Der Sensenmann kehrt zurück

Dengeln und mähen wie zu Großvaters Zeiten? Es gibt Kurse, in denen man das wieder lernen kann. Ein Selbstversuch.

Auf einer Wiese am Stadtrand von Schkeuditz hat Gunther Rödel sein Klassenzimmer aufgebaut: Dreibeinige Holzhocker mit Ambossen stehen im Kreis, darauf liegen Metallhülsen und Hämmer. In den nächsten Stunden will der 50-Jährige seinen Schülern beibringen, eines der Sensenblätter, die er mitgebracht hat, fachgerecht zu dengeln. Dann erst soll der angenehmere Teil des Unterrichtstags folgen: die Mahd.

Rödel ist zertifizierter Sensenlehrer. Außer ihm machen diesen Job in Deutschland nur ein reichliches Dutzend andere. Während der Sommermonate tingelt der Nebenerwerbsbauer aus Thüringen durchs Land, um interessierten Laien die alten Handwerkstechniken beizubringen. Diesmal hat sein Kurs nur vier Teilnehmer. Neben mir sitzt Günter Pach, 48, aus Leipzig. "Wir haben ein großes Gartengrundstück in der Nähe des Störmthaler Sees", erzählt der Sozialpädagoge. In der Nachbarschaft komme regelmäßig ein älterer Herr mit dem Mofa vorbei, um Gras für seine Hasen zu schneiden. "Der mäht in kürzester Zeit zehn Meter weg. Das sah so aus, als ob es richtig Spaß machen würde." Mit einer geschenkten Baumarktsense probierte es Pach eines Tages selbst - und scheiterte. "Ich habe die Wiese eher umgepflügt." Daraufhin erlosch sein Interesse am Sensenmähen erst einmal. Nun aber will er es richtig lernen, und zwar vom Profi.

Dozent Rödel verwundern derlei Frust-Erlebnisse nicht. "Das schlechteste Material, das man kriegt, ist das billige aus dem Baumarkt", sagt er. Die dort angebotenen Sensenblätter seien zu schwer und zu dick. Das mache das Dengeln unnötig mühsam und zeitaufwendig. Besser seien dünne Sensen aus der Nachkriegszeit, wie sie manchmal noch in heimischen Scheunen zu entdecken seien, so Rödel.

Exakt so ein Sensenblatt liegt jetzt vor mir. "Made in USSR" ist darauf eingestanzt. Stahl aus sowjetischer Produktion sei an der Längsmaserung zu erkennen, erklärt unser Lehrmeister. Um die 70 Zentimeter lange Schneide dünn zu bekommen, soll ich zunächst einen Schlagdengler verwenden. Der besteht aus nichts weiter als einer Metallhülse und einen Zapfen, der im Hackstock vor mir steckt. "Die Sense wird an den Zapfen angelegt, dann kommt die Hülse drauf", erklärt Rödel. "Einfach kräftig draufschlagen und das Sensenblatt langsam vom Bart bis zur Spitze schieben."

Ich hämmere, bis der Arm schmerzt. Doch mit einem Durchgang ist es nicht getan. Nach der gelben Hülse, die eine breite Dengelspur hinterlässt, muss noch mit der roten, schmaleren Hülse weitergedengelt werden. Zur Kontrolle fährt der Sensenlehrer immer wieder mit dem Daumen über die Schneide. Je heller das Geräusch, desto besser. "Alle Stellen, an denen es glänzt, sind noch nicht dünn", moniert er. Ich seufze innerlich und fange an, wieder auf das zähe Material einzuschlagen.

Dengeln ist wahrhaftig eine Kunst. Und sie wird nur noch von wenigen beherrscht. Rödel hat schon gestandene Landwirte in seinen Kursen sitzen gehabt, die es lernen mussten, weil ihnen die Väter zeitlebens sagten: "Komm, Sohn, ich dengel' dir die Sense durch." Er selbst fährt regelmäßig auf Wochenmärkte, um auf Honorarbasis zu dengeln. Zwölf Euro nimmt er pro Blatt. "Wem das zu viel ist, dem sage ich: Komm, probier es selbst!" Damit wäre auch geklärt, wo Rödel, ein Kraftpaket mit sonnengegerbtem Gesicht und kahl rasiertem Schädel, seine Armmuskeln her hat.

Später Vormittag: Noch immer klingt das helle Tack-Tack-Tack der Hammerschläge über die Wiese. Jetzt treibt auch die Sonne den Schweiß. In der benachbarten Kleingartensparte beginnen zwei Benzin-Rasenmäher zu röhren. "Ah, die Konkurrenz", sagt Gunther Rödel. Er verhehlt nicht, wie wenig er von dieser Art der Gartenpflege hält. Wie auch - arbeitet er doch auch als Imker. "Bienen mögen keine Motorgeräusche. Und sie landen nun mal nur auf Blumen, nicht auf zwei Zentimeter kurzem Rasen." Auch andere Insekten profitierten davon, wenn Wiesen erst nach der Blüte gemäht werden, so Rödel.

Nachdem wir noch das Dengeln auf dem steirischen Amboss ausprobiert haben und Gunther Rödel die aus Versehen ins Metall geschlagenen Dellen mit einer Sensenquetsche geglättet hat, ist es gegen Mittag endlich so weit: Das Mähen kann beginnen. Vorher aber muss jeder Schüler noch den passenden Stiel für sein Sensenblatt bekommen. Fachleute nennen dieses Teil Worb. "Ein Sensenworb muss zwischen Kinn und Nase enden, wenn man ihn senkrecht vor sich hin stellt", sagt Rödel. Aber auch die Armlänge spiele eine Rolle. Mäht man also nicht mit leicht angewinkelten Armen? Unser Lehrer schüttelt den Kopf. "Beugen kostet Kraft."

Der Eindruck, den Günter Pach von der Arbeitsweise seines Nachbarn hatte, trügt demnach nicht. Je besser die Technik, desto müheloser das Mähen. "Wichtig ist, dass der Oberkörper gerade bleibt", mahnt Gunther Rödel, als wir auf der Wiese stehen und die ersten Halbkreisschwünge machen. "Die Arme bleiben am Körper! Man mäht nicht mit den Armen! Oberkörper und Hüfte drehen sich immer mit!"

Wenn das Ziel der Übung ist, den vielzitierten "Tanz mit der Sense" zu vollführen, gelingt das noch nicht. Ich neige zur Hüftsteifigkeit. Außerdem beuge ich mich unwillkürlich nach vorn und hebe in der Rückwärtsbewegung das Sensenblatt an, statt es locker übers Gras gleiten zu lassen. Mehrmals unterbricht Rödel, um zu korrigieren.

Immerhin: Die Fläche, auf der kniehoch das Gras steht, schwindet rasch. Alle paar Meter genehmige ich mir eine Pause, um mein Sensenblatt mit dem Wetzstein zu schärfen. Kurz nach 15 Uhr am Nachmittag sind alle Halme gelegt. Günter Pach setzt seinen Strohhut ab. Er sieht zufrieden aus. "Der Kurs hat sich echt gelohnt." Seine nächste Anschaffung werde eine ordentliche Sense sein, sagt er.

Weitere Termine

Weitere Termine für Sensenkurse mit Gunther Rödel in Sachsen: 29./30.07. Oberwiesenthal; 12./13.08. Dresden, 9./10.09. Leipzig. Ein-Tages-Kurse Dengeln/Sensenmähen dauern 6,5 Stunden und kosten 90 Euro.

www.rödelhof.de

www.silvanus.at

 

 

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