Alles unter Kontrolle

Kameras, Sensoren, Steuerungen: Smarte Technik soll unser Leben erleichtern. Aber macht die Elektronik es auch sicherer?

Auf den ersten Blick sieht das Haus aus wie jedes andere. Na ja, ein bisschen größer vielleicht. Aber sonst scheint alles wie gehabt: zwei Stockwerke, integrierte Garage, gepflasterter Hof. Ich klingele am Tor, Sekunden später öffnet es sich automatisch. So weit, so unspektakulär.

An der Haustür empfängt mich Frank Brylok. Der junge Mann führt mich durch den Flur in den sogenannten Gemeinschaftsraum. Genauer gesagt ist es eine große Halle mit Schwimmbecken, Whirlpool und Couch. Da darf man schon mal staunen. Aber das wichtigste Einrichtungsstück hängt etwas abseits an der Wand: ein überdimensionaler Bildschirm, auf dem unschwer der Grundriss des Hauses zu erkennen ist. Das ist die Kommandozentrale: "Von hier aus lassen sich alle Räume kontrollieren, die Temperatur steuern, das Licht ein- und ausschalten", erklärt Brylok. Er tippt ein paar Mal auf den Schirm, bis einige Fotos zu sehen sind. Auf zweien erkenne ich mich, wie ich draußen am Hoftor stehe. Und ich ahne, dass das Haus noch viel mehr Geheimnisse birgt. Früher hätte man es ein Geisterhaus genannt. Heute heißt es Smart-Home.

Das Smart-Home am Stadtrand von Zwickau war das erste in Sachsen, in dem sich alle Geräte und Anwendungen mit einem System bedienen lassen. Besitzer Edgar Liebold hat sich damit einen Traum erfüllt. Auch wenn man es nicht sieht: Das Gebäude ist vollgestopft mit Elektronik. Dafür entgeht dem Haus nichts. Sieben Kameras im Außenbereich, jeweils acht auf den beiden Etagen sowie unzählige Sensoren sorgen dafür, dass hier immer alles unter Kontrolle ist. "Ist natürlich übertrieben, aber für Testzwecke hervorragend", sagt Frank Brylok. Die nötige Soft- und Hardware haben Liebold und seine Kollegen von der Firma ACX GmbH selbst entwickelt und vernetzt. "ViciOne" heißt das Gebäudeautomatisierungssystem, das bereits mehrfach ausgezeichnet wurde.

Frank Bryloks Aufgabe ist es, Kunden von den Vorzügen von "ViciOne" zu überzeugen. Eigentlich ein beneidenswerter Job - wenn da nicht die Vorbehalte wären. Was ist, wenn die Technik spinnt? Wenn der Strom ausfällt? Oder, schlimmer noch, wenn das System von Hackern manipuliert wird? Diese Fragen gibt es, seit die ersten intelligenten Anwendungen für Wohnungen auf den Markt kamen. Die Steuerung von Licht, Heizung und Jalousien, der Wasserstopp bei Rohrbruch, die Herdabschaltung bei Verlassen des Hauses und die Auslösung von Alarm bei einem Einbruch - all das sind Funktionen, die das Leben nicht nur komfortabler, sondern auch sicherer machen sollen.

Die Werbung tut ihr Übriges. "Smartes Wohnen bietet optimalen Einbruchschutz", wirbt etwa die Deutsche Telekom für ihr Produkt Magenta SmartHome. Das Starterpaket (rund 140 Euro) besteht aus einer Basisstation, zwei Tür- bzw. Fensterkontakten und einer App. Für die App werden monatlich 4,95 Euro Lizenzgebühr fällig. Wer sich wirklich sicher fühlen will, muss allerdings deutlich mehr investieren - in Kameras und Bewegungsmelder etwa. Mit der App kann man alle Funktionen auch von unterwegs steuern und beispielsweise Anwesenheit vortäuschen.

Doch auch bei der Telekom kennt man die Vorbehalte: Mehr als die Hälfte aller Smart-Home-Besitzer sorgt sich einer Umfrage zufolge um ihre Privatsphäre. Deshalb stelle man die Sicherheit regelmäßig auf den Prüfstand, erklärt Thomas Rockmann, Leiter Connected Home. Dank eines mehrstufigen Sicherheitskonzepts könnten Kunden sich darauf verlassen, "dass das System Manipulation durch Externe verhindert und eine sichere Kommunikation bietet." Dies sei gerade wieder von einem unabhängigen Testinstitut bestätigt worden. Das konkurrierende Innogy SmartHome ist ebenfalls als sicher zertifiziert.

"Smart-Home-Systeme der bekannten deutschen Hersteller sind als sehr sicher einzustufen", betont auch Günther Ohland, Vorstandschef der Smart-Home-Initiative Deutschland. Bei Produkten aus dem Ausland rät er dagegen zur Vorsicht. Grundsätzlich erhöhten Smart-Home-Systeme die Sicherheit von Häusern und Wohnungen erheblich, sagt Ohland - durch Abschreckung (Kameras, Anwesenheitssimulation) und durch Selbstverteidigung: "Erkennt ein Smart- Home, dass an einem Fenster manipuliert wird, fährt es die Rollos herunter und vertreibt so den potenziellen Einbrecher."

Harald Schmidt ist da etwas zurückhaltender: "Smart-Home-Lösungen allein stellen kein zuverlässiges Einbruchmelde- bzw. Gefahrenwarnsystem dar", sagt der Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (siehe Interview). Wie anfällig ein Smart-Home für Cyber-Angriffe ist, hat die Firma Sophos aus Wiesbaden vergangenes Jahr getestet. Dabei registrierte man innerhalb von drei Wochen rund 3800 Zugriffsversuche aus aller Welt - täglich! Veränderungen an den Systemen wurden nicht vorgenommen, obwohl dies möglich gewesen wäre, auch an Fensterkontakten und automatischen Türschließanlagen. "Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, bei der Installation und Einrichtung eines Smart-Homes vorsichtig zu sein", sagt Michael Veit, IT-Sicherheitsexperte bei Sophos. Er rät unter anderem zu einem separaten Netzwerk für die smarten Geräte.

Immerhin: "Bis heute gibt es keinen einzigen Fall, bei dem Einbrecher sich durch ,Hacken' Zutritt zu einem Haus oder einer Wohnung verschafft hätten", sagt Günther Ohland von der Smart-Home-Initiative Deutschland. Schließlich sei es sehr viel leichter, mit mechanischem Werkzeug einzubrechen.

Als ich mit Frank Brylok das Zwickauer Smart-Home verlasse, meldet sich eine Lautsprecherstimme: "Ein Fenster ist noch offen." Also noch mal zurück. Von draußen klappt Brylok die Tür zu, das Schloss verschließt sich automatisch doppelt. "Jetzt könnte ich die Tür mit einem Transponder wieder öffnen", sagt er. Will er aber nicht. Deshalb holt er einen Schlüssel hervor und schließt ein drittes Mal zu. Weitere Bolzen werden aktiviert, die Alarmanlage ist scharfgestellt. Sicher ist sicher.

Das rät die Polizei

Aktualisieren Sie die Software Ihrer Geräte, wenn Updates verfügbar sind.

Ändern Sie eingestellte Passwörter.

Aktivieren Sie die Firewall Ihres Routers und die Verschlüsselung der Kommunikation der Geräte.

Verbinden Sie vernetzte Geräte nur mit dem Internet, wenn ein Fernzugriff notwendig ist.

Nutzen Sie VPN für eine gesicherte Verbindung in Ihr Heimnetz.

Richten Sie ein separates WLAN für vernetzte Geräte ein.

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