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Emotionaler Abschied: Am 25. März bestritt Björn Kircheisen beim Weltcupfinale in Schonach seinen letzten Wettkampf. Danach flossen ein paar Tränen.

Foto: Imago

Björn Kircheisen: Ein Großer verlässt die große Bühne

Für den Johanngeorgenstädter schließt sich am Samstag der Kreis. Dort, wo er als Kind seine ersten Liegestütze meisterte, wird der 16-malige Medaillengewinner bei Olympia und Weltmeisterschaften von seinem Heimatverein verabschiedet. Dem Metier bleibt der Sachse treu.

Von Thomas Prenzel
erschienen am 27.04.2018

Johanngeorgenstadt. Gut einen Monat ist es her, dass Björn Kircheisen mit wedelnder Deutschlandfahne unter dem Jubel tausender Zuschauer in Schonach im Skatingschritt seine Ehrenrunde drehte. Die letzten Meter seiner einzigartigen Karriere hat der Nordisch Kombinierte genossen. Klar, nach 22 Jahren Leistungssport flossen auch ein paar Tränen. Doch die sind längst getrocknet. Der 34-Jährige sitzt gemütlich auf dem Sofa im Eigenheim in Aschau, seiner Wahlheimat im Chiemgau. Zugenommen hat der zu aktiven Zeiten leichtgewichtige Athlet kaum. "Höchstens ein Kilo. Meine Chefin will mich zwar mästen, aber ich habe dieses Jahr schon 1000 Radkilometer in den Beinen", erzählt er über seine Verlobte Saskia und lacht dabei. Gerade ist er von einem gemeinsamen Radtrip auf Mallorca mit Olympiasieger Eric Frenzel zurückgekehrt.

Nun schwirren wieder Visionen in seinem Kopf herum. Das Angebot, als Trainer im Deutschen Skiverband (DSV) zu arbeiten, erleichterte ihm den Abschied vom aktiven Sport. "Ich hätte mich auch noch ein Jahr knechten können. Aber so ist es ein fließender Übergang. Das passt", berichtet er über seine neue Aufgabe. Immerhin steigt der Inhaber einer Trainer-B-Lizenz gleich auf der zweithöchsten Stufe als Coach ein, betreut künftig gemeinsam mit dem Oberstdorfer Constantin Krieselmeyer den Perspektivkader (zweite Reihe) in Deutschland. Das wird eine Umstellung - weiß er: "Sicher muss ich mich erst an die neue Sichtweise gewöhnen. Ich bin nicht der Typ, der rumsitzt. Ich will schon etwas von meinen Erfahrungen weitergeben, zum Beispiel Zielstrebigkeit. Und die Jungs sollen Spaß haben."

Den hatte er als Athlet freilich nicht immer, aber oft: So haben ihn seine Trainer in den vielen Jahren seit dem Weltcupdebüt 2001 erlebt. Die Frage, ob es so einen Sportler, der bei vier Olympischen Winterspielen und sieben Weltmeisterschaften 16 Medaillen (1 Gold/11 Silber/ 4 Bronze) einheimste, überhaupt noch einmal geben wird, ist berechtigt. Zum Glück konnte Eric Frenzel längst in die Fußstapfen seines langjährigen Zimmerkumpels treten und noch erfolgreicher das Springen und Laufen kombinieren. Kircheisens Heimcoach Uwe Schuricht sagt dennoch: "Als Trainer bekommst du so einen Athleten wie den Björn nur einmal im Leben."

Schuricht gehört am Samstag zu den vielen Gratulanten. Der gewöhnliche Rahmen des jährlichen Abwinterns beim Wintersportverein Johanngeorgenstadt wird wohl gesprengt: Mit über 150 Sportlern, Trainern, Betreuern, Funktionären, Politikern, Freunden und Bekannten rechnet der rührige WSV, wenn sie alle Danke sagen und nachträglich applaudieren wollen. Stephan Schott, der Vereinschef, heute Rentner und früher Lehrer, wird die Laudatio auf Björn Kircheisen halten. Im Franz-Mehring-Heim schließt sich dann der Kreis. Björn hatte dort als kleiner Junge in der Turnhalle seine ersten Liegestütze gemeistert. Stephan Schott erinnert sich noch daran, als Vater Steffen seinen Sprössling mit den Worten zum Verein brachte: "Der Junge ist nicht ausgelastet. Er soll sich nach der Schule noch einmal bisschen bewegen."

Viele Jahre später haben sich zur Verabschiedung u. a. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig, Bundestrainer Hermann Weinbuch oder Skisprung-Ass Richard Freitag angekündigt. Allein schon diese Namen verraten, welche Wertschätzung der Kombinierer genießt. Seine Wurzeln hat der Erzgebirger nie vergessen. Autogramme schreiben, Talente ehren oder sich den Fragen des heimischen Nachwuchses stellen - wenn es seine Zeit zuließ, unterstützte Kircheisen seinen Verein.

Der Medaillenhamster. Das gehäufte Silber brachte Björn den Spitznamen "Silbereisen" ein.

