Eigentum verpflichtet

1945 verlor die Familie von Römer ihr Schloss und das Rittergut durch Enteignung. 45 Jahre später kehrt Nachfahre Benno von Römer zurück, um die Vergangenheit wiederzubeleben. Am Sonntag öffnet die Familie das Anwesen für die Schlössertour der "Freien Presse".

Neumark.

Eine schlanke Frau in Jeans läuft im Garten vor dem Verwalterhaus des Schlosses und Rittergutes Neumark beim Telefonieren auf und ab. Dorothee von Römer blickt während des Gesprächs immer wieder auf die Innenseite ihrer rechten Hand. Mit Kuli sind darauf die Maße des Baugerüsts für die Kuhstallsanierung gekritzelt, das heute noch abgeholt werden muss. Es ist ein heißer Nachmittag - und die dunkle Schrift auf der Haut von Dorothee von Römer schon fast verlaufen. Man möchte sich am liebsten hinsetzen und einfach nichts tun, so wie es die 400 Schafe, die mit ihren Lämmern auf dem Acker des Guts grasen, vormachen.

Doch Dorothee von Römer hat noch viel vor. Ein Rittergut will wiedererweckt werden: Neumark, ein fast 2000 Hektar großes Anwesen mit Schloss, Schlosspark, Forst und Ackerland, das seit 2008 das Zuhause der geborenen von Schönberg ist. Hier lebt sie mit ihrem Mann Benno, einem direkten Nachfahren der Adelsfamilie von Römer, in deren Hand das Gut jahrhundertelang lag. Bis 1945. Da wurde die Familie wie die meisten adeligen Großgrundbesitzer von den sowjetischen Besatzern enteignet und verjagt.

Dorothee von Römer führt nun das dritte Telefonat innerhalb von 30 Minuten zum Thema Baugerüst. Für die Spaghetti mit Hackfleisch, die schon seit einer ganzen Weile fertig auf dem langen Holztisch im Garten warten, hatte die 41-Jährige noch keine Zeit.

Benno von Römer betritt jetzt den Garten. Den ganzen Vormittag über saß er im Büro über den Finanzplänen für das Gut Neumark. Der 51-jährige, hochgewachsene Mann lebt seit 1990 auf dem herrschaftlichen Sitz im Vogtland, dort, wo sein Vater Achim aufgewachsen war. 1945 verhafteten Polizisten den 24-jährigen Achim von Römer mitten auf dem Hof des Gutes. "Er war gerade aus dem Krieg zurück, hatte ein Holzbein, er war froh, endlich daheim zu sein", sagt Benno von Römer, "und dann hieß es plötzlich: Junker raus!" Von Römer schüttelt den Kopf, während er diese Worte sagt, empört und so ungläubig, als hätte sich die Szenerie nicht vor fast 70 Jahren, sondern soeben ereignet. Mit dieser Empörung ist Benno von Römer im 350 Kilometer entfernten München aufgewachsen.

"Bei uns wurde viel über Neumark, den Krieg und die Flucht erzählt", sagt er. In München hing in jedem zweiten Zimmer ein Stich von Burg Schönfels im Landkreis Zwickau, die auch einst zum Besitz der Familie gehörte. Trotzdem war es wie ein anderer Kontinent, so fern. Warum er zurückkam, sich 1990 im Verwalterhaus einmietete, nach und nach das Land pachtete, dann aufkaufte und anfing, die Gebäude zu sanieren, hat viel mit Gefühlen zu tun. Die Verpflichtung gegenüber den Vorfahren einerseits, andererseits sein persönlicher Lebenstraum: einen eigenen Land- und Forstwirtschaftsbetrieb zu führen. Schon als kleiner Junge half er auf den Ländereien von Freunden mit. "Ein Kriegsfreund meines Vaters meinte immer: Dein Vater muss dir auch mal einen Betrieb kaufen." Über diesen Vorschlag konnte Benno von Römer, studierter Betriebswirt, damals nur lächeln.

Nach der Wende nutzte der hochgewachsene Mann seine Chance. Als er beschloss, auf dem Gut ein neues Leben aufzubauen, blätterte der Putz von den Gebäuden. Sanierungsbedürftig, für Käufer mit handwerklichen Fähigkeiten - so hätte ein Makler die Anlage wahrscheinlich beschrieben, wäre sie denn zum Verkauf angeboten worden. Es war keine einfache Zeit. Die Leute im Ort brachten dem Zuzügler viel Skepsis entgegen. "Sie sahen mich als den Alteigentümer, den Urkapitalisten, den Wessi, der das Vermögen nur holen, versilbern und dann wieder abhauen will." Jener Argwohn legte sich, als er 1996 die ersten Hektar Wald zurückkaufte.

Seither ist viel passiert: Das Verwalterhaus etwa, jetzt Wohnhaus der von Römers, ist komplett saniert, im letzten Jahr waren die Landwirtschaftshallen an der Reihe. Eine Schafzucht wurde aufgebaut, Förster angestellt. Irgendwann möchte die Familie von der Landwirtschaft leben können, sie möchte das Rittergut beleben mit Veranstaltungen, Dorothee von Römer träumt gar von einer eigenen Pilgerstube. Nicht alles soll genau "wie früher" werden. "Wir möchten aus der Tradition die Kraft für die Zukunft schöpfen und wollen, dass die Region den Menschen bleibt. Denn Eigentum verpflichtet."

