Wenn sich alles um das Rennrad dreht

Der Weg vom Fichtelberg zum Kap Arkona ist lang: 620 Kilometer. Bei der 16. Fichkona bewältigten rund 170 Hobbysportler diese Distanz auf dem Rad. Reiner Pabsdorf aus Annaberg fuhr sogar auf dem Drahtesel zurück.

Annaberg-Buchholz.

Mit der Bezeichnung "Verrückte" haben beide kein Problem. Thomas Holub, 36 Jahre jung, und Reiner Pabsdorf, der morgen seinen 60. Geburtstag feiert, stehen zu ihrem Hobby, bei dem sich alles um das Rennrad dreht. Vergangenes Wochenende saßen die beiden Annaberger stundenlang im Sattel, radelten bei der 16. Auflage der Fichkona-Tour vom Fichtelberg an die Ostsee: 620 Kilometer am Stück, zum Teil nachts bei 5 Grad Celsius, oft bei straffem Gegenwind und von kräftigen Regengüssen und Magenkrämpfen gebeutelt. Holub, der gestern längst wieder seiner Arbeit als Verantwortlicher des Erlebnis-Kletterparks an den Greifensteinen nachkam, benötigte 22 Stunden und vier Minuten. Pabsdorf setzte dem Ganzen einen drauf. Am Kap Arkona angekommen, verschnaufte er eine gute Stunde und radelte wieder zurück auf den Fichtelberg. 1280 Kilometer standen letztlich auf dem Tacho, nonstop von Samstag 10 Uhr bis Montag 21 Uhr, bis auf zwei kurze Schlafpausen gestrampelt, gestrampelt und gestrampelt. Wer tut sich sowas freiwillig an? Pabsdorf beschreibt seinen inneren Antrieb so: "Etwas zu schaffen, was vorher noch keinem gelungen ist, stellt für mich einen Reiz dar. Aber ich gebe zu: Auf dem Rückweg wollte ich dreimal aufhören. Die letzten Kilometer waren knochenhart. Ich weiß jetzt, warum kein Marathon dieser Länge auf dem Berg endet. Das habe ich unterschätzt, aber ich hab's durchgezogen", sagte der 59-jährige Betreiber einer Videothek stolz.

Sein leicht unrunder Gang zwei Tage nach der Zielankunft verrät nur ein bisschen was von den Strapazen. Pabsdorf: "Ich fühle mich sehr wohl, nur der Hintern tut weh und die Hand ist noch leicht taub." Für seinen Mitstreiter Thomas Holub war es die 6. Fichkona. "Es gibt schlimmere Macken, als zuviel Rad zu fahren", sagt der drahtige Mann: "Aber ich gebe zu, ein bisschen verrückt muss man sein. Dafür ist das Erlebnis an der Natur, im Morgengrauen auf dem Rügendamm die Ostsee zu sehen, ein schönes Gefühl." Am Kap Arkona war für ihn das Abenteuer beendet. Holub lobt die ausgezeichnete Organisation. "Unterwegs zauberten die Betreuer sogar eine Kartoffelsuppe aus dem Hut, nachdem sich meine Magenprobleme wieder gelegt hatten", meint der Hobbyradler.

Holub war schon als Freizeitradler aktiv, als die Fichkona-Tour im Jahr 2004 von einem tödlichen Verkehrsunfall überschattet wurde. Doch seine Leidenschaft litt darunter nicht: "Es kann dir auf der Straße auch ein Dachziegel auf den Kopf fallen. Und es gibt klare Regeln, zum Beispiel das Zusammenbleiben in der Gruppe. Oder nachts auf den langen Alleen in Brandenburg darfst du nicht über den Mittelstreifen fahren", erzählt der Erzgebirger.

Reiner Pabsdorf hat schon zahlreiche Extremsportwettkämpfe auf dem Rad bewältigt. Bei der Fichkona war er das elfte Mal am Start. Auch er schwärmt von der Betreuung, hatte diesmal aber auch ein Privatteam im Einsatz. Seine Bekannte Katrin Landmann und Ex-Schwiegersohn Martin Bartl vollbrachten dabei eine ebenso bemerkenswerte Leistung, fuhren die Strecke hin und zurück im Auto - quasi im zweiten Gang. Auf dem Rückweg übermannte es das Trio nahe Potsdam, aus einer Stunde Schlaf wurden drei. "Als wir aufgewacht sind, dachte ich, es ist vorbei. Aber es ging weiter. Man darf sich die Strecke nur nicht im Ganzen vorstellen, immer nur abschnittsweise. Letztlich entscheidet alles der Kopf, der Wille macht es aus", sagt Pabsdorf, der dieses Jahr 7000 Radkilometer in den Beinen hat. Wie das zeitlich zu schaffen ist? "Die Videothek macht 14 Uhr auf."

Deshalb muss sich seine Frau manchmal etwas in Geduld üben, wenn die eine oder andere Arbeit rund ums Eigenheim unerledigt bleibt. Denn ihr Mann fährt nicht nur gern Rennrad, er hat auch zahlreiche Bücher von (gefallenen) Radsporthelden wie Lance Armstrong im Regal stehen. Er ist bekennender Fan von Jan Ullrich, auch wenn er Doping nicht gutheißt. "Erst haben sich einige Leute in seinem Ruhm gesonnt, nach der Dopingsache dann aber gegen ihn gestellt. Letztlich hat Ullrich für Millionenumsätze gesorgt. Nach seinem Tour-Sieg hat sich doch fast jeder in Deutschland ein Rad gekauft. Egal, ob die Profis heute was nehmen oder nicht. Trotzdem steckt eine große Leistung dahinter", vertritt Pabsdorf eine klare Meinung. Radsport-Klassiker oder Tour-de-France-Etappen verpasst er nur selten am Bildschirm.

Der Hobbyradler glaubt, dass sogar einige Mitstreiter im Breitensport zu leistungssteigernden Mitteln greifen. "Das finde ich nicht gut, denn das macht den Freizeitsport immer profihafter." Für ihn kommt das nicht infrage. Nudeln, Schnitzel, Müsliriegel, Äpfel und Marmorkuchen gehörten zu seinem Reiseproviant auf der Tour zum Kap Arkona. 40 Trinkflaschen hat er geleert und dennoch vier Kilo abgenommen, bis er am Montagabend wieder auf dem Fichtelberg stand. Vom Stadtsportbund gab es einen Pokal. Nur das Lokalfernsehen konnte nicht so lange warten. Die Flasche Bier, die Reiner Pabsdorf nach der Ankunft genossen hat, schmeckte aber auch ohne die große mediale Beachtung, die er zweifellos verdient hat.


So funktioniert Fichkona

Die Teilnehmerzahl ist auf ca. 180 Radler begrenzt, bei zu vielen Anmeldungen entscheidet das Los. Gefahren wird in vier Leistungsgruppen mit je zwei Begleitfahrzeugen (vorn und hinten). Die Gruppen müssen in der Regel zusammenbleiben. Gefahren wird fast ausschließlich auf Bundesstraßen.

 

Auf dem Weg vom Berg zum Meer passieren die Hobbyradler die Ausläufer des Erzgebirges, die Dübener Heide, Potsdam, die langen mecklenburgischen Alleen, bis in Stralsund die salzige Seeluft das ersehnte Ziel ankündigt. Die Teilnahmegebühr beträgt - je nachdem ob mit Übernachtung und Busrückfahrt gebucht - 190 bis 240 Euro. Darin enthalten ist auch die reichhaltige Verpflegung. (tp)

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