Teil 8: Osteopathie - Heilende Hände

Sie ziehen links und es zuckt rechts: Für Osteopathen ist der menschliche Körper wie eine Marionette. Alles ist miteinander verbunden. Deshalb behandeln sie organische Probleme auch mit Massagetechniken.

Schulterbeschwerden können ihre Ursache im Darm oder in der Leber haben und Kopfschmerzen in einem umgeknickten Fuß. Was seltsam klingt, ist für Osteopathen normal. Denn aus ihrer Sicht liegen die Auslöser vieler Beschwerden weit vom Ort des Geschehens entfernt.

Seit die Krankenkassen für die Osteopathie zahlen, verzeichnet die Branche eine wachsende Nachfrage. "Patienten, die meine Hilfe suchen, haben Schmerzen - vorrangig an Kopf, Schulter, Rücken oder Nacken", sagt Jürgen Förster, Osteopath und Heilpraktiker aus Dresden. Seine Chemnitzer Berufskollegin Cornelia Teichmann-Heyne ist Heilpraktikerin für Physiotherapie. Sie sagt: "Osteopathie ist ein Renner geworden. Viele fragen gezielt danach und sind sogar bereit, privat dafür zu bezahlen."

Neben Heilpraktikern qualifizieren sich auch zunehmend Ärzte zu Osteopathen, so wie Allgemeinmedizinerin Dr. Kristina Zahn aus Werdau. Zum Facharzttitel führt sie die Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren.

Die Methode: Osteopathie kommt aus dem Griechischen und heißt Knochenleiden. Es ist eine ganzheitliche Behandlungsmethode, die Parallelen zur manuellen Therapie und zur Chiropraktik hat. Der amerikanische Arzt Andrew Still begründete die Osteopathie Ende des 19. Jahrhunderts. Seit etwa 25 Jahren verbreitet sie sich auch in Deutschland. Das wichtigste Werkzeug der Therapeuten sind ihre Hände. Damit wird getastet, gezogen und gedrückt. Ihre Berufskleidung sieht nach Sportstudio aus, denn Osteopathen arbeiten mit Muskeleinsatz und Gefühl.

Im Gegensatz zu Physiotherapeuten sehen Osteopathen nicht nur die Muskulatur und den Bewegungsapparat. Für Osteopathen gilt der menschliche Körper als komplexes System, in dem alle Strukturen miteinander verbunden sind. Faszien haben dabei eine besondere Bedeutung. Die dünnen, netzartig aufgebauten Bindegewebshüllen umgeben jede Körperstruktur. Auch Organe, Muskeln und Gefäße, die funktionell nichts miteinander zu tun haben, stehen durch Faszien in Verbindung. Mit gezielten Griffen sollen verfestigte Strukturen gelockert oder gedehnt werden, sodass sich Organe wieder frei bewegen können. Damit sollen Hindernisse und Stauungen in den Blut- und Lymphgefäßen beseitigt werden, die die Organe in ihrer Funktion behindert haben. Durch die Behandlung wird die Selbstheilung des Körpers aktiviert. Eine besondere Methode der Osteopathie ist die craniosakrale Therapie. Hier werden Schädelstrukturen behandelt, um zum Beispiel Nacken- und Kopfschmerzen oder Tinnitus zu lindern.

Die Untersuchung: Beim ersten Osteopathie-Besuch muss man Zeit einplanen. Neben umfangreichen Fragen - zum Beispiel nach organischen Problemen, Stürzen in der Kindheit, Operationen, Zahnbehandlungen oder Medikamenten - erfolgt eine ausführliche Bewegungsanalyse. Cornelia Teichmann-Heyne sieht oft schon an der Art, wie ein Patient den Behandlungsraum betritt, wo seine Beschwerden liegen könnten. "Ist die Haltung aufrecht oder gebeugt, der Gang dynamisch oder schleppend, sind die Schultern in einer Höhe? All das ist für mich interessant", sagt Teichmann-Heyne. In der Diagnostik werde das dann vertieft. Im Zusammenspiel mit der Atmung inspiziert sie Wirbelsäule, Becken, Schultern und Nacken. Im Sitzen oder Liegen tastet sie dann das Gewebe ab. "Mit meinen Händen kann ich Verhärtungen, Spannungen oder Unregelmäßigkeiten spüren. Ich taste mich vom Symptom bis zur Beschwerdequelle vor", sagt sie.

