Aufbruch und Scheitern in Prag: Die Ideen der Reformer

Im Januar 1968 war sie in der Tschechoslowakei aufgekeimt, die Hoffnung, den Sozialismus von innen heraus zu reformieren. Doch schon im August war alles vorbei. Dazwischen lag die kurze Phase des Prager Frühlings. Wie sah das Experiment, das System menschlicher zu machen, konkret aus?

Die Menschen in der ČSSR bezeichneten die Monate der Reformen und des Aufbruchs 1968 nicht als Prager Frühling. Es ist ein Begriff, der sich erst in der Nachschau vor allem im Westen durchgesetzt hat. Die Befürworter des Wandels in Prag sprachen eher von einem Prozess der "Wiedergeburt" (obrodný proces), was die Reformen mit der Geschichte der tschechischen und der slowakischen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert verband. Bis heute sind vor allem die Bilder von der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Paktes im August 1968 im europäischen Gedächtnis geblieben: brennende Autos, wütende Demonstranten und fahnenschwenkende Menschen auf Panzern.

Dem internationalen Publikum hat sich der Film des US-Regisseurs Philip Kaufman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von 1988 eingeprägt - nach dem gleichnamigen Roman von Milan Kundera. Der Film verband Dokumentaraufnahmen mit den gespielten Szenen einer wundervollen Liebesgeschichte. Kundera, jahrelang Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde schon 1967 zu einer Galionsfigur des Prager Frühlings. In seinem Roman drückte er die Enttäuschung über das Ende der Reformen so aus: "Eines aber war sofort klar: Das Land würde sich vor seinem Eroberer beugen müssen und für immer stottern und nach Luft ringen wie Alexander Dubček. Das Fest war vorbei. Es folgte der Alltag der Erniedrigung."

Was aber wollten die Protagonisten der Reformen? Der Münchener Historiker Martin Schulze Wessel erzählt in seinem neuen Buch, wie der Prager Frühling aus einer langen Vorgeschichte heraus entstanden ist. Der Experte für osteuropäische Geschichte hat die Entwicklungen in der ČSSR direkt aus den tschechischen, slowakischen und russischen Quellen rekonstruiert.

Im Westen wurde Alexander Dubček, das Gesicht der "Wiedergeburt", als letztlich gescheiterter Reformer gezeichnet, der nur den sowjetischen Panzern weichen musste. Eine Heldengeschichte. Die Wahrheit aber war etwas anders. Und die Geschichte begann auch nicht erst im Dezember 1967, als Alexander Dubček eher aus Verlegenheit zum neuen Chef der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) gewählt wurde, weil er der Kompromisskandidat für die beiden Flügel in der Parteiführung war - den konservativen Flügel, der am alten stalinistischen Kurs festhalten wollte, und den reformwilligen Kräften.

Vorausgegangen waren Studentenproteste in Prag, die den starken Mann der KPČ, Generalsekretär Antonín Novotný, schließlich zum Rücktritt gezwungen hatten. Die Studenten hatten gegen die Zustände in ihren Wohnheimen protestiert. Der Slowake Dubček veränderte mit seiner versöhnlichen Art den politischen Stil. In seinen Reden aber war er oft weitschweifig, seine politische Strategie blieb zuweilen schwer erkennbar.

Den Prager Frühling trieben im Wesentlichen zwei Impulse voran: die "Zukunftsvorstellungen einer neuen Gesellschaft, die auf eine Humanisierung des Sozialismus" oder gar eine Annäherung an die westlichen Demokratien hinausliefen. Und die Auseinandersetzung mit den Justizverbrechen der Fünfzigerjahre, für die Teile der bis 1968 amtierenden Führung der KPÈ persönliche Verantwortung trug. Der Prozess gegen den damaligen KPČ-Generalsekretär Rudolf Slánský war der bedeutendste und nachhaltigste. Kommissionen beschäftigten sich schon Mitte der 50er-Jahre mit den Schauprozessen gegen das angebliche Verschwörerzentrum um Slánský und Ex-Außenminister Vladimir Clementis und stellten systematische Ursachen fest: Der Staat der frühen 1950er-Jahre habe sich durch Rechtlosigkeit ausgezeichnet, hieß es. Die Prozesse hatten die tschechoslowakische Gesellschaft lange traumatisiert, doch in verschiedenen Ecken brach der geistige Beton auf. Schulze Wessel zeichnet spätestens für die Zeit ab 1963 ein breites Panorama unterschiedlichster Entwicklungen, in denen nicht nur die jüngste Geschichte aufgearbeitet wurde, sondern auch Vorarbeiten für Wirtschaftsreformen und ein neues Verhältnis zum Menschen in der sozialistischen Gesellschaft geschaffen wurden.

