Chemnitz-Umland: Schadensaufnahme nach Flutwelle

Neukirchen und Burkhardtsdorf besonders betroffen - Sägewerk Wolkenburg zum zweiten Mal nach 2002 unter Wasser

Chemnitz-Umland.

Chemnitz-Umland. Durch starke Regenfälle sind am Wochenende viele Flüsse im Chemnitzer Umland über die Ufer getreten. In der Region um Chemnitz waren Neukirchen und Burkhardtsdorf besonders betroffen. Aber auch in Wolkenburg, Oberlungwitz, Dittersdorf und Niederwiesa wurden Straßen und Keller überflutet. "Freie Presse" gibt einen Überblick über die betroffenen Städte und Gemeinden.

Neukirchen

Nach dem Tod von drei Menschen in Neukirchen herrscht in dem kleinen Ort Trauer. Die Hausbewohner, eine 72-jährige Frau, deren 74-jährigen Ehemann und ein 63-jähriger Nachbar, waren nach Angaben der Polizei am Samstagmorgen im Keller des Wohnhauses an der Hauptstraße von dem schnell ansteigenden Wasser aus dem überlaufendem Dorfbach überrascht worden und ertrunken. Sie wollten Waschmaschinen aus dem Keller räumen. Bürgermeister Stefan Lori (CDU) sprach am Sonntag von einem "tragischen Vorkommnis". Die Feuerwehrleute hätten ihr Möglichstes getan. "Vermieter und Mieter sollten überlegen, wie die Keller direkt am Bach künftig genutzt werden", so Lori. Rico Bochmann, Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Adorf, nannte den überlaufenden Dorfbach eine Naturgewalt. "Dort sind tausende Kubikmeter Wasser nachgekommen, so schnell konnten wir nicht pumpen", so Bochmann. Laut Uwe Grünzig stand das Wasser in dem Neubau 40 Zentimeter über der Kellerdecke. "Obwohl im Keller vier Pumpen im Einsatz waren, haben wir es nicht geschafft. Wir konnten den Raum nicht leer pumpen", erklärte der Chef der Freiwilligen Feuerwehr Neukirchen.

Nachbar Roland Winkler war geschockt von den Geschehnissen. Durch den Regen am Samstag habe sich der kleine Dorfbach in einen reißenden Strom verwandelt. "Morgens um 5 Uhr stand das Wasser noch knöcheltief im Keller, nur 45 Minuten später war es höher gestiegen als die Kellerdecke", so Winkler. Die verunglückten Hausbewohner seien sehr hilfsbereite Menschen gewesen. "Sie haben schon beim Hochwasser 2002 manches aus dem Keller gerettet, auch von anderen Hausbewohnern."

Laut Bürgermeister Lori sollen die Schäden des Hochwassers heute mit Bauhof und Feuerwehr ausgewertet werden. Fast alle Straßen seien überflutet gewesen, auch im Haus des Ortschefs stand das Wasser im Keller. Die beiden Feuerwehren haben mit 50 Einsatzkräften an 50 Stellen im Ort gegen die Wassermassen gekämpft. "Alles, was in Neukirchen am Wasser wohnt, war betroffen", so der Adorfer Wehrleiter Bochmann. Im Vergleich zum Jahrhunderthochwasser von 2002 kam die Flut am Wochenende innerhalb von nur zwei Stunden. "Viel zu schnell, um reagieren zu können", so der Neukirchner Wehrleiter Grünzig. Betroffen war auch die "Alte Apotheke" an der Unteren Hauptstraße. Dort ergossen sich nach Angaben von Lars Liebernickel, Inhaber der Gaststätte, am Samstag gegen 6 Uhr Schlammlawinen über das Gelände. "Schon eine Stunde später waren viele Helfer da, sodass ab 14 Uhr wieder gekocht werden konnte." Der Gaststättenbetrieb laufe inzwischen zu 90 Prozent normal.

Burkhardtsdorf

Die Gemeinde Burkhardtsdorf war am Samstagmorgen von der Außenwelt abgeschnitten. Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr hatten den Ort abgesperrt. Zahlreiche Straßen standen unter Wasser. "Der Zwönitzfluss hat fast bis auf 33 Zentimeter den Pegelstand vom August-Hochwasser 2002 erreicht", so der Burkhardtsdorfer Wehrleiter Jörg Spiller. Der Pegelstand der Zwönitz lag am Samstag bei 2,87 Metern. Die Schulanfangsfeier in der Zwönitztalhalle wurde wegen des Hochwassers abgesagt. 3000 Sandsäcke wurden am Samstag, unterstützt von freiwilligen Helfern, von den Mitgliedern der Burkhardtsdorfer Feuerwehr gefüllt und an den Gefahrenpunkten gestapelt. In der Kurt-Richter-Schule hatte die Gemeinde ein Notlager eingerichtet. Von den insgesamt im Altkreis Stollberg bestehenden 30 Stadt- und Ortsfeuerwehren waren am Wochenende 28 mit insgesamt 600 Angehörigen im Einsatz. Schäden richtete das Hochwasser auch in Jahnsdorf, Thalheim und Neuwürschnitz an.

Köthensdorf

Aufgrund der überlaufenden Chemnitz war am Samstag die Chemnitztalstraße (Bundesstraße 107) zwischen Ortsausgang Chemnitz und Köthensdorf gesperrt worden. "Inzwischen hat sich die Lage entspannt, das Wasser ist zurückgegangen", sagte am Sonntag Steffi Dehmel, Wehrleiterin der Freiwilligen Feuerwehr Taura. Die Straße sei befahrbar. Am Samstagmorgen sei die Feuerwehr ausgerückt. "Gegen die Wassermassen konnten wir wenig machen." Glücklicherweise habe es im Ort keine Schäden gegeben. Nur der Keller des "Doppelmoppel"-Gebäudes - heute ein Fabrikverkauf für Kinderbekleidung - sei vollgelaufen. Dort habe die Feuerwehr drei Pumpen zur Verfügung gestellt.