Für Jürgen Förster ist es zusätzlich wichtig, die Menschen in der Haltung zu untersuchen, in der sie die Beschwerden haben. Er berichtet von einer Frau, die bei einem Verkehrsunfall ein Schleudertrauma erlitt und seitdem vor Schmerzen kaum Autofahren konnte. "Als ich sie bat, sich vorzustellen, sie sitze im Auto und halte das Lenkrad in der Hand, sah ich, wie sich ihr Nacken verspannte. So war es mir möglich, die Bereiche zu finden, von denen der Schmerz ausging", erklärt er.

Die Möglichkeiten: "An der Osteopathie fasziniert mich, dass mit feiner manueller Arbeit Bereiche wie Schädelstrukturen und innere Organe zugänglich sind, die man mit keiner anderen Methode erreichen kann", sagt Naturärztin Kristina Zahn. Osteopathie passe für sie perfekt in die Naturheilkunde, weil sie nicht nur die Symptome betrachte, sondern nach der Ursache der Beschwerden suche. Eine Sitzung dauert 30 bis 50 Minuten. In der Regel sind mehrere Behandlungen erforderlich. Bei manchen tritt sofort eine Besserung ein, bei anderen dauert es länger.

Die Stiftung Warentest hat 2013 eine nichtrepräsentative Online-Umfrage durchgeführt. 3500 Personen, die sich beim Osteopathen behandeln ließen, wurden zum Erfolg befragt. 71 Prozent waren mit dem Ergebnis "sehr zufrieden", weitere 17 Prozent "zufrieden".

Die Ausbildung: "Die Osteopathieausbildung ist bei uns immer noch nicht geregelt. Andere europäische Länder sind hier besser aufgestellt", kritisiert Kristina Zahn. Egal, ob man nur ein Wochenendseminar oder eine fünfjährige Ausbildung absolviert hat, Osteopath kann sich jeder nennen. Orientierung gibt nach Auskunft der Ärztin im Moment nur die Zugehörigkeit zu den Fachverbänden, dem Verband der Osteopathen Deutschland oder der Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie. Die Bezeichnung "Doctor of Osteopathic Medicine", kurz "D. O." ist eine geschützte Marke der beiden Verbände und wird nur jenen Osteopathen zuerkannt, die eine fünfjährige oder 1350 Stunden umfassende Ausbildung mit Diplom abgeschlossen haben. "Die Fachverbände haben eine Liste erfahrener Therapeuten zusammengestellt. Voraussetzungen für den Verbleib darin sind neben der Ausbildung auch laufende Weiterbildungen", so Kristina Zahn. Die Therapeutenliste steht im Internet unter www.osteopathie.de.


Grenzen, Kosten und Kritiker

Die Grenzen: Osteopathie hat auch Risiken. Sie sind gering, sollten aber dennoch beachtet werden, so die Stiftung Warentest. Vorsicht ist zum Beispiel porösen Knochen geboten. Hier können Verletzungen bis hin zu Brüchen auftreten. Auch bei nicht vollständig ausgeheilten Knochenbrüchen ist Zurückhaltung angezeigt. Bei Behandlungen im Kopf- und Halsbereich können die hinteren Halsschlagadern verletzt werden, was zum Schlaganfall führen kann. Tabu ist Osteopathie außerdem bei Lähmungen, akutem Bandscheibenvorfall und Blutungen. Röntgen- oder MRT-Diagnostik bieten hier zusätzliche Sicherheit.

