Stasi wollte den 4. November kapern

Vor 20 Jahren beantragten DDR-Theaterleute die erste offizielle Demonstration - Eine Million Menschen folgten in Berlin dem Aufruf

Berlin. Der Zusammenbruch der DDR lief über viele Stationen. Eine wichtige davon führt zu einer Versammlung von Ost-Gewerkschaftsleuten der Berliner Theater. Die Künstler-Abordnung beschloss auf den Tag genau vor 20 Jahren, den Schauspieler Wolfgang Holz, einen gebürtigen Chemnitzer, zur Volkspolizei-Leitstelle in die berüchtigte Keibelstraße zu schicken. Dort sollte Holz im Auftrag der Gewerkschafter um "die Genehmigung einer Veranstaltung" ersuchen. Das war der Start zur größten Demonstration in der Geschichte der DDR am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz.

Hauptmann Schmidt von der Volkspolizei-Inspektion Berlin-Mitte hielt am 17. Oktober 1989 in seiner Dienstkladde fest: Um 17.30 Uhr hat der Schauspieler Wolfgang Holz das Dienstzimmer betreten. Holz habe "in schriftlicher Form die Genehmigung einer Veranstaltung" für Sonntag, den 19. 11. 1989 beantragt. Schmidt: "Das Verhalten des Holz muss als normal-natürlich beurteilt werden." Der Volkspolizist machte den Schauspieler darauf aufmerksam, dass er nicht einfach hereinkommen und eine Veranstaltung beantragen könne. Er bat ihn, "das dafür vorgesehene Formular (E 26) anzufertigen". Holz tat wie ihm geheißen und füllte den Antrag aus, "was ohne Bemerkungen erfolgte", beobachtete der Polizist. Handschriftlich trug Holz in die Spalte "Art der Veranstaltung: Demonstration" ein, unter "Thema: Für die Inhalte der Artikel 27/28 der Verfassung der DDR" - dort waren Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit festgehalten. Als Veranstalter nannte Holz die "Gewerkschaftsorganisationen der Berliner Bühnen". Das Wort Protest tauchte nicht auf. Den "fortschrittlichen Künstlern und Kulturschaffenden der DDR-Hauptstadt" lag nichts am Untergang der DDR - sie wollten nur eine andere DDR.

Die MfS-Sonderakte

Die Sonderakte "4. 11. 1989" des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) bestätigt: Bei der Demonstration im November auf dem Alexanderplatz führte im Hintergrund das MfS Regie. Die Inszenierung war Chefsache und wurde besorgt von Stasi-Chef Erich Mielke sowie seinen Stellvertretern Rudi Mittig, Gerhard Neiber, Wolfgang Schwanitz, Paul Kienberg. Die Mitwirkenden wurden in Beratungen mit "fortschrittlichen Künstlern und Kulturschaffenden" nebst ihren Funktionären am 28. und 29. Oktober 1989 bestellt. Ziel der Aufführung, zu der sich Anfang November ein paar hundert Teilnehmer einfinden sollten - beantragt war zwar der 19. November, aber die Tageszeitung "Der Morgen" hatte irrtümlich den 4. November gemeldet - war die Rettung des Sozialismus. Die sollte über den Sturz der vergreisten SED-Führung und deren Ersatz durch wendigere Parteikader führen. Und deren Aufgabe wurde bereits in den Oktober-Beratungen deutlich skizziert: "Hinwendung zur Jugend" durch die "Installation neuer Säulenfiguren (Masur, Modrow)".

Dass sich am Ende etwa eine Million Menschen am 4. November auf dem Alexanderplatz einfanden und die neuen Hoffnungsträger, die selbstbewusst an die Mikrofone traten, ausbuhten, das war nicht geplant.

Bereits einen Tag nach dem Auftritt des BE-Schauspielers Holz in der Keibelstraßen-Wache hatte das MfS alle Unterlagen über die Demo-Anmeldung auf den Schreibtischen. Mielke-Stellvertreter Mittig verpflichtete noch am gleichen Tag den Polizeipräsidenten der DDR-Hauptstadt, eine "Vorlage an die Bezirksleitung der SED zur politischen Entscheidung" auszuarbeiten.