Wolkenburg

Zum zweiten Mal innerhalb von acht Jahren ist das Hochwasser der Zwickauer Mulde in Mühle und Sägewerk in Wolkenburg eingedrungen. Das trifft die Betreiber Andreas Schlag und Wolfgang Schröder hart. Denn Mühle und Sägewerk sind nicht nur technische Denkmale, die besichtigt werden können, sondern auch produzierende Unternehmen. "Wir müssen mit ein bis zwei Wochen Stillstand rechnen", sagte Schlag am Sonntag. Am Samstag erreichte ihn sechs Uhr per Kurznachricht die Warnung, dass ein rascher Anstieg des Flusspegels und Hochwasser drohe. Da waren die Keller schon so gut wie leer geräumt. Nun hofft Schlag, möglichst schnell Keller und Technik vom Schlamm befreien zu können. Noch war der Pegel nicht genug gefallen, um die Schäden genau in Augenschein zu nehmen. Dass überall Schlamm zurück bleiben wird und vor allem die Antriebstechnik schnell wieder in Ordnung gebracht werden muss, steht für ihn jedoch fest.

Laut Sächsischem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie erreichte die Zwickauer Mulde in Wolkenburg am Samstagmorgen 6 Uhr mit 4,14 Metern den höchsten Stand. 2002 war er knapp zwei Meter höher. "Wir wissen, dass die Mulde sensibel ist. Bisher waren etwa 50 Versicherungsvertreter bei uns, gegen Hochwasserschäden gibt es für uns keinen Schutz", so Schlag. Deshalb ist er nach der Anspannung der vergangenen beiden Tage fast erleichtert, dass es Mühle und Sägewerk "nicht so schlimm wie 2002" erwischt hat. "Damals stand das Wasser mannshoch im Mühlenhof, diesmal nur etwa knietief."

Nach Angaben von Thomas Luderer, Wehrleiter von Limbach-Oberfrohna, ist auch der Sportplatz in Wolkenburg überflutet worden. Die Mühlenstraße sei nicht befahrbar gewesen. "Das Sportlerheim konnten wir durch den Einsatz von Sandsäcken trocken halten", so Luderer. Vier Ortsfeuerwehren waren im Einsatz.

Oberlungwitz

Schäden richteten die Wassermassen am Oberlauf des Lungwitzbaches in Oberlungwitz an. Dort gab es Anwohnern zufolge am frühen Samstagmorgen im oberen Ortsteil Bilder, wie es sie zuletzt zu den großen Hochwassern 1954 und 1939 gegeben hatte. "Uns kam auf der Straße eine richtige Flutwelle entgegen", sagte Norman Reichel, der mit der Feuerwehr seit kurz vor fünf Uhr als einer der Ersten im Einsatz war. Mit großer Geschwindigkeit bahnte sich das Wasser den Weg durch die Stadt und verließ an vielen Stellen das Bachbett. Je weiter es talabwärts lief, desto mehr verteilten sich die Fluten.

Die Aufräumarbeiten werden sich noch hinziehen, denn die Schäden sind teils erheblich. In einigen Garagen wurden Autos bis zum Dach überflutet, an anderer Stelle spülte die Flut sie sogar weg. Die Flut hat auch vor Stadtchef Steffen Schubert (parteilos) nicht haltgemacht: In der Garage des Bürgermeisters stand das Wasser ebenso 70 Zentimeter hoch wie nebenan bei seinem Sohn. Schon 4 Uhr morgens war Schubert durch die Stadt gefahren, um sich ein Bild von der angespannten Lage zu machen. Informationen oder konkrete Unwetterwarnungen hatten ihn nicht erreicht. Im Autocenter Hinkel kurz vor dem Mittelbacher Berg schätzte Inhaber Rayk Hinkel die Schäden auf bis zu 30.000 Euro. Zwischen Hofer Straße und Ursprunger Straße, wo der Bach normalerweise keine 30 Zentimeter tief ist, waren Sperrmüll, unterspülte Mauern und Schmutzspuren an den Häusern zu sehen. Dort war der Pegel rund zwei Meter angestiegen.

Dittersdorf

Das Hochwasser hat auch Dittersdorf betroffen. "Wir waren gemeinsam mit den Feuerwehren aus Schlößchen und Weißbach von 3.45 bis gegen 17 Uhr im Einsatz", sagte der Dittersdorfer Wehrleiter Torsten Kafsak. In einem Haus an der Bahnhofstraße, die auch gesperrt war, waren der Keller und die erste Etage vollgelaufen, zudem mussten zwei Brücken abgesichert werden. "Dort haben wir Treibgut mit einem Bagger entfernt", berichtet der Wehrleiter. Auch am Sonntag noch kontrollierten die Feuerwehrleute stündlich den Pegel des Flusses.

Niederwiesa

Ein Niederwiesaer hatte Samstagnacht gegen 2 Uhr bemerkt, dass die Bundesstraße 173 im Bereich zwischen Baustelle Ortsumgehung Flöha und Landbrücke sowie weiter in Richtung Flöha von Schlamm- und Wassermassen überspült wurde. Die Straße musste gesperrt werden, die Freiwillige Feuerwehr rückte an und stapelte Sandsäcke. Anschließend hatten Feuerwehrleute und Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks die Bundesstraße vom Schlamm beräumt, sodass die Verkehrsroute gegen 11 Uhr wieder frei gegeben werden konnte.

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