"Klar bin ich stolz, Sorbe zu sein - aber ich bin auch Sachse"

Initiative "Dritte Generation Ostdeutschland" auf Bustour durch die neuen Bundesländer

Bautzen. Clemens Škoda arbeitet bei der Domowina, dem Dachverband der Sorben in Ostsachsen und in Südbrandenburg. Ulrike Nimz hat mit ihm unter anderem über sorbisches Leben in der DDR gesprochen.

Freie Presse: Herr Škoda, Sie sind Referent für kulturelle Angelegenheiten und Ausland bei der Domowina. Eine gewichtige Position für einen 27-Jährigen.

Clemens Škoda: Im Präsidium sind allein drei in meinem Alter. Dass es Wendekinder seltener in Entscheiderpositionen schaffen, kann ich also so nicht bestätigen. Natürlich hat unser Engagement nicht immer etwas mit Geldverdienen zu tun, sondern eher damit, dass man seiner Heimat etwas zurückgeben will.

Freie Presse: Sie sagen von sich selbst, die Sorben in der Lausitz befinden sich in einer Minderheitssituation. Was heißt das konkret?

Clemens Škoda: In Deutschland haben wir vier anerkannte Minderheiten. Das sind die Dänen, die Sinti und Roma, die Nordfriesen und die Sorben. Viele Menschen assoziieren das Wort Minderheit mit Außenseiter, wir aber verstehen uns völlig anders. Deutschland ist unser Mutterland. Auch wir haben schwarz-rot-goldene Fähnchen am Auto, wenn Fußball ist - und doch wollen die Sorben ihre eigene Kultur und Sprache bewahren. Mit meinen Eltern spreche ich sorbisch, mit meiner Frau und meinem Sohn ebenfalls. Oft aber verliert sich das. Dann findet sich ein deutsch-sorbisches Pärchen und man spricht eben deutsch, der Kinder wegen. Dabei tut man gerade den Kindern nichts Gutes, sondern schafft ein Defizit.

Freie Presse: Haben Sie Erinnerungen an das sorbische Leben in der DDR?

Clemens Škoda: Die Sorben sind sowohl bei den Preußen als auch zur NS-Zeit immer diskriminiert worden. Die DDR hat dann erstmals ein deutsch-sorbisches Theater eingerichtet und uns auch auf andere Art und Weise hofiert - freilich um sich im Ausland zu profilieren: Schaut, wir haben die fortschrittlichere Minderheitenpolitik. Wir standen in dem Ruf, Hätschelkinder der Russen zu sein.

Freie Presse: Wie sieht es heute mit staatlicher Unterstützung aus?

Clemens Škoda: Eigentlich sehr gut. Nach der Wende haben sich Sachsen, Brandenburg und der Bund auf eine gemeinsame Finanzierung geeinigt. Insgesamt werden etwa 16 Millionen Euro aufgewandt, um beispielsweise das kulturelle Leben der Sorben zu unterstützen. Was das Rechtliche angeht: Ich könnte vor Gericht, mit der Polizei oder nur noch sorbisch sprechen. Aber wer macht das schon? Jeder Sorbe kann deutsch. Wir sind voll integriert, arbeiten hier. Seit kurzem gibt es allerdings eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass Straßen- und Ortsschilder in der Region noch öfter zweisprachig sind. Die Aktivisten kleben Sticker auf die Schilder mit der Frage: "A serbsce? Und auf sorbisch?"

Freie Presse: Eine Sprache lebt davon, dass die Jugend sie spricht. Wie cool ist Sorbisch?

Clemens Škoda: Jahrelang war der Coolnessfaktor der Sprache gering. Jeder dachte: Wer Sorbisch spricht, rennt in Holzschuhen rum. Nach der Wende, mit zunehmender Europäisierung, ist Mehrsprachigkeit wieder wichtig geworden. Grenzen sind für mich heute bedeutungslos. Egal ob Tschechien oder Polen - ich kann mich überall verständigen. Überhaupt lebt meine Generation mittlerweile bewusst sorbisch. Junge Menschen werden Sorbisch-Lehrer oder studieren Sorabistik, verlassen die Region, kehren aber wieder zurück. Wir sind vielleicht 30.000 aktive Sprecher und untereinander gut vernetzt. Einmal im Jahr besucht ein Großteil der jungen Leute das sorbische Studententreffen. Da sind dann 600 junge Menschen beisammen und tauschen sich aus.

Freie Presse: Gibt es etwas, von dem Sie sagen, das ist typisch sorbisch?

Clemens Škoda: Ich möchte mal behaupten, dass wir sehr gastfreundlich sind. Wenn man zu uns kommt, gibt's erstmal Bier und 'ne Schnitte.

Freie Presse: Und in welcher Sprache träumen Sie?

Clemens Škoda: Mal so, mal so. Ich bezeichne mich ja am liebsten als Mitteleuropäer. Klar bin ich stolz, Sorbe zu sein, aber ich bin auch Sachse und von mir aus auch Ostdeutscher, vor allem aber nichts Besonderes. Ich sehe mein Deutschsein wie ein langes Buffet mit leckeren Speisen. Und das Sorbische ist eben der Extra-Teller Obst.

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