Enteignung nach 1945

Nach Kriegsende führte die Sowjetunion in der Sowjetischen Besatzungszone bis 1948 eine Bodenreform durch. Großgrundbesitzer mit mehr als 100 Hektar Fläche Land wurden entschädigungslos enteignet.

Ziele der Bodenreform waren soziale Umverteilung und die Zerschlagung einer Gesellschaftsschicht, der bis 1945 das Gros der landwirtschaftlichen Nutzfläche gehörte - die Junker. Aufgrund ihres politischen Einflusses wurden sie als Gefahr für die Republik wahrgenommen.

Insgesamt 7160 landwirtschaftliche Großbetriebe wurden zu Staatseigentum. Darunter auch der "feudaljunkerliche" Besitz der Familie von Römer. Zusammen mit den 4537 Betrieben von als Kriegsverbrechern eingestuften und enteigneten Deutschen, entsprach das 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Sowjetischen Besatzungszone.

Die Enteigneten wurden aus ihren Dörfern und Städten vertrieben, viele flüchteten wie die von Römers in den Westen. Von Wohnhäusern und Geldvermögen bis hin zu Mobiliar und Kleidung wurde ihnen alles entzogen.

Zwei Drittel des enteigneten und größtenteils zerschlagenen Landes bekamen Kleinbauern und Umsiedler. Die restlichen 30 Prozent wurden neu geschaffenen Landesgütern zugeteilt, aus denen sogenannte Volkseigene Güter (VEG) gebildet wurden. Die Römers hatten Glück im Unglück: Gut Neumark wurde nicht aufgeteilt, sondern komplett in Staatseigentum überführt.

Nach der Wende hofften die Alteigentümer, deren Besitz nicht an Bauern, sondern in Staatseigentum übergegangen waren, die Betriebe zurückzubekommen. Doch das Verfassungsgericht entschied 1991, dass Bodenreformgüter nicht zurückgegeben werden. So eignete sich die Bundesrepublik rund eine Million Hektar Landwirtschaftsfläche und rund 700.000 Hektar Forstflächen an.

Vom Adelssitz zum Staatsbetrieb - und zurück

1254 wird die Burg Neumark erstmals in den historischen Quellen im Zusammenhang mit einer Kirche erwähnt.

Über 200 Jahre später, 1478, kauft Martin von Römer den Herrensitz in Neumark. Er ließ das Schloss im spätgotischen Stil erbauen.

1945 wird die Familie von Römer enteignet und mit vielen anderen adeligen Großgrundbesitzern nach Prora auf Rügen deportiert. Es gelingt die Flucht vom Rügendamm in den Westen.

Im Zuge der Bodenreform 1945 wird das Gut zum Staatseigentum, zum VEG (Volkseigenes Gut)-Betrieb. In das Schloss ziehen Flüchtlingsfamilien ein. Später wird es Kinderpsychiatrie.
1991 mietet Benno von Römer, Enkel des letzten Gutsbesitzers Friedrich von Römer, zwei Zimmer im Verwalterhaus und verhandelt mit der Treuhand, die das Staatseigentum der DDR reprivatisieren sollte, um den Betrieb zurückzukaufen.

Jahrelang ziehen sich die Verhandlungen hin. Stück für Stück pachtet, ersteigert und kauft Benno von Römer das Gut zurück. Auf einen Kaufvertrag für die letzten 40 Hektar wartet er noch heute.

Seit 2013 ist das Verwalterhaus komplett wiederhergestellt, ein zweites Gebäude wird im Herbst als Hofladen und Veranstaltungsraum eröffnet. Bei der Sanierung des Schlosses gab es spannende Funde, die bei der Schlössertour erstmalig zu sehen sein werden.

Führungen, Kunsthandwerkermarkt und Theaterspiel

Termin: Das Schloss und Rittergut Neumark öffnet am Sonntag, 27. Juli von 10 bis 18 Uhr, seine Pforten. Ort: Kirchplatz 5, 08496 Neumark im Vogtlandkreis.

Programm: Besichtigung ist nur mit geführtem Rundgang möglich (begrenzte Besucher, keine Voranmeldung). Alle 10 Minuten führen Mitglieder der Familien (von Feilitzsch, von Schönberg und von Römer). Ab 10.30 Uhr erfährt man von historischen Besuchern "aus erster Hand" von den Baujahren des Schlosses. Ein Kunsthandwerkermarkt rundet den Besuch ab. Hier gibt es Kräuter, Hüte, Naturkosmetik und einen Infostand zur Pilgerreise von Martin von Römer. Imbiss: Gegrilltes, Kaffee, Kuchen, Eis.

Angebote: Am Stand der "Freien Presse" können sich Besucher zur Erinnerung in historischen Kostümen fotografieren lassen (mit Pressekarte kostenlos), einen Tourbutton gestalten und das Buch zur Tour kaufen.

Eintritt: Tickets vor Ort. Erwachsene: 4,50 Euro, Kinder: 2,50, mit Pressekarte je 0,50 Euro Rabatt. Nur Markt: 2 Euro, Kinder 1 Euro.

Kostenlos parken: Auf dem Gutsgelände (Wiese zwischen Ziegelweg und Parkstraße), auf dem Ernst Ahnert Platz, am Diska (Alte Reichenbacher Straße 15).

Buchtipp

Auf Schlössertour: Entdeckungen in Sachsen von Matthias Donath. Erhältlich für 14,50 Euro in allen Geschäftsstellen der "Freien Presse".

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