Der Himmel ist eine Scheibe

Nebra/Halle.

Zum ersten Mal sah Christian-Heinrich Wunderlich die Himmelsscheibe von Nebra 2002 im Landeskriminalamt (LKA) in Magdeburg. "Wir arbeiten öfter mit dem LKA zusammen", erzählt er. "Dort gibt es gute Technik." Wir, damit meint Wunderlich Sachsen-Anhalts Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Dort leitet er die Restaurierungswerkstatt. Spürte er von Anfang an, mit welch einem bedeutenden Fund er es bei der Scheibe zu tun hatte? "Mit Gespür muss man vorsichtig sein", sagt Wunderlich. "Emotionen führen nur dazu, dass man eher auf eine Fälschung hereinfällt." Längst ist klar, dass er und seine Kollegen keinem Fälscher aufgesessen sind.

Auf einem Tisch in seinem Büro liegen dutzende Metallbrocken. Manche glänzen hell wie frisch polierte Olympia-Medaillen. Andere wirken dunkelbraun, grau, schwarz. So verschieden sie aussehen - es ist doch stets Bronze. Eine Legierung, vor allem aus Kupfer, dazu Zinn, manchmal ein wenig Arsen. Die Menschen nutzen das Prinzip seit tausenden von Jahren. Wunderlich hat die Brocken in verschiedenen Mischungen im Schmelzofen der Werkstatt selbst gegossen. Die Patina, die Artefakte wie die Himmelsscheibe heute überzieht, bildete sich erst im Lauf der Jahrhunderte. "Wir wollen wissen, wie Bronze zur Bronzezeit ausgesehen haben könnte", erklärt er. Er ist mit der Scheibe noch immer nicht fertig.

Am 4. Juli 1999 gruben zwei Sondengänger das Stück auf dem Mittelberg bei Nebra im Südosten Sachsen-Anhalts aus. Sie fanden auch Schwerter, Beile, einen Meißel und Schmuck. Mit ihren goldenen Sternen, der Sonnenbarke, der Mondsichel und dem Vollmond wird die Scheibe als älteste bekannte konkrete Himmelsdarstellung eingestuft. Die Schatzsucher ahnten damals nicht wirklich, was sie in den Händen hielten. Sie verhökerten die Artefakte, die rechtlich aber Sachsen-Anhalt gehörten. Das sprach sich herum. Schließlich gelang es Landesarchäologe Harald Meller, als vorgeblicher Kaufinteressent Kontakt zu den Hehlern zu knüpfen, die die Stücke inzwischen erstanden hatten. Beim vereinbarten Treffen in einem Hotel in Basel beschlagnahmte die eingeschaltete Schweizer Polizei die Scheibe und nahm die Verkäufer fest.

Ist die Scheibe echt? Das war die erste Frage, die sich den Forschern stellte. Noch im LKA legte Wunderlich das Metall unters Elektronenmikroskop. Die Patina zeigte sich ihm als natürliche, über Jahrtausende gewachsene Schicht. Ein starkes Indiz auf die Echtheit der Scheibe. Zwar lässt sich Korrosion künstlich beschleunigen. Hunderttausendfach vergrößert sieht die Schicht dann aber ganz anders aus.

Doch wollten die Forscher alle Zweifel beseitigen. Und mehr wissen: Wie und wann wurde die Scheibe gefertigt? Woher stammten die Materialien? Was verrät sie über die Menschen zu vorgeschichtlicher Zeit in Mitteleuropa? Archäometrie heißt die Materialanalyse archäologischer Funde. Eine ihrer Koryphäen: Ernst Pernicka, damals an der TU Bergakademie in Freiberg. Er nahm sich der Scheibe an. Ihm stand ein ganzes Arsenal an Hightechgeräten und -methoden zur Verfügung.

