Brand-Erbisdorf: Talsperre fasst Wassermassen nicht mehr

Katastrophe rollt auf Lichtenberg zugerettet - Evakuierung unumgänglich

Brand-Erbisdorf. Nur noch fünf bis sechs Stunden Zeit gab Landrat Volker Uhlig (AUW) am späten Nachmittag bis zum unkontrollierten Überlaufen der Talsperre Lichtenberg über den Wasserentnahmeturm. "Solch eine Situation hatten wir noch nie, und wir wissen nicht, wie sich das Wasser ausbreitet", schätzte er im Katastrophenstab ein, als gegen 17 Uhr in Lichtenberg bereits Lautsprecherwagen von Evakuierungen im Ort kündeten.

"Die Talsperre wird mit Sicherheit überlaufen", gab der Landrat die ausweglose Situation bekannt. Man wolle versuchen, den Überlauf bis in die Morgenstunden hinauszuzögern, "bis es wieder hell wird". Der Stauraum der Talsperre hatte sich binnen weniger Stunden von rund einer Million Kubikmeter um die Hälfte verringert. Die Talsperre fasst insgesamt 14 Millionen Kubikmeter Wasser. "Rund 35 Kubikmeter pro Sekunde fließen derzeit zu", so der Staumeister Gerd Jahn nach 17 Uhr.

Seit dem Morgen wurde die Talsperre verstärkt entlastet, ab 18 Uhr die Wasserabgabe von etwa vier Kubikmeter pro Sekunde so weit wie möglich erhöht, um das unkontrollierte Überlaufen der Sperre hinauszuzögern. Normalerweise gibt die Talsperre 0,07 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ab. "Die Anlage insgesamt arbeitet sicher, so dass derzeit noch keine Gefahr für den Damm besteht", fügte der Staumeister an.

"Die ersten älteren Leute sind bereits im Seniorenheim untergebracht. Für die Mittelschule und den Kindergarten sind Decken, Liegen und die Feldküche angefordert. Dort sind Notquartiere eingerichtet", beschrieb Bürgermeisterin Steffi Schädlich die dramatischste Situation seit Inbetriebnahme der Talsperre 1975. Über 100 Häuser und Grundstücke würden bei Überlaufen der Talsperre überschwemmt, weit über 300 Einwohner in Lichtenberg, teilweise in Weigmannsdorf und Weißenborn wären zu evakuieren.

Rettungskräfte, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und viele Helfer sind seit den Morgenstunden des 12. August im Einsatz. Der Landkreis hatte der Gemeinde Busse zum Transport der Bewohner zugesagt, "viele helfen sich auch selbst", hoffte Steffi Schädlich auf den Zusammenhalt im Dorf. Seit dem Vormittag stand in Lichtenberg die Hauptstraße in weiten Teilen unter Wasser, selbst nachdem sie im Bereich der Wendeschleife kontrolliert aufgerissen wurde, fasste sie die Massen nicht mehr.

Katastrophenmeldungen gingen auch aus Orten in der oberen Erzgebirgsregion ein. Über die Ufer getretene Bach- und Flussläufe, unter Wasser stehende Keller und Wohnhäuser gab es in allen Orten der Region, wo Einsatzkräfte rund um die Uhr im Einsatz sind. Mit Sandsäcken versuchten die Einwohner, das Wasser aufzuhalten, das gelang angesichts der Massen jedoch kaum.

"Solche Überschwemmungen hat es in Kleinbobritzsch seit über 50 Jahren nicht gegeben", meinte Frauensteins Bürgermeister Peter Heinrich. In dem Frauensteiner Ortsteil hat sich die Bobritzsch in einen reißenden Strom verwandelt und den gesamten Ort überflutet. Stark beschädigt wurde eine Brücke über die Bobritzsch, die mehrere Gehöfte mit der Dorfstraße verbindet. Ein auf der Brücke stehender Feuerwehrmann wurde von den Fluten mitgerissen, bevor er sich an einem Baum festklammern und gerettet werden konnte. "Es kommen Baumstämme und Mülltonnen geschwommen, hoffentlich halten die Brücken", kommentierte Heinrich.

Katastrophal zeichnete sich schon am Morgen die Situation in Nassau ab. Dort musste Trinkwasser bereitgestellt werden, da im Unterdorf zahlreiche Brunnen überflutet waren.

In Rechenberg-Bienenmühle stand schon am Vormittag die Muldentalstraße unter Wasser. Pausenlos waren Feuerwehr und Mitarbeiter des Bauhofes im Einsatz, um den Flusslauf an den Brücken von angeschwemmtem Unrat zu befreien. "Viele Keller stehen unter Wasser, es ist schlimm, weil man nicht helfen kann", sagte Bürgermeister Werner Sandig. Weil die Sandsäcke zum Abdichten im Ort nicht mehr ausreichten, wurde bereits die Notreserve an Säcken mit Sand gefüllt.

"Dieser Sand ist eigentlich für den Bau des neuen Freibades gedacht. Das halbfertige Bad und unser Sportplatz sind nun ebenfalls überflutet", so der Bürgermeister sorgenvoll. Teilweise weggespült ist im Bereich Holzhau ein Radweg, der entlang der ehemaligen Bahnlinie bis ins Tschechische führt.

Von Astrid Ring

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