Das Geschäft mit dem blauen Dunst

Ein Chemnitzer vermietet das DDR-Kultauto Trabant. Die Kunden können damit selbst fahren - aus Spaß oder um eine persönliche Zeitreise zu unternehmen. Untergestellt sind die Autos an einem besonderen Ort.

Wenn Oliver Presch verrät, was er beruflich macht, ist die Reaktion meist gleich. "Und davon kann man leben?", höre er dann immer. Im Frühjahr 2016 entschied sich Presch, hauptberuflich Autos zu vermieten. Nicht irgendwelche Autos - sein Fuhrpark besteht aus sechs Trabant und einem Wartburg.

Anfangs sei das nur ein Hobby gewesen, berichtet er. Er übernahm im Herbst 2012 die Firma mit zwei Trabis vom Vater eines Freundes, dem es zu viel Arbeit wurde. "Ich hatte damals nix mit Trabis am Hut", so der 30-Jährige. Aber für alte Autos habe er sich interessiert und seit seiner Jugend viel geschraubt, erst an Fahrrädern, dann auch an Autos. Seine Freundin habe ihn überredet, die Firma zu übernehmen. Mit der Zeit habe auch er sich an die Idee gewöhnt, wenngleich ihm klar gewesen sei, dass mehr dazu gehört, als ein bisschen schrauben. Anfangs habe er das Geschäft neben seiner 40-Stunden-Woche als Verpackungsmittelmechaniker - "ich habe Wellpappe verarbeitet" - betrieben. "Aber seit Sommer 2015 waren die Tage einfach nicht mehr lang genug", erinnert er sich. Seit April 2016 geht er deshalb aufs Ganze.

Begonnen hat Presch in zwei Doppelgaragen. Doch vor dreieinhalb Jahren konnte er einen ganz besonderen Unterstand mieten - den früheren Bunker der Zivilverteidigung, kurz ZV-Bunker, am Rosenplatz in Bernsdorf. Gebaut wurde der in den 1960er-Jahren. Um ihn auch in Friedenszeiten nutzen zu können, sei der Bunker als Garage angelegt, mit Nischen links und rechts, die so groß sind "wie eine DDR-Regelbau-Garage", sagt er. Trabis passen perfekt hinein. Der Bunker erlangte in Chemnitz Berühmtheit, weil sich darin einige Jahre lang eine Diskothek befand. Mittlerweile ist er gut mit Autos gefüllt. Aktuell stehen dort auch ein grüner und ein gelber Trabant, die Presch verkaufen möchte. Den Winter über habe er das gelbe Modell vollkommen neu aufgebaut. Woher nimmt er, 27 Jahre nach der Wende, die Ersatzteile dafür? Das sei überhaupt kein Problem. In Zwickau und Chemnitz gebe es Ersatzteilhändler, da finde man alles, was das Schrauberherz begehrt. Und tatsächlich sei die Trabi-Szene so groß, dass sich die Nachproduktion für Teile lohne. Und noch etwas kommt heutigen Trabant-Besitzern zugute: Da es in der DDR nur selten das passende Ersatzteil zu kaufen gab, nahmen einige Autofahrer die, die sie kriegen konnten - auch, um später zu tauschen. Er habe von Männern gehört, die jeden Tag im Geschäft fragten, ob es Teile gibt und diese einfach gekauft hätten. "Selbst heute sind noch gigantisch viele Ersatzteile für den Trabant da", sagt der junge Mann. Darüber schüttle er immer wieder den Kopf.

Zu seinen Kunden gehörten viele, die heute so um die 50 sind, berichtet der Unternehmer. Dabei handele es sich um jene Menschen, die in ihrer Jugend einen Trabi hatten. "Sie machen damit ihre eigene Zeitreise", nennt das Presch. Wenn sie das typische Knattern hören und den blauen Dunst der Abgase sehen und riechen, fühlen sie sich in ihre Jugend versetzt.

Dann gebe es Kunden in seinem Alter, die den Trabant zwar noch kennengelernt hätten, aber zu jung waren, um ihn zu fahren. Aber auch ältere Menschen kämen - einfach, weil sie einmal wieder einen Trabi fahren wollen. Und dann gibt es noch eine vierte Kundengruppe: Das sind Menschen, die ihren Besuch aus den alten Bundesländern oder dem Ausland mitbringen. Schon viele Nationalitäten seien bei ihm mitgefahren, sagt Presch. "Ab und an verirrt sich auch mal ein Tourist zu mir", sagt er lächelnd.

Ein besonderer Kunde war 2014 der MDR. Der drehte das Roadmovie "Unser Sommer in der DDR", für den er eine Woche lang mit einem hellblauen Trabant mit weißem Dach aus Preschs Garage in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik unterwegs war. Etappenweise saßen Promis von damals im Auto, darunter Wolfgang Lippert und Ulla Meinecke.

Wer in einem von Preschs Wagen eine Panne hat, kann ihn anrufen und er kommt zum reparieren. Das sei im vergangenen Jahr dreimal vorgekommen, darunter war eine Reifenpanne. Die beiden anderen seien auch binnen weniger Minuten behoben gewesen. Und wohin will er noch mit seiner Autovermietung? Er träumt von Stadtrundfahrten im Trabi, bei denen ein Stadtführer in einem Fahrzeug sitzt und die Fahrer der anderen Wagen über Funk mithören, was er sagt. In anderen Städten gibt es das bereits. In Chemnitz fehlen die Touristen, fürchtet Presch. Eine erste Tour gemeinsam mit der Chemnitzer Tourist-Info gab es aber bereits Ende April.

In Chemnitz sind laut Auskunft der Stadtverwaltung noch 326 Kleinwagen der Marke Trabant zugelassen, 165 von ihnen haben ein Saisonkennzeichen. Außerdem sind noch 103 Wartburgs registriert. Mit einem verklärten Blick auf die "Pappe" könne er nichts anfangen, sagt Presch. Alte Autos generell begeistern ihn, mit einem Trabi zu fahren, mache Spaß. Aber nur auf kurzen Strecken. "Wenn jemand heute noch jeden Meter mit dem Trabi fährt, dann kann ich das nicht nachvollziehen", sagt er. Privat fährt er übrigens einen Audi A4.

Kontakt: Trabant-Vermietung Chemnitz, Telefon 0178 1421422, Rosenplatz 7, www.trabantvermietung-chemnitz.de

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