Grüne Wiese, graue Stadt

Der letzte Teil der Reise erzählt von sterbenden Orten und boomenden Städten

 

Rübenau/Jena/Halle. Es ist kalt im Erzgebirge. Zehn Grad zeigt das Außenthermometer des Busses, dann acht, dann sechs. Ein Wort ist es, das uns Sorge macht: Sommerzelte. Als wir Rübenau erreichen, wird es bereits dunkel. Am Straßenrand wartet ein Mann mit Filzhut und Vollbart. Kay Meister ist Biologe und Vorsitzender des Natura Miriquidica, ein Förderverein, der sich dem Naturschutz verschrieben und die Leitung der Naturstation Pobershau innehat. Seit 1995 versteht diese sich als Anlaufpunkt für Naturfreunde. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen die Flora und Fauna des Erzgebirges näher zu bringen.

Chance liegt im Tourismus

Wir essen im Haus der Kammbegegnungen, einer ehemaligen Schule. Es gibt Klopse vom Sattelschwein, Kräuterlimonade und Vogelbeerquark. Kay Meister sitzt mit uns am Tisch und erzählt. Von sich, seiner Heimat, den Problemen im Ort. Nach dem Studium in Jena ist der gebürtige Erzgebirger 2007 zurückgekehrt. "Ich liebe den Winter und die raue Natur", sagt Meister. Kaum ein Monat vergehe ohne Bodenfrost. Damit kommt nicht jeder klar. Gerade junge Paare ziehen in die Städte, oft der Kinder zuliebe. Zu weit sind die Schulwege geworden, seit eine Eingemeindung die nächste jagt, zu dürftig das Freizeitangebot. "Hier gibt es nicht mehr viel", sagt Meister. Selbst im "Weißen Hirsch", einer urigen Gaststätte mit böhmischem Flair, trifft man sich nur selten auf ein Bier. "Die Leute sitzen lieber vor dem Fernseher, bleiben unter sich." Eine Chance liege hingegen im Tourismus. Zwischen drei großen Tälern gelegen ist Rübenau idealer Ausgangspunkt für Wanderungen. Meister führt uns hinauf auf den Kamm. Wir essen den Bärwurz direkt von der Wiese und starren verzückt ins Lagerfeuer. Als wir schlafen gehen, glänzt Raureif auf den Sommerzelten. Hier muss man hart im Nehmen sein.

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Jena. In die Stadt, die Kay Meister einst verließ, weil er die Wälder vermisste. Wir stehen im Stau. Das erste Mal seit langem begegnet uns so etwas wie Berufsverkehr. Jena ist das, was man eine prosperierende Stadt nennt, der Leuchtturm Mitteldeutschlands, aber auch eine satte Stadt. Wohnraum ist knapp, seit Studenten und die so begehrten Fach- und Führungskräfte hierher ziehen, Kinder bekommen. Was ist Jenas Geheimnis? Kann und sollte eine Stadt einfach immer weiter wachsen? Fragen, die die "Dritte Generation Ostdeutschland" Gründern und Politikern der schwarz-rot-grünen Koalition stellt. "Von Jena lernen" ist der Titel einer Podiumsdiskussion zu der auch die Dezernentin für Stadtentwicklung, Katrin Schwarz, geladen ist. Sie lobt ihre Stadt und benennt die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft als Erfolgsrezept: Hochschulabsolventen werden zu Unternehmern. Und bleiben.

Aber auch skeptische Stimmen werden laut. Wenn man nicht aufpasse, sei Jena bald das "München des Ostens", sagt Martin Michel, der für "Die Guten" im Stadtrat sitzt - die 2009 gegründete Partei, vertritt vor allem die Interessen der jungen Wähler. Eine Stadt, die kaum noch Freiräume biete, sei auf lange Sicht nicht attraktiv für Künstler und Kreative, sagt Michel. Jena braucht eine Kultur des Abgebens, bekräftigt Kristian Philler, seit 1990 Mitglied der Grünen. Eine blühende Stadt berge immer auch die Gefahr sterbender Dörfer.

Soli für "Boomtowns"

Aber auch eine andere Frage schwebt im Raum: Braucht eine "Boomtown" wie Jena den Soli? Jetzt, da bereits die vierte Generation Ostdeutschlands im Kinderwagen durch die Stadt geschoben wird? Die Antwort suchen wir in Halle an der Saale. Nach mehr als einer Woche Tour hält der silberne Bus am Institut für Wirtschaftsforschung. Wir treffen uns mit Christoph Bergner, seit März 2011 der Bundesbeauftragte für die neuen Länder. Künftig schreibt er den Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit. Dabei wäre es doch an der Zeit für einen Bericht der deutschen Vielfalt, sagt Johannes Staemmler. Der Mitbegründer der Initiative "Dritte Generation Ostdeutschland" promoviert zum Thema "Zivilgesellschaft in strukturschwachen Regionen". Man riet ihm vorab, das Wort "Ostdeutschland" im Titel zu vermeiden - das sei karrierehemmend.

Die wirtschaftliche Angleichung des Ostens an den Westen ist ein Kernthema des "Aufbau Ost" - und aus Bergners Sicht nicht zu erreichen. Kaum Konzernzentralen, keine DAX-Unternehmen. Immer wieder fällt der Begriff "Mezzogiorno". So nennt man die Regionen Süditaliens, die den wirtschaftlichen Anschluss verpasst haben, ihr Heil im Tourismus suchen. "Wir müssen künftig gesamtdeutsch denken und fördern", sagt Bergner. Ein Satz, der nach Schlusswort klingt, aber kaum das letzte Wort gewesen sein kann.

Die "Dritte Generation Ostdeutschland" fährt weiter nach Wittenberg und Potsdam. Für mich endet die Tour in Halle. Wir haben sie gefunden, die jungen Kreativen und Gründer. In Schwedt, Zossen, dem Erzgebirge - auf der grünen Wiese und in den grauen Städten. Und wir werden von ihnen hören, auf die eine oder andere Weise.

 

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