Der Unbeirrbare

Chemiker Wolfgang Groß macht sich selbstständig, rettet die Marke Fit und setzt seitdem Trends bei Wasch- und Reinigungsmitteln

HIrschfelde. Die vier Großtanks strahlen in der Nachmittagssonne, die durch das offene Hallentor scheint und dem Raum seine Sterilität nimmt. Sie sind neu, die alten wurden vom Neiße-Hochwasser im vergangenen Jahr aus der Verankerung gerissen, gegen die Decke gedrückt und völlig zerbeult. Ein Großteil der versandfertigen Kisten mit dem Weichspüler Kuschelweich oder dem Spülmittel fit schwamm im Lager. Wolfgang Groß geht sichtlich stolz über die Sanierung durch die Hallen, die Mitarbeiter begrüßen ihn mit Handschlag. "Die Produktion war nur kurzzeitig unterbrochen" Denn der Wettbewerb um Kunden und Innovationen lässt keine längeren Ausfälle zu.

Forschung und Entwicklung sind das Metier von Firmenchef Groß, eine große Portion Neugier mit sein Stammkapital. Der gebürtige Baden-Badener wollte ursprünglich Lehrer werden, studiert deshalb Chemie, Physik und Sport. Sechs Wochen hält er es als Lehrer aus, dann wechselt er in einen ohnehin besser bezahlten und aufregenderen Job in der Industrie. Beim US-amerikanischen Konsumgüterhersteller Procter & Gamble, der unter anderem die Marken Ariel, Lenor und Pampers produziert, steigt er ein.

Zu dieser Zeit hat jedes Land seine eigene Rezeptur für Ariel. Mit der Entwicklung einer speziellen europäischen Formel für das Waschmittel besteht Groß seine Feuertaufe. "Das war spannend", meint er. Und die Arbeits-Atmosphäre ist innovativ, die Mitarbeiter hoch motiviert. Doch in solch einem Konzern gibt es nicht nur spannende Forschungsaufgaben, sondern man muss gleichzeitig Diplomat und Politiker sein, um seine Forschungsergebnisse auch durchzusetzen. Das liegt dem promovierten Chemiker aber nicht so sehr. Und noch etwas anderes stört ihn: Der Konzern entwickelt seine Führungsriege aus den eigenen Reihen - Engländer bevorzugt. Mit den mageren Aussichten auf einen weiteren Karrierekick trennt sich Groß nach vier Jahren von Worms und Procter & Gamble und steigt bei der Firma Benckiser ein. Hier wird gerade umstrukturiert und das passt in seine Pläne. Als Leiter Forschung und Entwicklung reist er um die Welt, optimiert Produktionsabläufe und Qualitätsstandards der Werke. Er ist dabei weltweit viel unterwegs, schätzt es, kulturelle Besonderheiten und andere Mentalitäten kennenzulernen. Doch nach vier Jahren zieht es ihn weiter. "Ich wollte noch etwas mit Marketing machen", begründet Groß. Es funktioniert. Beim Pharma- und Chemiekonzern Ciba Geigy verantwortet er im Bereich Spezialkunststoffe das Marketing. "Ich wurde dabei richtig im Marketing ausgebildet" - ein Fakt, der ihm später noch zugute kommen soll. Doch Ciba Geigy will die Spezialkunststoffe verkaufen, die Gerüchteküche brodelt, die Mitarbeiter leben über ein Jahr lang in Unsicherheit. Auch Wolfgang Groß weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Die Unsicherheit treibt ihn an. "Ich dachte, dass es das Beste wäre, selbstständig zu sein." Die Wende bringt eine gute Möglichkeit dazu. Groß sieht sich einige Firmen an, an Karfreitag 1992 fährt er nach Hirschfelde bei Zittau, wo Fit produziert wird.

Der ostsächsische Ort an der polnischen Grenze ist zu dieser Zeit tief verschneit. Die Postkarten-Idylle motiviert Groß. Diese Wirkung hat der ehemalige Betriebsdirektor nicht, er sieht die Zukunft des Betriebes in einem Management-Buyout. Doch Groß ist begeistert: Das Werk verfügt über moderne Technologien und deshalb will er es kaufen.
Damit beginnt für ihn die einschneidendste Zeit seines Lebens. "Hatte ich ein Hindernis aus dem Weg, waren bereits drei neue da." Denn seine Begeisterung teilen die Banken nicht. Es ist schwer, sie zu überzeugen, dass der Markenname Fit Geld verdienen kann. Eine große Privatbank als quasi letzte Hoffnung testet in einer Blitzumfrage unter Mitarbeitern die Bekanntheit der Marke. "Die Direktoren aus dem Westen kannten Fit natürlich nicht", meint der Firmenchef. Er ist gedanklich wieder in die dramatische Zeit vor 20 Jahren eingetaucht und sein Gesicht nimmt harte Züge an. "Weihnachten war ich ausgepumpt und konnte nicht mehr." Dass er am 30. Dezember 1992 trotzdem Eigentümer wird, verdankt er Managern der Leuna AG, die gute Chancen für den Betrieb des ehemaligen Leuna-Kombinates sehen und mit den Bankern Klartext sprechen.

Doch am Start in die Selbstständigkeit stehen große Hürden. Denn die im Osten neu etablierten westdeutschen Handelsketten wollen die Ost-Marke nicht. Groß kontert mit Innovationen und Zukäufen. "Man braucht als Unternehmen viel Kraft, um am Markt zu bestehen, Innovationskraft", ist sein Motto. In diesem Sinn setzt Fit bundesweit Trends. So bringt das Unternehmen 1997 bundesweit die ersten 3-Phasen Tabs auf den Markt. Dem US-Unternehmen Procter & Gamble werden im Jahr 2000 die bekannten Marken Rei, Rei in der Tube und Sanso abgekauft und in Hirschfelde produziert. Bereits Ende 2000 ist fit die Nummer 3 im gesamtdeutschen Spülmittelmarkt. Als erster Hersteller integrieren die Hirschfelder Glasschutz in Spültabs. 2006 kommen mit den Power Tabs 6in1 die ersten deutschen Spültabs in wasserlöslicher Folie auf den Markt. Mit der Serie "Grüne Kraft" setzt der Hersteller seit 2008 auf Ökologie. Und 2011 scheint für den Unternehmer ein ganz besonderes Jahr zu werden. Er wurde in Sachsen zum "Unternehmer des Jahres" und vier Produkte wurden von den Verbrauchern zu Produkten des Jahres gekürt. Seit 1992 wurden rund 90 Millionen Euro investiert, der Umsatz 2010 betrug 58 Millionen Euro.

Groß wohnt im Dachgeschoss des Fit-Verwaltungsgebäudes und pendelt am Wochenende nach Heidelberg. Das findet er sehr praktisch, weil er sich die Woche über voll auf die Arbeit konzentrieren kann. Vieles hat sich seit 1992 im Unternehmen verändert. Jedoch die seit 1967 produzierte und unverkennbare Fit-Flasche in Form des Roten Turms in Chemnitz ist gleich geblieben. "Man kann sie blind aus dem Geschäft tragen, das ist ein Marketingvorteil von unschätzbarem Wert."

Der Kämpfer Groß ist ruhiger geworden, seine Kraft konzentriert er auf Innovationen und auf die 160 Mitarbeiter. Seine nächste große Aufgabe sieht Groß in der Entwicklung von talentierten Mitarbeitern, die das Zeug zum Geschäftsführer haben und gemeinsam mit seinen Töchtern die Firma weiterführen.

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