Zeitungmachen in der DDR: Alles auf Linie

Die "Freie Presse" war zu DDR-Zeiten eine Parteizeitung der SED. Das Blatt brachte aber nicht nur Polit-Propaganda. Im Rahmen des Möglichen wandte es sich auch den Nöten seiner Leser zu.

Die Lokalredaktion Aue der "Freien Presse" in den 1980er-Jahren: Eine angeschmuddelte graue Villa in der Flanke eines Wismut-Betriebsgeländes, mit Blick auf ein Doppelbahngleis. Damals verkehrten so viele Züge, dass die Schranke an der Breitscheidstraße "Glück-Auf-Schranke" hieß: Man hatte Glück, wenn sie auf war. Direkt neben den Gleisen unter einem Baum mit breiter Krone, der Erinnerung nach eine Kastanie, stand ein Trabant, "polarweiß". Das Dienstfahrzeug des Fotografen, dessen Dunkelkammer in einem Hinterzimmer der Redaktion lag. Man konnte ihn bei der Abkürzung seines Vornamens rufen - "Eb?" - um zu hören, ob er da war.

Im Sekretariat ratterten zwei Fernschreiber, die spuckten Lochstreifen aus. Mit diesen Maschinen wurden die Texte nach Karl-Marx-Stadt übertragen, bevor es Faxe und E-Mails gab. Sie wurden von den Sekretärinnen wie Schreibmaschinen bedient. Es gab ein Chefzimmer mit einem Konferenztisch, einem gemalten Lenin-Wandporträt und natürlich dem Chef, der die Linie vorgab. Intern nannten sie ihn "Gendarm". Seine Glossen im Lokalteil, in denen er alltägliche Missstände aufgriff und die er mit "Max Gründlich" unterschrieb, waren populär.

Eb, der Fotograf, kannte jedes Haus, wohl auch jeden Funktionär und jeden wilden Hund zwischen Zwönitz und Eibenstock, weil er irgendwie alle irgendwann mal vor der Linse hatte. Über seine Unkonventionalität kursiert ein seit Jahrzehnten unveränderlicher Anekdotenschatz. Ihm wird der unsterbliche Spruch zugeschrieben: "Für des Foto ko iech nix. Su wie se neiguckn, so guckn se ooch wieder raus!"

Die Papierabzüge, die er in der Redaktion auf den Tisch packte, waren objektiv von guter Qualität, später im DDR-Druck aber manchmal kaum noch zu erkennen: Menschen ohne Gesichter, dafür mit einem Raster aus Punkten zwischen Scheitel und Hals. Jeden Nachmittag mussten die Fotos aus Aue in einer ledernen Tasche zur Kanzel des Dispatchers am Busplatz gebracht werden, gern vom Ferienpraktikanten, damit der Fahrer des Linienbusses nach Karl-Marx-Stadt sie abholen, neben sich zwischen Tür und Sitz klemmen und in der Bezirksstadt abliefern konnte. Dort wurden die Fotos von einem Rentner abgeholt, der sie ins Druckhaus brachte, zur weiteren Verarbeitung.

Die Lokalredaktionen der "Freien Presse" brachten in den 1980er-Jahren täglich eine Seite, außer montags. In Karl-Marx-Stadt teilten sich die Stadt- und die Landredaktion nicht nur einen Trabant. Es gab für zwei Redakteure auch nur eine mechanische Schreibmaschine, erzählt Viola Martin, die in der Landredaktion gearbeitet hat. Der Satzspiegel, die Anordnung von Texten und Fotos auf der Seite, folgte einer von zehn Varianten ("V"), die in einem Musterbuch vorgegeben waren. Abkürzungen wie "V1" und "V2", die im allgemeinen Sprachgebrauch für Raketenwaffen stehen, haben für altgediente Presseleute eine andere, eher ästhetische Bedeutung.

Nicht nur die Formate, auch die Inhalte kehrten wieder. Nur selten purzelten Nachrichten einfach so herein. "Ich habe mir vor allem interessante Menschen gesucht, Künstler, Leute in Betrieben", sagt Viola Martin. "Damit konnte man auch die Politik ein Stück umgehen." Einmal pro Woche schickte die Polizei einen Bericht. In Aue kam es vor, dass alle Städte und Gemeinden des Kreises, 23 an der Zahl, durchtelefoniert werden mussten, um Neuigkeiten zu erfragen.