Foto: NK-Förderkreis

Stephan Schott dankt es ihm. Er und seine Mitstreiter kämpfen seit Jahren ums Überleben, nachdem das Trainingszentrum der SG Dynamo Johanngeorgenstadt nach der Wende seine staatliche Förderung und damit die hauptamtlichen Trainer verlor. Nun müht sich der WSV, die Traditionen zu bewahren. Die ruhmreichen Zeiten, als regelmäßig spätere Weltklasse-Skisportler wie Manfred Deckert, Sven Hannawald (damals Pöhler), Holger und Richard Freitag, Thomas Abratis oder eben Kircheisen entdeckt und ausgebildet wurden, sind Geschichte. All diese Athleten gingen durch die Schule von Übungsleiter Erich Hilbig, der im Januar im Alter von 80 Jahren verstorben ist. Momentan sind es sieben, acht Kinder, die auf dennoch fünf sprungfähigen Anlagen trainieren. Die Große Erzgebirgsschanze liegt dagegen brach im Wald. Knapp 20 Jahre ist keiner mehr auf dem Bakken mit dem urgewaltigen Anlaufturm gesprungen, die nötigen Zertifikate sind längst ausgelaufen. Auf den Jugend- und Pionierschanzen nebenan unternehmen die Kinder unter den Fittichen von Karl-Heinz Englert erste Flugversuche. Ab Mai bekommt der 59-jährige Polizist Unterstützung von Steffen Bias, der als sächsischer Regionaltrainer für das Westerzgebirge und das Vogtland Talente finden und entwickeln soll. Was allerdings einer Mammutaufgabe gleicht, egal ob nun in Pöhla, wo einst Jens Weißflog das Abc des Skisports erlernte, in Rittersgrün oder woanders in den kleinen Skivereinen Sachsens.

Die Probleme liegen ähnlich. Sportstätten sind veraltet und die Kinder weniger geworden. In Johanngeorgenstadt hat sich die Einwohnerzahl von einst über 10.000 auf rund 4200 reduziert. Drei Schulen sind aufgrund der zu geringen Schülerzahlen nach der Wende im Ort dichtgemacht worden. Potenzielle Skisportler ab der 5. Klasse müssten nach der Schule aus Eibenstock, Breitenbrunn, Schwarzenberg oder Annaberg bis nach Johanngeorgenstadt zum Training fahren. Bei der Ankunft am Nachmittag hätte Björn Kircheisen zu früheren Zeiten schon zahlreiche Hopser auf der selbst erbauten Schneeschanze am Hang der elterlichen Neubauwohnung hinter sich gebracht ...

"Es war eine andere Zeit. Es gab keine Handys und Computerspiele", erzählt Steffen Kircheisen. Sein Filius stand schon mit drei Lenzen auf den Brettern. Björns Opa Herbert lehrte seinen Enkel das Skifahren. Kircheisen hat sicher auch Glück gehabt. Zum Beispiel, dass er letztlich an einen guten Arzt geriet, als ihm mit 14 Jahren beim Springen am Fichtelberg die Patellasehne gerissen war. Oder dass er so viel Unterstützung bekam, besonders auch von den Eltern. Vater Steffen erinnert sich an eine Episode, die erahnen lässt, wie ehrgeizig sein "Gung" Ziele verfolgte. Als der Sprössling von Sieg zu Sieg eilte, spürte der Papa bereits, dass "dies irgendwann mal nicht so weitergeht und es für Björn dann mental nicht einfach wird. Deshalb habe ich ihn manchmal eine Altersklasse höher starten lassen." Den körperlich überlegenen Gegnern musste sich Björn mitunter geschlagen geben. Was ihm half, mit Niederlagen besser umzugehen. Selbst das Verlieren will gelernt sein. Nur so wird man ein Großer im Sport.

An den Finnhütten im Lehmergrund lernte Björn von Opa Herbert früh das Skifahren. An den Finnhütten im Lehmergrund lernte Björn von Opa Herbert früh das Skifahren.

Foto: privatBild 1 / 8

Vom Erzgebirge in den Chiemgau 

Werdegang: 6. August 1983 in Erlabrunn geboren. Aufgewachsen in Johanngeorgenstadt, organisiert im hiesigen Wintersportverein. Seine ersten Übungsleiter waren Christoph Beyer und später dann Erich Hilbig. Mit 13 Jahren wechselte er an die Sportschule in Klingenthal. Nach dem Abitur absolvierte der Kombinierer eine Ausbildung bei der Bundespolizei in Bad Endorf. Im Chiemgau hat Björn Kircheisen seine Wahlheimat gefunden. In Aschau lebt er mit seiner Verlobten Saskia, die er im Sommer auf einer Berghütte heiraten wird, in einem Eigenheim.

Sportliche Erfolge: 6-maliger Junioren-Weltmeister (davon dreimal im Team), 22 Weltcupsiege (davon 5 im Team), 28 Weltcup-Podestplätze; Weltmeisterschaften (1 Gold/Team; 8 Silber/6 Team; 3 Bronze); Olympische Winterspiele (3 Silber/jeweils Team; 1 Bronze/Team). 

Wünsche zum Abschied 

Eric Frenzel, Olympiasieger und langjähriger Zimmerkollege: "Ich wünsche Björn, dass er im neuen Beruf als Trainer viel Spaß mit seinen Sportlern hat ... Es wäre schön, wenn die Jungs wie ich früher von seinen Erfahrungen profitieren könnten. Als ich in die Nationalmannschaft gekommen bin, haben mir Dinge wie seine Disziplin, sein Fleiß oder seine Pünktlichkeit imponiert."

Steffen Kircheisen, Vater: "In erster Linie wünsche ich ihm natürlich Gesundheit. Beruflich bin ich optimistisch, dass er an seine sportlichen Erfolge anknüpfen kann. Aber das ist die Zukunft. Im Sommer soll Björn erst mal eine schöne Hochzeitsfeier hinbekommen."

Marcus Burghardt, Radprofi und gelegentlich Trainingspartner: "Ich wünsche ihm, dass er seiner aktiven Zeit nie hinterhertrauern wird und er im neuen Job aufgeht. Mit jungen Sportlern zu arbeiten, ist doch ein Traum. Und privat soll er jetzt die Familienplanung richtig anpacken. Es ist doch besser, wenn man öfter zu Hause ist und seine Kinder auch aufwachsen sieht." 

 
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