Das Ende des Prager Frühlings vor 50 Jahren: Invasion aus Sachsen

Der Einmarsch des Warschauer Pakts am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei war die größte Militäroperation in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. An der Operation "Donau" waren Soldaten aus fünf Ländern beteiligt. Schon bei der Vorbereitung spielte der Raum der DDR-Bezirke Karl-Marx-Stadt und Dresden eine Schlüsselrolle - Spuren finden sich bis heute. Von Oliver Hach (Text) und Ariane Bühner(Grafik)

Granit ist hart und hält ewig. Doch wenn 30 Tonnen Stahl drüber walzen, bleiben Spuren. In Freiberg findet man sie noch 50 Jahre später an steinernen Gehwegplatten. In der Wallstraße, in einer Kurve kurz vor der Kreuzung der Bundesstraßen 101 und 173, sind Scharten in der Bordsteinkante, hineingeschlagen von Panzern. "Die Abstände der Kettensegmente sind noch deutlich erkennbar", sagt Michael Gerstenberger. Er wohnte damals an der Wallstraße und erlebte als 18-Jähriger, wie sowjetische Panzer im August 1968 durch Freiberg Richtung Erzgebirge rollten.

Es war ein Ereignis, das die Menschen aufwühlte. Tausende Sachsen der Generation 50 plus haben bis heute Erinnerungen an diese Zeit. Der Einmarsch des Warschauer Pakts am 21. August 1968 in die Tschechoslowakei war die größte Militäroperation in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg - sorgfältig geplant und binnen weniger Stunden ausgeführt.

Der Reformkurs der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei unter Alexander Dubček zur Liberalisierung und Demokratisierung des Landes war in Moskau von Anfang an auf Ablehnung gestoßen. Man hatte die Genossen in Prag gewarnt, "dass feindliche Kräfte Ihr Land vom Weg des Sozialismus stoßen und die Gefahr einer Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft heraufbeschwören", wie es im sogenannten Warschauer Brief vom 15. Juli 1968 heißt. Einen guten Monat später war der Tag X für die "Operation Donau" gekommen. Moskau konnte sich darauf berufen, einem offiziellen Hilferuf aus dem Bruderland nachzukommen. Noch am 3. August 1968, am Rande der letzten bilateralen Gespräche zwischen der tschechoslowakischen und der sowjetischen Regierung in Bratislava, hatte eine Gruppe stalinistischer tschechoslowakischer Oppositioneller einen sogenannten Einladungsbrief übergeben, in dem der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew um schnelle Hilfe und Intervention ersucht wird.

Truppen aus fünf der sieben Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts - der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR - standen für die Invasion bereit. Nur Albanien und Rumänien beteiligten sich nicht. Den größten Teil der Militärmacht stellte die sowjetische Armee. Gemeinsam mit ihren Truppen sollte die Nationale Volksarmee der DDR mit über 16.000 Mann aus zwei Divisionen nach Nordböhmen und gegebenenfalls sogar bis Prag vorstoßen. Die 7. Panzerdivision mit Hauptquartier in Dresden, darunter das Artillerieregiment 7 aus Frankenberg und das Motorisierte Schützenregiment aus Marienberg, sowie die 11. Motorisierte Schützendivision in Halle wurden nach Angaben des Militärhistorikers Rüdiger Wenzke in jenen Tagen direkt der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland unterstellt. Die 7. PD sollte im Raum Litomìřice und Děèín operieren, die 11. MSD in der Gegend um Pilsen. Es waren bereits Militärkommandanturen geplant, die die NVA in den besetzten Gebieten einrichten sollte.

Die DDR-Bezirke Karl-Marx-Stadt und Dresden wurden zum Aufmarschgebiet. Die Sowjetarmee mobilisierte ihre Truppen, die südlich von Berlin stationiert waren, verlegte aber noch zusätzlich Streitkräfte aus dem Kaliningrader Gebiet über Polen in die DDR. Über die Grenzbahnhöfe Frankfurt/Oder und Kietz brachten mehr als 50 Züge Panzer, Lkw und Mannschaften bis nach Sachsen.