Die Chefs der Lokalredaktionen liefen jeden Freitag bei der jeweiligen SED-Kreisleitung auf. Der Chefredakteur war Mitglied der SED-Bezirksleitung. Donnerstags nach der Mittagssitzung der Redaktion ging er hinüber ins Haus am "Nischel".

"Zwischen der ,Freien Presse' und den zentralen Medien - Radio, Fernsehen, ,Neues Deutschland' - gab es trotzdem große Unterschiede", sagt heute Dieter Geipel, stellvertretender Chefredakteur in der Nachwendezeit. Geipel hatte 1961 als Lokalredakteur im Vogtland angefangen und leitete in den 1980er-Jahren den Bereich Innenpolitik in der Bezirksredaktion. Die Titelseite und der Politikteil der "Freien Presse" seien damals fast identisch mit dem "Neuen Deutschland" gewesen, der zentralen Parteizeitung, schätzt Geipel ein. Daneben sei aber eine starke Orientierung am Leser getreten, die der Zeitung dann in der Wendezeit über den Ansehensverlust hinweggeholfen habe.

Der letzte DDR-Chefredakteur, sagt Geipel, habe durchaus ein breites Kreuz gehabt, wenn es darum ging, gewisse Unzulänglichkeiten zu kritisieren. "Ich denke, da setzte Mitte der 1980er-Jahre ein Umdenken ein. Hin zum Leser, weniger ,große' Politik", erinnert er sich. "Wir wollten Heimatzeitung sein." Die "Freie Presse" legte Serien wie das "Kleinstadtjournal" und die "Dorfgeschichten" auf, die aus den 50 Kleinstädten und 500 Dörfern des Bezirkes berichteten. Es wurde auch offene Kritik geübt, im Rahmen des politisch Zulässigen. Die Rubrik "Zur Sache befragt" konnte Funktionäre gelegentlich ins Schwitzen bringen.

Fundamental wurde die Kritik freilich nie, konnte es im Rahmen der Parteipresse nicht werden. Das Waldsterben im Erzgebirge, von dem das ZDF berichtete, kam in der "Freien Presse" nicht vor. Engpässe in der Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen wurden kraft Anweisung von der Berichterstattung ausgenommen. Von der sogenannten Agit-Kommission der SED-Parteiführung, zu der zeitweise auch Emil Dusiska gehörte, der einflussreiche Chef der Leipziger Hochschul-Journalistik, kamen "Argumentationshilfen", die verpflichtenden Charakter hatten. Anfang der 1960er-Jahre liefen sie noch bis in die "Freie Presse"-Lokalredaktionen durch, später bis zur Bezirksredaktion, berichtet Dieter Geipel. Als Viola Martin öffentlich machte, dass in Limbach-Oberfrohna einmal abends kein Brot erhältlich war, musste sie Stellungnahme um Stellungnahme über ihr Verhalten verfassen, das als politisch taktlos galt.

Wichtiger als die tagesbezogenen "Argumentationshilfen" war natürlich die Auswahl des schreibenden Personals. Treue zum Staat und zur Partei wurde vorausgesetzt. Was die akademische Ausbildung betraf, gab es Konjunkturen. Als sich zum Beispiel in den 1950ern und 1960ern zu viele Studierte in den Redaktionen tummelten, die nicht körperlich gearbeitet hatten, ebnete man Seiteneinsteigern den Weg. Parteileute nannten das, mit Blick auf Mao, die "Chinesenzeit". Eine ganz und gar homogene Berufsgruppe waren Journalisten zu DDR-Zeiten nicht.

Trotz der politischen Ausrichtung und Gängelung der Zeitungsmacher übertraf zu DDR-Zeiten die Nachfrage nach Abonnements das Angebot. Papier war knapp und wurde der Presse zugeteilt. Damit eine junge Familie, die ihre erste Wohnung bezog, trotzdem die "Freie Presse" halten konnte, nahm man gesellschaftlichen Trägern häufiger ein Abo weg. Nach Sterbefällen gab es endlose Wartelisten.

Wie Dieter Geipel berichtet, kamen damals 20.000 Leserbriefe im Jahr bei der "Freien Presse" an. Manchmal führten kritische Zuschriften dazu, dass es zu Verbesserungen im Alltag von Lesern kam, weil die "Freie Presse" sich dafür einsetzte. "Ich glaube, unsere Leser spürten schon, dass hier Menschen arbeiteten, die sich für sie interessierten", ist Dieter Geipel überzeugt. Manchen Westdeutschen, der nach der Wende kam, habe diese Verbundenheit überrascht: "Die hatten geglaubt, dass die Zeitung hier gar niemand liest."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...