschaftsteilnahme.

Für Heinz Nestler, der vor 58 Jahren seine Christine, damals Söldner, aus Geyer geheiratet hatte, war seine zu geringe Leistungsfähigkeit der Schlüssel zu einer letztlich einmaligen Karriere. Denn als sich der vorher verantwortliche Trainer vom Fichtelberg gen Westdeutschland trollte, schlug seine Stunde. "Ich wurde gefragt, ob ich - auch ohne jegliche Vorkenntnisse - den Posten übernehmen wollte. Nach meinem Ja war ich ab 1. Juli 1961 Trainer Skilanglauf weiblich mit der Aufgabe, die damals alle Trainer im SC Traktor hatten: Wir sollten die Sportler an die europäische Spitze heranführen", erinnert sich Nestler.

Er kniete sich hinein, legte eine Sonderreifeprüfung ab, absolvierte ein Fernstudium an der Sporthochschule Leipzig - "übrigens im gleichen Matrikel wie die Wismut-Idole Manfred Kaiser und Bringfried Müller" - und führte Oberwiesenthals Damen schnell in die ostdeutsche Spitze. Wenig später begann die Olympiakarriere des erfolgreichsten deutschen Skilanglauftrainers, die dennoch wie ein Skilanglaufgelände von Bergen und Tälern geprägt war. 1964 als "Tourist" - er war verantwortlicher DDR-Trainer, aber nicht in der damals noch gesamtdeutschen Mannschaft - in Innsbruck, 1968 in Grenoble als offizieller Trainer mit den Ergebnissen unter den Erwartungen, 1972 in Sapporo mit der nächsten olympischen Pleite, 1976 wieder als "Tourist" in Innsbruck, 1980 dann als Nationaltrainer der DDR - und in den USA mit den Sternstunden schlechthin.

"Zuvor hatte ich gesagt, ich übernehme den Job nur wieder, wenn ihr mir freie Hand lasst. Dann habe ich 10.000 Trainingskilometer aufs Papier geschrieben, die Mädels sind danach marschiert. Am Ende standen in Lake Placid der Frauen-Staffelsieg und der für Barbara Petzold über die 10 Kilometer zu Buche", skizziert Heinz Nestler seine erste bedeutsame Phase als Trainer. Der Einzelsieg der gebürtigen Hammerunterwiesenthalerin war der erste - und ist bis heute der einzige für den deutschen Skilanglaufsport geblieben.

Und doch hatte Olympia 1980 eine schmerzhafte Note für die Familie Nestler: Tochter Ute wurde nicht für die Staffel berücksichtigt, die Gold gewann. "Eine andere Geschichte, aber es war irgendwie gerecht. Es sollte wohl von allen vier Sportclubs eine Läuferin in der Staffel stehen", wirft Christine Nestler ein, die einigen der Mädels als Jugendtrainerin das notwendige Rüstzeug vermittelt hatte. Und obwohl nach ausbleibenden Erfolgen 1984 in Sarajevo Heinz Nestler "ins zweite Glied" zurück- musste, sollten die verrücktesten Jahre noch folgen.

1988 ging Calgary medaillenlos vorüber, und mit der Wende waren auf einmal alle Trainer arbeitslos. Nestler führte seine Truppe am Fichtelberg dennoch weiter, bekam später eine mischfinanzierte Stelle im sächsischen Verband - obwohl Viola Bauer und Claudia Künzel wegen angeblich schlechter Trainingswerte raus aus der Nationalmannschaft waren. "Es begann das große Kämpfen", beschreibt Nestler jene Etappe. Das Kämpfen hatte Erfolg. "Als die ,Claudsch' dann 1998 in St. Moritz Vizeweltmeisterin wurde, waren wir wieder wer, standen im Blickfeld. Auch wenn ich wieder mal nur als ,Tourist' dabei sein durfte", erzählt der 80-Jährige. In der Zeit fragten die heutigen Bundestrainer Janko Neuber und René Sommerfeldt, ob Heinz Nestler sie als Trainer betreuen würde. Er tat es, was 2001 mit Sommerfeldts WM-Silber über den 50-Kilometer-Kanten Früchte trug. Bevor dieser Skiläufer des WSC Erzgebirge Oberwiesenthal - so heißt seit 2002 der Verein - mit dem ersten deutschen Gesamtweltcupsieg 2004 Geschichte schrieb, waren aber die Winterspiele 2002 in Salt Lake City der Hammer: Gold für Bauer und Künzel sowie Bronze mit Sommerfeldt in den Staffelentscheidungen. "Diese Erfolge waren maßgebend dafür, dass in Oberwiesenthal die Skiarena entstehen konnte. Dafür bin ich dem Sparkassenverband noch dankbar", sagt Heinz Nestler, der 2006 die Weihe dieser Sportstätte sowie 2010 den zweiten Olympiasieg von Claudia Künzel-Nystad bereits als Ruheständler erlebte.

Zwischen seinem ersten und seinem letzten Arbeitstag, am Freitag vor genau 15 Jahren, liegen fast 42 Jahre als Club- oder Nationalcoach. In beiden deutschen Staaten hat der oft Geehrte Olympiasiegerinnen und den ersten deutschen Gesamtweltcupsieger mitgeformt. Jetzt widmet er sich seinen beiden Kindern, den fünf Enkeln und seinem Garten, geht wandern. Noch ist er im Winter bei vielen Langlaufrennen als Kampfrichter zu finden oder steht als Weitenmesser an der Schanze, beobachtet mit fachmännischem Blick die Entwicklungen. Die bereiten ihm Bauchschmerzen: "Es gibt zu viele Ausreden, viel Disziplin ist dahin, der Spaßfaktor wird zu oft betont. Doch damit gewinnt niemand Olympiamedaillen. Ich habe ein ungutes Gefühl für den deutschen Sport." Seinen 80. darf Heinz Nestler dennoch guten Gewissens feiern. Er fühlt sich gut, die anderen in der Familie auch. "Frische Luft hält fit", meint der Jubilar mit den Prinzipien. Er könnte noch viel erzählen, von all den Weltmeisterschaften, von Enttäuschungen mit Kollegen und Funktionären, von Eigenwilligkeiten der Athleten und von Sachsens Trainerehrung, als das Meißner Porzellanpräsent zerbrach. "Ich habe ein neues erhalten, bekam es persönlich in der Manufaktur überreicht. Eine interessante Ausfahrt", sagt der Skilaufexperte. Wie so oft nahm alles ein gutes Ende.

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