Wieder nur einen Tag später, am 19. Oktober, empfahl der Berliner Volkspolizeichef Generalleutnant Rauchs der SED-Führung, der Demonstration nicht zuzustimmen. Sollte sie dennoch stattfinden, wäre sie offensiv unter Nutzung anerkannter Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens zu organisieren und damit "in die Verwirklichung der Politik der Partei einzuordnen". Die zum "Einsatz kommenden gesellschaftlichen Kräfte" würden "durch ihr Auftreten bzw. ihre mitgeführten Losungen" der Demonstration ein "progressives Gepräge geben".

Die MfS-Sonderakte lässt keinen Zweifel am Gestaltungswillen des SED-Spitzeldienstes: "Wir sorgen dafür, das die richtigen Redner sprechen und bei allem Ernst der Situation wir auf heitere Art den Problemen zu Leibe rücken." Walter Janka, 1956 in einem DDR-Schauprozess zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt und wie Schauspieler Holz gebürtiger Chemnitzer, fand das nicht lustig. Einige aus dem Veranstalterkreis hatten darauf bestanden, dass Janka, wie es in der Stasi-Akte heißt, "sozusagen als Opfer des Stalinismus" auf der Demo sprechen sollte. Der aber warf das Handtuch, als er erfuhr, dass Stasi-Pensionär Markus Wolf unter die Redner gemischt worden war. Einer der einstigen Peiniger Jankas, Stasi-Chef Mielke, wollte erfahren, was Stasi-Opfer Janka vortragen würde. Auf der Rednerliste hatte er hinter dessen Namen handschriftlich vermerkt: "Auszug beschaffen".

Der Platz auf der Rednerliste

Kein Stasi-Misstrauen hingegen begegnete den damals völlig unbekannten Gregor Gysi und Lothar Bisky. Ihnen war auf der Rednerliste zu keinem Zeitpunkt ein Platz streitig gemacht worden. Diese Tatsache begann kurz vor dem 4. November an Bedeutung zu gewinnen. Es mehrten sich Anzeichen, dass mit 500.000 Demonstranten zu rechnen sei. Denn der Spitzeldienst hatte inzwischen erfahren: "Die Demonstration ist republikweit popularisiert worden, vornehmlich in Künstler- und Kirchenkreisen." Aus "internen Informationen" sei zudem ersichtlich, dass "Führungskräfte des Neuen Forum zunehmend Einfluss auf die Gestaltung der geplanten Demonstration erlangen".

Stasi-General Siegfried Hähnel warnte in einer Beratung am 29. Oktober, "dass man sich auf erhebliche Größenordnung" bei den Teilnehmerzahlen einstellen müsse. Von einigen "militanten Gruppen, wie beispielsweise ,Kirche von unten‘", ginge eine besondere Gefahr bei den "notwendigen Sicherungsmaßnahmen in Richtung Staatsgrenze" aus.

Der stellvertretende Kulturminister Hartmut König, zuvor ein DDR-bekannter Rot-Kitsch-Barde, brillierte mit der Idee, prominente Künstler als "Brückenkommandeure" auszuwählen. Sie sollten anstelle "eines Offiziers der VP über Lautsprecher disziplinlose Teilnehmer zur Ordnung ermahnen.

Kurz vor der Demonstration erhielten die MfS-Mitarbeiter aus ihrem Führungszirkel die Order, zum "Einsatz polizeilicher Mittel" nur im Notfall zu greifen. Brutalität würde an diesem Tag, im Gegensatz zur Protest-Demo am 7. Oktober in Berlin, auf dem Alexanderplatz als Mittel der Einschüchterung nicht benötigt. "Während der Demonstration sind Zuführungen/Festnahmen aus den vorhandenen Menschenansammlungen ausgeschlossen." Geprügelt werden sollte nur der "Situation angemessen" und nur außerhalb des "Sichtbereichs von Kameras und (von Demonstranten mitgeführten) Fotoapparaten". Von den "Einsatzkräften des MfS" sollten alle "Möglichkeiten der konspirativen Dokumentation" genutzt werden. Sie sollte später für eine "offensive publizistische oder rechtliche Weiterverwendung" gegen die Demonstranten genutzt werden.

Dazu kam es nicht mehr. Fünf Tage nach der Demonstration auf dem Alexanderplatz fiel die Mauer in Berlin.

Von Hartmut Petersohn

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