Bei der EDX-Analyse etwa wurden winzige Proben der Oberfläche der Scheibe mit Elektronen beschossen. Das regt Teilchen an, Röntgenstrahlen abzugeben. Da jedes chemische Element ein bestimmtes Spektrum aussendet, konnten die Wissenschaftler nach einzelnen Elementen fahnden. Mittels Röntgendiffraktometer maßen sie dann die Ablenkung von Röntgenstrahlen der Proben und konnten deren Kristallstruktur entschlüsseln. Beides untermauerte die Echtheit der Scheibe.

Ein winziger Schnitt durch die Scheibe offenbarte lang gestreckte Bänder in ihrem Inneren. Man schloss daraus, dass die Bronzescheibe gegossen und dann mit dem Schmiedehammer ausgetrieben wurde. Und zwar kalt geschmiedet und danach erwärmt, um Spannungen aus dem Material zu nehmen. Die Handwerker wussten damals längst genau, was sie taten.

Erkenntnisse lieferte die ICPMS-Analyse - eine Art der Massenspektrometrie, die Auskunft über kleinste Mengen von Elementen sowie Isotopen in einer Probe liefert. Wunderlich spricht von einem metallischen Fingerabdruck. Denn nie liegt ein Metall rein vor, sondern stets finden sich auch Partikel anderer Metalle. Dabei hat jede Lagerstätte einen eigenen Charakter.

So kam Pernicka der Herkunft der Materialien auf die Spur. Zunächst glaubte man an naheliegende Quellen: Kupfer aus dem Mansfeld, Zinn aus dem Erzgebirge. Weit gefehlt. Es zeigte sich, dass das Kupfer aus dem Salzkammergut in Österreich stammte. Dann wurde auch der Fingerabdruck des Zinns gefunden: in einer Lagerstätte in Cornwall im Südwesten Englands.

Eine Überraschung erlebten die Forscher bei der RFA-Untersuchung. RFA steht für Röntgenfluoreszenzanalyse. Röntgenstrahlen regen die Teilchen an, selbst Röntgenstrahlen auszusenden - wie wenn eine Warnweste im Dunkeln leuchtet. Die Methode zeigte, dass das verwendete Gold unterschiedliche Silbergehalte aufwies. So erkannte man, dass die Scheibe mehrmals verändert wurde. Im Röntgenbild zeigt sich, dass einzelne Sterne versetzt worden waren. Mittlerweile gehen die Forscher von drei bis vier Fertigungsphasen aus.

Passen musste die Archäometrie zwar bei der Frage nach dem Alter. Denn um das herauszufinden, ist organisches Material nötig. Davon enthält die Scheibe nichts. Doch ein Umweg führte zum Ziel. An einem der Schwerter fand sich ein Material, das sich als Reste von Birkenrinde entpuppte. Die Analyse ergab: Die Schwerter stammten aus der Zeit von 1600 bis 1500 vor Christus. Da die Scheibe einige Zeit in Gebrauch gewesen sein muss, geht man davon aus, dass sie noch einmal um die 200 Jahre älter sein könnte.

Doch eines hat sie den Forschern noch nicht offenbart: ihr komplettes Innerstes. Wunderlich spricht vom "Knackpunkt". Röntgentomografie heißt die Methode. Dabei wird das Objekt während der Bestrahlung gedreht, so entsteht eine dreidimensionale Aufnahme. "Bei den Schwertern hat das funktioniert", sagt er. Nur bei der Scheibe nicht, da die Röntgenstrahlen bei einem Durchmesser von 32 Zentimetern ab einem bestimmten Bestrahlungswinkel nicht mehr durchkommen.

Wunderlich gibt nicht auf: "Wir diskutieren, ob wir die fehlenden Daten nicht mit mathematischen Methoden errechnen können." Er ist, wie gesagt, mit der Scheibe noch nicht fertig. Denn eines ist ihm immer wieder bestätigt worden: "Jede neue Erkenntnis bringt auch immer wieder neue Fragen."


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