Im Jahr 1963 kam bei der vom Schriftsteller und Germanisten Eduard Goldstücker initiierten "Kafka--Konferenz" in Liblice bei Mìlník ein damals unerhörter Gedanke auf: den Begriff der Entfremdung auch auf die Verhältnisse in der Tschechoslowakei anzuwenden. Ein Akt gefährlicher Häresie, denn der Begriff war bislang ausschließlich für kapitalistische Verhältnisse vorgesehen.

Für die Ideen, die den Prager Frühling ausmachten, standen vor allem drei Namen: Zdeněk Mlynář, Radovan Richta und Ota Šik. Die nach dem früheren Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft in Prag benannte Mlynář-Kommission zur Reform des politischen Systems diskutierte ernsthaft über Pluralismus, Rechtsstaat und Mehrparteiendemokratie und sogar über den Abschied von der führenden Rolle der KPČ.

Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Radovan Richta entwarf ein auch im Westen beachtetes neues Zukunftskonzept für die sozialistische Gesellschaft ("Zivilisation am Scheideweg"). Die 1965 von der Partei beauftragte Kommission unter Vorsitz von Richta entwickelte eine atemberaubende Vision von der bevorstehenden Epoche der wissenschaftlich-technischen Revolution. Die hatte Sowjetführer Nikita Chruschtschow auf dem 22. Parteitag der KPdSU gefeiert. Die wissensbasierte Innovation sollte den entscheidenden Schritt nach vorn bedeuten. Und dafür glaubte sich Moskau besser gerüstet als der Westen. Die Erfolge im Weltraum schienen der Sowjetunion recht zu geben.

Richta prognostizierte den Vorrang der Wissenschaft gegenüber der Industrialisierung, sah aber in der wissenschaftlich-technischen Revolution die Chance zur "Selbstgestaltung des Menschen". Sie sei zugleich eine Kulturrevolution in einem neuen, viel tieferen und weiteren Sinne, weil sie sich nicht auf diese oder jede Veränderungen in der Kultur beschränkt, sondern "die Situation der Kultur im Leben und in der Gesellschaft überhaupt umstürzt". Richtas Report wirkte wie ein Facelifting des erstarrten Marxismus-Leninismus. Von ihm stammte die Formel vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Auf einmal wurde aus dem doktrinären Ist-Zustand, in dem man leben musste, wieder eine Gesellschaft, die Visionen für eine lang ausgreifende Zukunft entwarf. Endlich wurde ein Weg für eine positive Entwicklung aufgezeigt, wie es ja eigentlich der sozialistischen Selbstbeschreibung entsprach.

Ota Šik, eigentlich ein Zögling vom später abgesetzten KPČ-Führer Novotný, wollte 1964/65 die lahmende und moralisch diskreditierte Planwirtschaft liberalisieren und Marktmechanismen einführen. Der Begriff Markt war damals aber ein Tabu, also sprach er von Ware-Geld-Beziehungen.

1966 wurde eine Staatliche Kommission zur Vorbereitung einer föderativen staatsrechtlichen Lösung unter Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden der Regierung, Gustav Husák, gebildet. Die Spannungen zwischen Tschechien und der Slowakei, die zwar wirtschaftlich vorankam, aber von Prag aus allzu bürokratisch regiert wurde, waren nicht mehr zu übersehen.

All diese Ideen mündeten im April 1968 in das berühmt gewordene Aktionsprogramm der KPČ. Damit schuf die Partei erstmals eine richtungsweisende Grundlage für die Reform. Die sozialistische Gesellschaft blieb als "Deutungsrahmen" zunächst im Kern erhalten, aber das marxistische Konzept des historischen Fortschritts und mit ihm die Führungsrolle der Partei wurden Schritt für Schritt infrage gestellt. "Markt", "Interesse", "wissenschaftlich-technische Revolution" waren jetzt heftig umkämpfte Vokabeln.

Zuvor, am 4. März, hatte laut Schulze Wessel der eigentliche Prager Frühling begonnen: Das war der Tag, an dem die Zensur im Land abgeschafft wurde. Es dauerte nicht lange, bis die Medien ihre neue Rolle gefunden hatten, es entwickelte sich eine vielfältige Öffentlichkeit mit Massendemonstrationen in Prag, Bratislava und Brünn. Schulze Wessel: "Es schien ein neuer Konsens über die Vergangenheit und Zukunft der Tschechoslowakei hergestellt, der die Einheit von Bevölkerung und Partei stiften sollte. Das war das eigentliche Ziel der Reformer mit Dubèek an der Spitze. Es entwickelte sich eine Zivilgesellschaft, die sich aber auch daran macht, die Zwänge zu sprengen, die die Partei gesetzt hatte." Damit begann aber auch das Dilemma der Partei, die die Entwicklung unter Kontrolle behalten wollte.

