Der Augenzeuge vom Wenzelsplatz

Claus Märten kaufte für die DDR jahrelang Agrarflugzeuge in der Tschechoslowakei. Eine Dienstreise im August 1968 endet für den Ingenieur mit Kriegsszenen. In Prag erlebt er Weltgeschichte - und die Entfremdung von Freunden.

Seine Liebe zu diesem Land begann mit der gelben Hummel. Sie steht jetzt vor ihm auf dem Gartentisch, das Plastikmodell einer Let Z-37. Čmelák, auf deutsch Hummel, heißt der Agrarflieger, der in der Tschechoslowakei gefertigt wurde. Claus Märten hat im Auftrag der Fluggesellschaft Interflug in den Sechzigerjahren fast 300 Stück der Z-37 für die DDR-Landwirtschaft eingekauft. Im gesamten Ostblock wurden die Maschinen eingesetzt. "Es war das beste Flugzeug, das es damals gab", sagt er.

Claus Märten sitzt auf der Terrasse seines Eigenheims in Thum, in einer grünen Oase im Erzgebirge. Aber in Gedanken ist er in Prag. Wo er als junger Luftfahrttechniker Verkaufsverhandlungen mit der tschechoslowakischen Außenhandelsgesellschaft führte. Wo die Abende auf den Dienstreisen oft in der Lucerna-Bar am Wenzelsplatz endeten. Und wo nach einer einzigen Nacht plötzlich alles anders war. "Ich kenne Prag besser als Berlin oder Dresden", sagt der 83-Jährige. "Es war die schönste Zeit meines Lebens."

Auf einem Balkon am Wenzelsplatz wurde Claus Märten vor 50 Jahren Augenzeuge der Weltgeschichte. Die Bilder jener Tage, als die Freiheit unter den Ketten sowjetischer Panzer starb, hat er bis heute genau im Kopf, minutiös kann er die Ereignisse rekonstruieren.

Es ist Dienstagmorgen, am 20. August 1968, als Claus Märten mit dem Flugzeug von Berlin-Schönefeld nach Prag aufbricht. Neben ihm in der Kabine eine attraktive junge Amerikanerin aus Houston. Die Germanistin hat den Flug heimlich gebucht, entgegen der Warnung ihrer Eltern, in den Ostblock zu reisen. Märten, der 33-jährige Ingenieur aus der DDR, sagt der attraktiven Dame: "Bei uns im Osten können Sie sich ganz beruhigt aufhalten."

Sie verabreden sich für den Abend, wenn seine Gespräche mit der Handelsgesellschaft Omnipol vorüber sind. Bei schönstem Sommerwetter spazieren sie durch Prag. Er zeigt ihr reizvolle Ecken abseits der Haupttouristenrouten, am späten Abend bringt er sie in ihre Unterkunft im Gästehaus der amerikanischen Botschaft auf der Kleinseite am anderen Ufer der Moldau. Gegen Mitternacht geht Claus Märten zu Bett - in einer Privatunterkunft am unteren Ende des Wenzelsplatzes.

Am 21. August wird er gegen halb vier Uhr morgens geweckt. Sein Kollege ist aus der Nachtbar zurück. Die Straßenbeleuchtung ist ausgeschaltet, Funkwagen fahren den Wenzelsplatz hoch und runter. Um vier, halb fünf dann ein Dröhnen in der Luft, eine Kette von Flugzeugen überfliegt die Innenstadt. Den Flughafen haben die Sowjets schon in der Nacht besetzt. "Kurz vor sieben", so erinnert sich Märten, "kam unsere Wirtin heulend ins Zimmer. Sie rief ,Okupace, okupace!'"

Märten und seine Kollegen gehen zur Staatsbank, tauschen ihre gesamten Reiseschecks ein, um genügend Bargeld zu haben. Beim Frühstück im Hotel "Europa" gegenüber ihrer Unterkunft sehen sie, wie Kellner die Flaggen der sozialistischen "Bruderländer" herunterreißen. Und bei Omnipol werden sie schon vom Pförtner abgewiesen: "Die Verhandlungen sind gestoppt", heißt es knapp. Einen der tschechischen Geschäftspartner, mit dem er lange ein freundschaftliches Verhältnis hatte, erlebt Claus Märten plötzlich wie verwandelt: reserviert und abweisend. Den Interflug-Leuten bleibt nichts anderes übrig, als in ihr Quartier zurückzukehren. Vom Balkon des Jugendstilgebäudes aus verfolgen sie die dramatischsten Stunden im Herzen von Prag.

Gegen zehn Uhr morgens fahren die ersten Schützenpanzerwagen den Wenzelsplatz hinunter. "Wir konnten von oben in die Fahrzeuge reinschauen: Der ganze Boden war bedeckt mit Munition, wie ein Messing-Teppich, daneben hockten auf jeder Seite drei junge Soldaten und einer am schweren Maschinengewehr", erinnert sich Märten.

Dann rollen die Panzer. "Am Nationalmuseum ging eine Schießerei los. Die Russen haben die Fassade regelrecht zersiebt." Staubwolken hüllen den Platz ein, rot glühende Querschläger fliegen durch die Luft. Mit Maschinenpistolen schießen Sowjetsoldaten in die Scheiben eines Bankgebäudes. "Da kam die ganze Glasfassade runter."

Eine Viertelstunde lang ist Ruhe, dann wieder Panzer. Die Ketten haben das Pflaster aufgerissen, der Wenzelsplatz ist ein Acker geworden. Menschengruppen an den Straßenrändern, junge Panzerfahrer, die sonst nur im Gelände unterwegs waren, schneiden die Kurven, in panischer Angst springen die Leute zurück. "Eine Frau hat ihren Kinderwagen in letzter Minute vor den Panzerketten weggerissen." Einer der Panzer brennt lichterloh. Am Heck hatten Bauarbeiter die großen Dieselfässer mit Spitzhacken leck geschlagen und angezündet. Märten erzählt: "Über den gesamten Wenzelsplatz zog der Panzer eine brennende Dieselfahne hinter sich her."