Die Kosten: Heilpraktiker rechnen Osteopathie nach Zeit ab. Bei Dr. Kristina Zahn kosten 30 Minuten für Erwachsene 70 Euro, für Kinder 30. Cornelia Teichmann-Heyne berechnet 60 Euro für 30 Minuten. Die Kassen beteiligen sich an den Kosten. Sie zahlen nur für Therapeuten, die Mitglied in einem Fachverband sind oder eine damit vergleichbare Ausbildung haben. Manche Kassen haben mit bestimmten Therapeuten Verträge abgeschlossen. Der Versicherte geht in der Regel in Vorkasse und bekommt auf Antrag das Geld erstattet.

Das zahlen die Kassen:

- AOK Plus: Bis zu 90 Prozent des Rechnungsbetrages, sechs Behandlungen pro Jahr, je 60 Euro.

- Barmer GEK: Bis 100 Euro im Jahr über das individuelle Gesundheitskonto.

- TK: Bis zu drei Sitzungen im Jahr zu je höchstens 40 Euro.

- IKK classic: Bis 150 Euro im Jahr.

- KKH: Bis zu 100 Euro im Jahr als Bonusleistung für drei gesundheitsbewusste Maßnahmen.

- Knappschaft: Maximal fünf Behandlungen pro Jahr zu je höchstens 30 Euro (80 Prozent der Kosten).

Die Kritiker: Es gibt wenig Vorbehalte gegen die Osteopathie. Selbst die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften (GWUP) räumt ein, dass die Methode für den Bewegungsapparat weitgehend plausibel und die Wirksamkeit teilweise in Studien belegt ist. Sie empfehlen eine physiotherapeutische Ausbildung des Behandlers. Kritik gibt es an der Behandlung der Schädelstrukturen: "Sie ist wenig plausibel. Dafür gibt es keine Belege", sagt Dr. Jan Oude-Aost von der GWUP.

In der nächsten Folge lesen Sie, ob Nahrungsergänzung nötig ist: Die Orthomolekulartherapie.


Verschiedene Techniken und viel Verwirrung

Osteopathie setzt auf die Heilkraft der Hände. Es gibt aber auch andere Verfahren, bei denen das so ist.

Chiropraktik: Die Technik wurde um 1900 vom Amerikaner Daniel Palmer entwickelt. Aus seiner Sicht gehen Erkrankungen - vor allem im Bewegungssystem - auf verschobene Wirbelgelenke und so beeinträchtigte Nerven zurück. Spezielle Handgriffe sollen Wirbel einrenken, oft mit einem "Knack". Das ist umstritten und besonders am Hals riskant.

Manuelle Therapie: Sie entstand aus der Osteopathie und der Chiropraktik. Es handelt sich um eine Mobilisation und um aktive Übungen an Gelenken und der Wirbelsäule. Das Verfahren wird symptomorientiert bei Beschwerden im Bewegungsapparat eingesetzt und ist Kassenleistung. Ärzte und Physiotherapeuten können sich darin ausbilden lassen.

Craniosakraltherapie ist Teil der Osteopathie, entwickelt um 1940 vom Amerikaner William Sutherland. Behandelt wird durch Handgriffe an Schädel und Kreuzbein. Diese Regionen sollen durch rhythmische Bewegungen verbunden sein.

Shiatsu ist eine Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan entwickelte Form der Körpertherapie. Wörtlich übersetzt bedeutet Shiatsu zwar "Fingerdruck", doch gearbeitet wird mit dem ganzen Körper. Der Therapeut setzt sein Körpergewicht ein und versucht, eine "energetische Beziehung" zum Patienten herzustellen.

In der Osteopathie gibt es heute unterschiedliche Richtungen. Viele Techniken können aber von der modernen Chiropraktik nicht mehr getrennt werden:

Parietale Osteopathie: Behandlung von Bindegewebe, Muskulatur und Gelenken

Viszerale Osteopathie: Behandlung von inneren Organen und deren bindegewebigen Aufhängung (Faszien).

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