Den Marschbefehl erhielten die Truppen am 20. August mit Einbruch der Dunkelheit. Zwischen 22.30 Uhr und 24 Uhr überschritten die Spitzeneinheiten die Grenzen zur ČSSR: aus der DDR die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, aus Polen die 2. Armee der Polnischen Volksarmee und die 38. sowjetische Armee, die auch direkt aus der Ukraine in die Slowakei einmarschierte, unterstützt von bulgarischen Einheiten. Schließlich aus Ungarn eine Division der Ungarischen Volksarmee sowie weitere, in Ungarn stationierte sowjetische Truppen. Zugleich landeten Luftwaffeneinheiten auf den Flughäfen in Prag und Brünn. Bereits gegen 1 Uhr war die Slowakei weitgehend besetzt, um 3 Uhr Nordböhmen. Gegen 5 Uhr erreichten die Truppen Prag, um 8 Uhr hatten sie alle Straßen der Hauptstadt unter Kontrolle. Die NVA jedoch verblieb in ihren Bereitstellungsräumen in Sachsen - auf Weisung von ganz oben in Moskau (siehe Beilage S. 2).

Für die Menschen in der Tschechoslowakei war es ein Schock. Es gab Tote und Verletzte. Nach Angaben des tschechischen Historikers Prokop Tomek wurden vom 21. August bis Ende Dezember 1968 als Folge des Einmarschs 137 Tschechen und Slowaken getötet- vor allem durch Unfälle mit Militärfahrzeugen, aber auch durch Kugeln von Sowjetsoldaten, die sich von protestierenden Bürgern provoziert fühlten. Russische Quellen sprechen zudem von 102 Todesopfern aufseiten der Sowjettruppen. In seinem 2017 erschienenen Buch "Die Besetzung 1968 und ihre Opfer" dementiert Historiker Tomek indes Aussagen von sowjetischer Seite, zwölf Soldaten seien von sogenannten konterrevolutionären Kräften erschossen worden. "Wir haben keinen einzigen Fall gefunden, bei dem Tschechen oder Slowaken einen Soldaten der Besatzungstruppen ermordet hätten", sagte er bei der Buchvorstellung in Prag.

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings übernahmen moskautreue Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei, das Land versank in einer Lethargie, die Jahrzehnte anhalten sollte. Aus Protest gegen das Ende des Prager Frühlings übergoss sich der Student Jan Palach am 16. Januar 1969 in Prag mit Benzin und zündete sich an. Drei Tage später starb der 20-Jährige an den Verbrennungen. Noch am Nachmittag seines Todestages strömten rund 200.000 Menschen auf den Wenzelsplatz. Auch in der DDR gab es Proteste. Das Ministerium für Staatssicherheit erfasste mehr als 400 Delikte zu "Hetzschriften".

In Führungskreisen der NVA war man damals überzeugt, auf der Seite der Sowjetunion das Richtige getan zu haben. Kritik habe es dort nicht gegeben, berichtet ein ehemaliger Offizier der 11. Motorisierten Schützendivision aus Halle, der im operativen Kommando tätig war. Der 86-Jährige, der inzwischen in Sachsen lebt, glaubt noch heute: "Wir waren in Bereitschaft, um die Konterrevolution zu verhindern." Seinen Namen will er auch 50 Jahre nach den Ereignissen nicht in der Zeitung lesen.

Eine Randnotiz der Geschichte: Ohne den Prager Frühling würde es das Dorf Kühnhaide im Erzgebirge heute nicht mehr geben. In den 1960er-Jahren plante die DDR in dem Grenzort zur ČSSR gemeinsam mit dem Nachbarland den Bau einer Talsperre. Der Stausee hätte große Teile von Kühnhaide überflutet. Bereits 1966, so berichtet der Heimatforscher Romeo Bräuer, hatten die Arbeiten begonnen. Doch nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts in der ČSSR wurde der Bau gestoppt. Was dennoch gebaut wurde und blieb, ist das Wohngebiet Mühlberg in Marienberg. Dorthin sollten die Bewohner von Kühnhaide umgesiedelt werden.

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

Truppenbewegungen und Propagandakrieg gegen die Tschechoslowakei

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