Von Büchern und Bunkern

In Zossen in Brandenburg setzt man militärischer Vergangenheit kulturelle Vielfalt entgegen

Zossen. 40 Minuten braucht man von Berlin in die verbotene Stadt. Verborgen im Kiefernwald liegen die Überreste der größten Militäranlage Europas. Wo einst Soldaten salutierten, wachsen jetzt Bäume schief und krumm der Sonne entgegen.

Wünsdorf - der Name hat heute etwas von seinem Klang verloren. Doch für Eingeweihte ist die winzige Gemeinde, seit 2003 Ortsteil der Kleinstadt Zossen, noch immer ein geheimnisumwitterter Ort. 1919 soll im Garnisonslazarett von Wünsdorf die Leiche von Rosa Luxemburg obduziert worden sein. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich hier das streng geheime Hauptquartier des Oberkommandos des Deutschen Heeres, im Kalten Krieg das Oberkommando der Sowjetischen Streitkräfte in der DDR. 60.000 Angehörige der Roten Armee lebten in den 80er-Jahren in Wünsdorf. Das Gelände war hermetisch abgeriegelt. Noch heute ist auf der Karte ein großes Nichts.

Am Rande der ehemaligen Sperrzone liegt die Erich-Kästner-Grundschule. Wir sind verabredet mit Hortkindern. Sie wollen uns ihr Wünsdorf zeigen - Altes und Neues, wie sie sagen. In Gummistiefeln hüpfen sie vorbei am verfallenen Theater, den Betonresten, die sie "Russenmauer" nennen, der Lenin-Statue. Aber sie führen uns auch zu den glänzenden Solarmodulen, die jetzt auf der Lichtung stehen, wo früher der Exerzierplatz war. "Ganz viele hat man davon am Anfang geklaut", sagt eines der Mädchen.

Kultur gegen Erbe des Krieges

Als die Sowjets 1994 abzogen, drohte Wünsdorf in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Heute leben hier noch etwas mehr als 6200 Menschen. Sie haben Eigenheime gebaut und einen Abenteuerspielplatz für die Kinder. Sie haben das einstige militärische Zentrum wieder in eine zivile Stadt verwandelt. Ein Förderverein betreibt ein Museum und arbeitet die Geschichte der Stadt als Garnisonsstandort auf. Interessierten Besuchern bietet der Verein 90-minütige Exkursionen in die unterirdische Bunkerstadt an. Am 12. Juni muss die Führung ausfallen, verkündet ein gelber Zettel. Das SEK absolviert eine Übungseinheit auf dem von Stacheldraht gesäumten Gelände.

Wünsdorf könnte ein beklemmender Ort sein. Wenn der Regen in Fäden fällt, ist es grau und still. Über dem ehemaligen Sportplatz spannt sich ein Betonbogen. Die olympischen Ringe hat man abmontiert und eingelagert. Was tun mit dem 600 Hektar großen Gelände, das Konflikt und Paranoia atmet, an Leid und Besetzung erinnert?

1998 entstand die Bücherstadt, eine Folge der Idee, all dem Krieg etwas Kultur entgegenzusetzen. Bücherstädte oder Bücherdörfer nennt man Gemeinden mit besonders vielen Antiquariaten. In Wünsdorf gibt es drei, sie beherbergen etwa 350.000 Bücher. Im sogenannten "Bücherstall" waren ursprünglich Pferde untergebracht, jetzt kann man dort DDR-Schmöker für einen Euro das Stück erstehen. Das Konzept, in einer kleinen Siedlung eine Fülle von Literatur zu versammeln und so Käufer in die Provinz zu locken, ist nicht neu. Im walisischen Hay-on-Wye gründete der Buchhändler Richard Booth 1961 das erste Bücherdorf, dem weitere folgten: in Großbritannien, in Belgien, Frankreich und im sachsen-anhaltischen Mühlbeck.

Dann haben wir das vorerst letzte Ziel unserer Tour erreicht. Eine 18Meter hohe Betonzigarre ragt in den wolkenverhangenen Himmel. Insgesamt 19 Bunker der Marke "Winkel" stehen im Wald um Wünsdorf. Auf acht Etagen fanden bis zu 315 Menschen Platz, wenn die Bomben fielen. Meistens waren es Frauen und Kinder, die hier Schutz suchten. "Wenn ich groß bin, kauf ich mir so einen für den Dritten Weltkrieg", sagt ein Junge und stürmt die Metalltreppen hinauf.

Auch Joe Cocker war schon da

"Wir sind auch dafür da, diese Begeisterung in Grenzen zu halten", sagt Werner Borchert, Geschäftsführer der Bücher- und Bunkerstadt und Unterstützer von "Zossen zeigt Gesicht". Die Bürgerinitiative gründete sich im Januar 2009 infolge einiger Aktionen von Nazis in der Zossener Innenstadt und der Enttarnung eines Internetcafés als Treffpunkt der rechten Szene. 2010 brannte das "Haus der Demokratie" bis auf die Grundmauern nieder. Von dort aus hatte die Initiative Projekte gegen Rechts angestoßen. Nach einer Reihe von Gerichtsurteilen ist es ruhiger geworden. Ab und an aber fallen sie ein, die Militärfreaks, kommen zum Panzerfahren und tragen Uniformen. Sie schlafen in den kleinen Pensionen, die die Straße Richtung Zentrum säumen. Unsere heißt "Frieda". Frühstück gibt es im Keglerheim nebenan, zwischen Wimpeln und Pokalen.

Das alles ist Wünsdorf. Die höchsten Sowjet-Generäle kommen her, um in Erinnerungen zu schwelgen. Aber auch Joe Cocker, Xavier Naidoo und Matthias Reim waren da. Das einstige Militärgelände bietet perfekte Bedingungen für Open-Air-Konzerte. So wird Wünsdorf immer wieder zum Wallfahrtsort, jedoch aus unterschiedlichen Gründen. "Was habt ihr lieber: Bäume oder Soldaten?", fragen wir die Kinder am Ende der Wanderung. Die Antwort stellt uns zufrieden.

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