Warum Schuster ein Gold-Trainer ist

Ex-Weltklasseskispringer Rico Meinel aus Klingenthal hat seine Karriere auch dem heutigen Bundestrainer zu verdanken.

Chemnitz.

So richtig viel Zeit, um Olympia im Fernsehen zu verfolgen, bleibt Rico Meinel momentan nicht. Morgen wird er sein neues Fitnessstudio, das er in Chemnitz betreibt, eröffnen. Da hieß es in den vergangenen Wochen und Tagen, ranklotzen, die vielen, kleinen und nicht vorhersehbaren Dinge erledigen. "Ich war die letzten sieben Jahre angestellter Geschäftsführer im Fitnesscenter am Stadtpark in Chemnitz. Jetzt wollte ich mich selbst verwirklichen", erzählt der einstige Weltklasseskispringer vom Aschberg, der 1995 mit Rang fünf beim Tourneespringen am Bergisel seinen größten Erfolg feierte. Mit einem Millenniumsprung in Garmisch-Partenkirchen beendete Rico Meinel um Mitternacht 2000 seine Laufbahn: "Das hat zwar keiner mitbekommen, weil ich für Dieter Thoma nur das Kanonenfutter war. Aber wenigstens hat mir RTL-Moderator Günther Jauch im Auslauf ein Glas Champagner angeboten."

Für das olympische Teamspringen in Krasnaja Poljana, bei dem Deutschland am Montagabend sensationell zu Gold flog, hatte sich der bald 40-Jährige dann doch etwas Zeit am Fernseher eingeplant. Dass er Severin Freund und Co. besonders die Daumen drückte, hat auch einen speziellen Grund. Denn Rico Meinel verdankt seine Karriere in bestimmter Weise auch einem gewissen Werner Schuster, dem heutigen Skisprung-Bundestrainer.

In den 90er-Jahren duellierten sich der Vogtländer und der Österreicher auf den Schanzen dieser Welt. Meinel erinnert sich an eine Episode in den USA: "Ich hatte beim Skifliegen in Ironwood einen Vorwärtssalto gedreht, so wie jüngst Thomas Morgenstern stürzte. Am Abend habe ich Werner im Hotel getroffen. Er hat drei Stunden auf mich eingeredet, dass ich am nächsten Tag wieder auf die Schanze steigen soll", erinnert sich Meinel. Und er tat es. "Heute denke ich, ohne seine Worte hätte ich es nicht wieder auf so hohes Niveau geschafft", erzählt Meinel. Als Faustregel im Skispringen gilt, nach Stürzen möglichst bald wieder auf den Bakken zu klettern, um keine Ängste aufzubauen und Vertrauen zurückzugewinnen.

Dass Schuster selbstlos seinen damaligen Konkurrenten zum richtigen Schritt überredete, rechnet ihm Meinel hoch an. Es zeugt von einer hohen sozialen Kompetenz, die nun auch den Trainer Schuster auszeichnet, sagt Meinel. Und dieses Urteil vertrat er bereits vor dem Team-Gold in Sotschi. Der studierte Psychologe Schuster schaffte es so auch beispielhaft, Severin Freund nach riesiger Enttäuschung mit Platz vier im Einzel wieder in die Spur zu bringen - und diesmal waren der gewöhnliche Umgang und wenige Worte der Schlüssel zum Glück: "Severin ist im Handling sehr einfach. Er kann rational denken und Misserfolg schnell abhaken. Es macht keinen Sinn, in Aktionismus zu verfallen. Kontinuität ist in solchen Situationen das Beste, deshalb habe ich ihm nichts Neues erzählt", berichtete Schuster. Und so nahm der Fernsehabend für Rico Meinel und die vielen Skisprung-Fans in Deutschland seinen dramatischen und krönenden Verlauf.

Am nächsten Morgen stand Rico Meinel wieder in seinem Fitnessstudio. Er will sich jetzt beruflich seinen Traum erfüllen. Der gelernte Fitness-Fachwirt, der nach seiner Laufbahn Tourismuswirtschaft studiert hat, ist schon viel herumgekommen. Er arbeitete im Hotelgewerbe in London, war als Assistent des IBIS-Hoteldirektors am Potsdamer Platz tätig und er führte selbst Hotels in Erfurt und Günzburg. Nun Fitness in Chemnitz: "Nichts gegen den Westen, aber ich wollte wieder zurück in die Heimat und etwas mit Sport machen", sagte er. Bis das eigene Geschäft läuft, bleibt vermutlich für eigene Sportaktivitäten wenig Zeit. Danach wird man den Chef aber auch selbst an den Geräten erleben können. "Als Skispringer hätte ich früher nie Geld fürs Fitnessstudio ausgegeben, wäre lieber joggen gegangen", meint Rico Meinel: "Heute sehe ich das anders. Das Muskeltraining ist gut für den Rücken. Ich fühle mich fit." Und so schmal und leicht wie ein Skispringer muss er jetzt auch nicht mehr sein.

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