Wut und Verzweiflung machen sich breit unter der Bevölkerung in Prag. Ein Koch aus dem Hotel "Europa", ein dicker Tscheche mit Mütze, weißem Hemd, karierter Hose stellt sich auf die Straße und brüllt. Die Panzer kommen direkt auf ihn zugerollt. "Ich habe mir schon die Augen zugehalten", sagt Märten. Im letzten Moment legt der Panzer eine Vollbremsung hin - das Geschützrohr schlägt beinahe auf dem Boden auf. "Der Mann stand einen Meter vor dem Panzer und hat den ganzen Pulk gestoppt. Das war Wahnsinn."

Mindestens 22 Menschen sterben allein an diesem Tag in Prag. Das tschechische Institut für das Studium totalitärer Regime listet die Opfer auf: ein Mann, der aus einem brennenden Haus springt, ein Kunde und die Inhaberin eines Kiosks, den ein Panzer überfährt, ein Eisenbahner auf dem Weg zur Arbeit, auf den ein Sowjetsoldat am Karlsplatz unvermittelt das Feuer eröffnet ...

Die Regierung ruft ihre Bürger zum passiven Widerstand auf. Zeitschriften drucken Sonderausgaben, Flugblätter werden verteilt, in denen die ausländischen Soldaten zum Abzug aufgefordert werden. Noch gibt es Pressefreiheit, doch bald wird es damit vorbei sein. Claus Märten hat diese Dokumente all die Jahre aufbewahrt. "Die Tschechen haben sich vorbildlich verhalten", sagt er. Niemand habe sich zu Gewalttaten hinreißen lassen. "Da wären 1000 Möglichkeiten gewesen, ein richtiges Inferno anzufangen." Die Sowjets, glaubt er, hätten dann erbarmungslos zurückgeschlagen.

Der Aufenthalt der Interflug-Leute in Prag dauert noch weitere vier Tage. Märten und seine Kollegen heften sich die blau-weiß-roten Anstecker der Protestbewegung ans Revers. Doch die Stimmung wird immer aggressiver. Deutsch sprechen sie in der Öffentlichkeit nicht mehr, in Restaurants verweigert man ihnen die Bedienung. Märten will seine Amerikanerin noch einmal wiedersehen, doch alle Moldau-Brücken sind gesperrt. "Der 21. August 1968", so resümiert er, "war für mich das Ende der unbeschwerten Aufenthalte in der Tschechoslowakei."

Ein Zug bringt die Dienstreisenden zusammen mit vielen gestrandeten Urlaubern aus der DDR schließlich nach Ústí nad Labem. Von dort geht es im offenen Lkw auf der Ladefläche bis drei Kilometer vor die Grenze. Auf einer Wiese an der Elbe werden sie ausgeladen, bis nach Schmilka müssen sie laufen - mit dem Koffer in der Hand. Man lässt sie die Verachtung spüren. Es sei viel kaputt gegangen damals im Verhältnis zwischen Ostdeutschen und Tschechen, sagt Märten. "Die Tschechen haben uns nie verziehen, dass wir den Russen so bedingungslos hinterhergelaufen sind. Diese Freundschaft, diese familiäre Atmosphäre ist nie wieder so geworden."

Die Interflug schickt ihn später noch ein paar Mal in die ČSSR. Doch dann kommt auch das Aus für die gelbe Hummel: Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) beschließt, dass die Polen künftig die Agrarflugzeuge für den Ostblock bauen, obwohl die, so Märten, "eine miserable Qualität ablieferten".

Nach der Wende ist Claus Märten ein paar Mal zurückgekehrt nach Prag. Er hat dort die Stätten seiner Jugend besucht, wie er sagt. Und er hat auch den Balkon am Wenzelsplatz wiedergefunden - direkt neben dem Bata-Schuhkaufhaus. Im Jubiläumsjahr packt den 83-Jährigen wieder das Fernweh: "Ich kämpfe mit mir und meinem Alter, da noch mal hinzufahren."

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

Eine Rückkehr in Bildern

Der Fotograf Josef Koudelka wurde mit Aufnahmen vom Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag weltberühmt. Zu seinen ikonischen Bildern - eines ist auf dieser Seite zu sehen - gehört auch das Motiv einer Armbanduhr, die die mittägliche Uhrzeit anzeigt, doch auf dem Wenzelsplatz im Hintergrund herrscht gespenstische Leere. Als 30-Jähriger stürzte er sich damals mit seinem Weitwinkelobjektiv mutig ins Geschehen. Das Kunstgewerbemuseum in Prag, das 2017 nach dreijähriger Renovierung wiedereröffnet wurde, widmet Koudelka nun eine Retrospektive. Für Koudelka ist es eine "Rückkehr", so auch der Name der Ausstellung, denn im Jahr 1970 ging er ins Exil in den Westen. Er wurde Mitglied der berühmten Agentur Magnum, wanderte um die Welt und blieb nirgends länger als drei Monate. Das Museum zeigt neben Motiven aus Prag vom August 1968 auch die fotografischen Anfänge des gelernten Flugzeugmechanikers sowie Aufnahmen vom Leben der Roma-Minderheit in Mittelosteuropa. (dpa)

Die Ausstellung "Koudelka: Návraty" ist bis 23. September im Kunstgewerbemuseum Prag, Ulice 17. listopadu 2 zu sehen. Täglich außer montags, 10 bis 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr. Eintritt: 220 Kronen (8,80 Euro).

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