Sehr anschaulich zeigt Schulze Wessel, wie die tschechoslowakische KP ab einem bestimmten Punkt geradezu in die Rolle einer Reformpartei gedrängt wurde. Wichtige Funktionäre, die jahrelang im Gefängnis gesessen hatten, kehrten in Parteiämter zurück. Und auf einmal waren sie gefragt, weil die ÈSSR seit 1962 in der Wirtschaftskrise steckte. Und spätestens mit der Aufhebung der Zensur hatte die Partei ein Problem, denn ihre ersten Reformschritte entfalteten sehr schnell eine Eigendynamik, die die KPČ nicht mehr kontrollieren konnte. Statt die Reformen in aller Ruhe gestalten zu können, wurde man auf einmal zum Getriebenen.

Den Endpunkt bildete das "Manifest der 2000 Worte" im Juni 1968, verfasst vom Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Literární noviny", Ludvík Vaculík. Selbst den Reformern in der KPČ galt er - zumindest offiziell - als unverantwortlich. Unter der Bevölkerung stieß das von 70 Wissenschaftlern, Arbeitern und Künstlern unterzeichnete Manifest dagegen auf viel Zustimmung. Es stellte den Machtanspruch der KPČ nun offen infrage.

Spätestens jetzt wurde die sowjetische Führung aktiv, nachdem sie die Prager Führung unter Dubček in den Wochen zuvor mehrfach in vertraulichen Gesprächen gewarnt hatte. Von Anfang an war der KPČ-Spitze klar, dass Moskau die Entwicklungen in Prag mit Argusaugen beobachtete. Bei Treffen der Ostblock-Spitzen wurde Dubček und seinen Genossen bewusst gemacht, dass sie eigentlich keine Spielräume hatten für Reformen. Genauso misstrauisch wie Moskau waren die polnische und die DDR-Regierung. Die SED hatte schnell die Wirkung der Ereignisse im Nachbarland auf ihre Bürger erkannt. Im Zentralkomitee der SED wurde eine "Arbeitsgruppe KPČ" gegründet. Die ČSSR bot sich 1968 auch als Treffpunkt zwischen Ost- und Westdeutschen an. 1968 fuhren 244.000 DDR-Bürger als Urlauber zum Nachbarn. Die Antwort der SED? Die Werbung für ČSSR-Reisen wurde eingestellt.

Nun aber sprach Sowjetführer Leonid Breschnew von einer Konterrevolution in Prag. In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 begann die "Operation Donau" mit Truppen des Ostblocks. Die DDR allerdings verzichtete in letzter Minute auf Druck Moskaus darauf, an der Grenze bereitstehende Divisionen ins Nachbarland zu schicken. Die Sowjets duldeten den beim Volk beliebten Dubček danach noch eine Weile, bevor Gustav Husak als KPÈ-Chef installiert wurde.

Fast alle Reformen des Frühjahrs wurden wieder kassiert. Als einzigen Punkt setzte man die Föderalisierung der ČSSR um. Die wurde am 28. Oktober 1968, dem 50. Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, ausgerufen. Aber der weltweit erste Versuch, eine sozialistische Gesellschaftsordnung nicht nur mit marktwirtschaftlichen Elementen, sondern auch mit Demokratie und Gewaltenteilung zu verbinden, war gescheitert. Niemand weiß, wohin Dubček das Land geführt hätte - oder ob er auch ohne Einmarsch ein Getriebener einer Entwicklung gewesen wäre, die das Land letztlich doch aus dem Ostblock katapultiert hätte. Diese Widersprüche wurden schon 1968 deutlich, schreibt Schulze Wessel. "Die Bevölkerung der ČSSR scheint jedoch davon ausgegangen zu sein, dass eine Veränderung der Gesellschaft hin zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz durchaus machbar war - auch innerhalb der engen Parameter, die Moskau setzte."

Der tschechische Schriftsteller Pavel Kohout, damals KPČ-Mitglied und ein Wortführer des Prager Frühlings, schrieb später über das Ziel der Reformen: "Wir wollten das sowjetische System bewohnbar machen. Und nachdem vorher schon alle Aufstände in Polen, Ungarn, Ost-Berlin in Blutbädern endeten, kamen die tschechischen Kommunisten auf die Idee, die Partei von innen zu öffnen."

Das Wissen um die Möglichkeit von Veränderungen blieb - wenige Jahre später wurde es mit der "Charta 77" in Text gefasst. Die Akteure des Prager Frühlings hatten laut Schulze Wessel ein zukunftsweisendes Projekt für die Gesellschaft entworfen: "Der Prager Frühling stellt doch mehr als eine Episode in der Tschechoslowakei dar. Es ist eine Epoche für sich, eine ungeheuer verdichtete Zeit, in der mehr durchdacht, diskutiert, geplant und begonnen wurde, als in den Dekaden zuvor und danach."

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

Buchtipp Martin Schulze Wessel: "Der Prager Frühling. Aufbruch in eine neue Welt." Verlag Reclam. 28 Euro. ISBN: 9783150111598.

 

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