Wenn Häuser aus Holz an den Wolken kratzen

Architekten halten es heute schon für möglich, mehrere hundert Meter hohe Häuser aus Holz zu bauen. Die ökologischen Vorteile liegen auf der Hand. Und es gibt erste Erfahrungen.

Das größte überwiegend aus Holz gebaute Hochhaus der Welt nimmt gerade Gestalt an und könnte noch vor Jahresende fertig werden. In einem auf freiem Gelände neu entstehenden Stadtteil von Wien, der Seestadt Aspern, wächst das HoHo bis auf 84 Meter in die Höhe. Wohnungen, Restaurants, ein Hotel, Büros und Geschäfte verteilen sich auf 24 Stockwerke. Ein Shoppingzentrum ist im HoHo nicht vorgesehen. Das Gebäude steht im Zeichen der Nachhaltigkeit.

3600 Kubikmeter Holz werden nach Angaben des Investors Cetus Baudevelopment im HoHo verbaut. Aus statischen Gründen besteht die Grundstruktur aus Stahlbeton. Die überirdischen Gebäudeteile bestehen zu drei Vierteln aus Holz, das aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern in Österreich stammt. Die Kostenschätzung liegt bei 65 Millionen Euro - etwa einem Fünftel mehr als bei herkömmlicher Bauweise.

Das Hauptargument der Befürworter der Holzbauweise im Hochhausbau ist die ökologische Bilanz. Das Baumaterial bindet große Mengen Kohlenstoff. In der Lebenszyklusanalyse, die neben Bau- und Betriebskosten auch Abriss und Entsorgung einbezieht, steht Holz besser als andere Baumaterialien da. Massivholzwände balancieren Temperaturunterschiede aus.

Das achtstöckige H8 in Bad Aibling (2011) mit Solarthermie, Photovoltaik und eigenem Heizwerk liefert Energiewerte wie ein Passivhaus. Das niederländische Holzhaus Patch-22 (2016) ist als Nullenergiehaus konzipiert. Der 30-Meter-Bau in Amsterdam wurde dort an Höhe bereits vom 21-geschossigen "Haut" (73 Meter) übertroffen, dessen urbane Appartements ab Juni 2018 zum Erstverkauf stehen.

Das Wiener HoHo als designter neuer Höhenrekordhalter erreicht die Hälfte der Turmhöhe des Kölner Doms. Längst sind aber neue Projekte geplant: In Stockholm und Paris soll die 100-Meter-Marke fallen. In London wirbt ein Architekturbüro für den Barbican Oakwood Tower, der 300 Meter erreichen soll. Der Oakwood Tower wie der in Chicago geplante River Beech Tower weisen im Fall ihrer Umsetzung sage und schreibe 80 Stockwerke auf. Im Februar stellte das japanische Unternehmen Sumitomo Forestry das Projekt eines 350-Meter-Holz-Hochhauses für Tokio vor. "Wenn man das Holz intelligent einsetzt, kann es ähnlich viel leisten wie Stahlbeton", sagte Manfred Hegger, der 2016 verstorbene Darmstädter Architekt und Hochschullehrer für nachhaltiges Bauen, schon vor Jahren dem "Spiegel".

Eine der konstruktiven Herausforderungen beim Einsatz von Holz besteht darin, dass man nicht schweißen kann. Die Zugkräfte an den Anschlussknoten sind nur mit Aufwand zu beherrschen. Beim HoHo dockt der Holzbau an einen massiven Stahlbetonkern an. Als Vorteil erweist sich das Leichtgewicht von Holzkonstruktionen: Das Londoner Barbican soll, falls es je realisiert wird, nur ein Viertel so viel wiegen wie eine vergleichbare Betonkons-truktion. Angesichts von Schätzungen der Vereinten Nationen, wonach 2050 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben werden, sehen Experten im Holzbau ein sinnvolles Mittel der Verdichtung. Sie träumen von Zusatzetagen auf Häusern, deren statische Situation das nicht erlauben würde,wenn die Aufbauten schwerer wären.

Die Holz-Modulbauweise sorgt für einen zügigen Bauverlauf. In Heilbronn entsteht seit Jahresbeginn das Wohnhochhaus "Skaio" (34 Meter) für die Stadtausstellung zur Bundesgartenschau 2019. Das Vorhaben wird von der Europäischen Union und dem Land Baden-Württemberg unterstützt. Die Firma Züblin Timber montiert vorgefertigte Holzbauteile vor Ort. Ein Stockwerk pro Woche, aus Brandschutzgründen an einem Kern aus Stahlbeton hochgezogen, hält der Projektleiter nach Medienberichten für machbar. Das Heilbronner "Skaio" wird sechzig Mietwohnungen beherbergen, viele gefördert.

Der Ursprungsrohstoff Holz macht auf dem Weg zum Baustoff hochtechnologisierte Bearbeitungsstufen durch. Formstabile Elemente, die hohe Lasten aufnehmen und leicht zu verarbeiten sind, entstehen zum Beispiel durch Verkleben von Sperrhölzern und Furnierschichthölzern im rechten Winkel.

Das Wohnen im hölzernen Hochhaus, seine Wärme und Haptik, verspricht ein Lebensgefühl, wie es Stahl und Beton nicht bieten können. In solchen modernen Häusern sieht es aber keineswegs nach Landleben und Blockhaus aus. Die Wände sind häufig mit Gipsplatten verkapselt. Vor allem aus Gründen des Brandschutzes ist das in vielen Fällen sogar vorgeschrieben.

Die Kombination von Hochhaus und Holz ist knifflig. Feuerwehrleitern reichen bis in 23 Meter Höhe. Wenn die Fußbodenoberkante des oberen Geschosses mehr als 22 Meter über Geländeniveau liegt, muss es für Bewohner einen anderen Weg geben, um etwaigen Flammen zu entfliehen. Bis 2002 waren in Deutschland überhaupt nur maximal drei Geschosse in Holzbauweise zulässig. Seit der Neufassung der Musterbauordnung sind höhere Gebäude möglich. Hier wird oft die Einkapselung tragender Holzteile mit Gipsplatten verlangt. Die Vielzahl der zu beachtenden Normen über Fluchtwege und Feuerwiderstände läuft in der Baupraxis darauf hinaus, dass für jedes Holzhochhaus ein individuelles Schutzkonzept erarbeitet wird. Das Brandverhalten von Holz gilt unter Fachleuten als gut berechenbar, also eher unproblematisch. Ausreichend dimensionierte Stützen aus Holz halten den Flammen sogar länger stand als Stahl. Im Amsterdamer Patch-22 wurden tragende Holzteile in einer Stärke verbaut, die sie im Notfall zwei Stunden lang brennen lässt. Konstrukteure, die im Holzbau engagiert sind, beklagen häufig, dass die Baunormen nicht den neuesten Erkenntnissen von Technologie und Wissenschaft entsprächen.

Die weltweite Vielzahl aktueller Hochhausprojekte weist auf eine anbrechende Ära des Holzhochhauses hin. Amsterdam, Sydney, São Paulo, Vancouver, Wolfsburg, Västerås sind als Standorte im Gespräch. In Bordeaux in Frankreich fand 2017 mit dem Wood Rise Congress der erste Fachkongress der Branche statt.

Das Wiener HoHo wird nach Fertigstellung das welthöchste derzeit realisierte Holz-Hochhaus sein. In Deutschland übernimmt bald das Heilbronner "Skaio" diese Krone - bis auf Weiteres, denn schon 2021 könnte die Hamburger "Wildspitze" (64 Meter, 18 Geschosse) in eine neue Dimension vorstoßen.

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