Der verrückte Sommer 1968

1968 gärte es in Europa - auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Die Tschechoslowakei war für DDR-Bürger der neue Westen. Und im Westen sympathisierte man mit dem Sozialismus. Gedanken zu einer irren Zeit der Freiheit.

Es war ein verrückter Sommer in jenem Jahr 1968. Ein Sommer, in dem Eltern ihre Kinder im Erzgebirge und Vogtland warnten, in den Wald zu gehen, denn es gab dort "Panzer statt Pilze", wie der Reichenbacher Schriftsteller Utz Rachowski sich erinnert. Ein Sommer voller Hoffnungen und Enttäuschungen - in Ost und West, ein Sommer, in dem sich ein neues Lebensgefühl Ausdruck verschaffte - im Westen mehr als im Osten. Und dennoch gab es Parallelen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs.

Sozialismus, Marxismus - das waren keine Schimpfworte mehr. Die Welt und der Mensch als Ganzes rückten weltweit in den Blickpunkt und nahmen eine ganz neue Dimension an. Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in Asien, Afrika und Südamerika, Forderungen nach einer Demokratisierung der kapitalistischen Wirtschaft, Gemeinwohl vor Eigennutz, es entstanden Kinderläden und Kommunen.

Privateigentum war verpönt - selbst das am eigenen Körper. Die Sexualität befreite sich aus den Zwängen der bürgerlichen Ehe. Kunst und Kultur waren oft Vorreiter, Boten einer besseren Zukunft. Wenn schon nicht alles, so schien doch vieles möglich. Es ist Zeit, schrieb Gaston Salvatore, Weggefährte Rudi Dutschkes, in einem Gedicht, "dass du hinausgehst / dorthin / wo dich dein Schuss erwartet".

Leben war wild und gefährlich, fantasievoll und überraschend. Weltweit. 1959 war die erste sowjetische Untergrundzeitschrift erschienen. 1960 beginnt Niki de Saint Phalle mit ihren Shooting-Performances, 1962 organisiert Simon Vinkenoog das erste Happening in Amsterdam. 1963 erscheint Christa Wolfs "Der geteilte Himmel", Joseph Beuys beginnt, den Kunstbetrieb aufzumischen. Ein Kafka-Kongress 1963 im tschechischen Schloss Liblice, an dem auch Anna Seghers teilnimmt, kündigt den Prager Frühling an. Ebenso der Schriftstellerkongress der ČSSR 1967, auf dem Milan Kundera, Pavel Kohout und andere die Aufhebung der Zensur fordern, zu der es wenige Monate später kommen wird. In die Theater Mittel- und Osteuropas hält das Absurde Einzug - mit Stücken von Daniil Charms, Václav Havel und Slawomir Mrozek. A. R. Penck malt Strichmännchen gegen den sozialistischen Realismus. Wolf Vostell betoniert die Statussymbole Auto und Fernseher ein. Weltweit wird gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Am 4. April 1968 wird Martin Luther King in Memphis, USA, ermordet. Und am 27. Juni 1968 erscheint in der tschechischen Literaturzeitschrift "Literární listy" das "Manifest der 2000 Worte", ein Aufruf zur Demokratisierung in der ČSSR.

In jenem Sommer 1968 gärte es überall, auch in der DDR, wie sich der 1937 geborene Kunstwissenschaftler und Museumspädagoge Paul Thiel erinnert. Die dramatischen Veränderungen im Nachbarland Tschechoslowakei sprachen sich herum. Alexander Dubčeks "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" faszinierte Tausende, auch den damaligen Magdeburger Hermann Bubke. Meinungs-, Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit, das schien unumkehrbar zu sein und gewann zunehmend an Eigendynamik. "In den südlichen und mittleren Bezirken der DDR", so erinnert sich Bubke später, "konnte man diese Entwicklungen in den deutschsprachigen Sendungen von Radio Prag laufend verfolgen. Und so wurde Radio Prag ab April 1968 mein bevorzugter Nachrichtensender. Die Sendungen waren meist aktueller, informativer und auch aufregender als entsprechende Informationen aus den Westmedien. Spätestens ab Anfang Juni 1968 stand daher fest, dass das Reiseziel im bevorstehenden Sommerurlaub nur die Tschechoslowakei sein konnte."

Wie den jungen Maschinenbauingenieur faszinierte viele Bürger der DDR, dass man bei den Nachbarn nun aktuelle westliche Musik und Filme, etwa der französischen Nouvelle Vague, hören und sehen konnte. Auch tschechoslowakische Bands orientierten sich mehr an westlichen Vorbildern, zumal ČSSR-Bürger in jener Zeit auch relativ problemlos ins "kapitalistische Ausland" reisen durften. Von dieser Inspiration zeugen der Sampler "Beat-Line" aus dem Jahr 1968 oder auch die Band Plastic People Of The Universe, die sich in dem Jahr gründete, ihren Namen einem Frank-Zappa-Song entlehnte und psychedelischen Rock spielte.

Deshalb wählten in jenem Sommer viele, vor allem junge Leute, die Tschechoslowakei als Urlaubsreiseziel. Der damals 26-jährige Hermann Bubke, dessen Erinnerungen im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dokumentiert sind, wird im Urlaub vom Einmarsch der "Bruderarmeen" überrascht. Nach der Rückkehr in die DDR soll er gegenüber einem SED-Genossen die Invasion begrüßen, bleibt aber konsequent: "Zu seinem Erstaunen konnte ich nur unterstreichen, dass in der ČSSR eine friedliche Entwicklung in Gang gesetzt und durch die Intervention abrupt zunichte gemacht wurde, so dass eine Distanzierung vom 'Prager Frühling' für meine Person weder jetzt noch zukünftig in Frage käme." Und so wirkte der niedergeschlagene Aufstand weiter.

Rudolf Bahro begann die Arbeit an seinem später berühmten Buch "Die Alternative". Im Gefolge der Hippie-Bewegung und einer Politisierung nicht nur der Pop-Kultur entstanden auch in der DDR Bands wie die Klaus-Renft-Combo, die später für Furore sorgen würden.

Die Versuche, im Osten den Sozialismus zu demokratisieren und im Westen den Kapitalismus abzuschaffen, blieben einander jedoch merkwürdig fremd: Für westdeutsche (Mainstream-) Journalisten waren die Demonstranten im eigenen Land verantwortungslose Revoluzzer, die im Osten Freiheitshelden. Lutz Dammbeck, Filmemacher aus Leipzig, attestiert den 68ern: "Unterm Strich bleibt: Westdeutschland wurde mit Hilfe von '68' modernisiert und für einen globalen Wettbewerb fit gemacht, der das Alltagsleben monetarisierte." Aber auch die westliche Linke hatte ihre Probleme mit den Osteuropäern. So fand etwa Hans Magnus Enzensberger 1968 Dokumente des studentischen Protestes in der ČSSR in ihrer "politischen Substanz dürftig". Das Verlangen nach realer sozialistischer Demokratie werde angedeutet, bleibe aber abstrakt. "Sein Kern ist der Wunsch nach der Herstellung gewisser bürgerlicher Freiheiten, insbesondere nach der Vergrößerung des kulturpolitischen Spielraums." Sinnbild der halbherzigen Demokratisierungsversuche war für Enzensberger etwa eine Demonstration in Prag gegen den Vietnamkrieg der USA, bei der nordvietnamesische Studenten Fahne und Wappen der US-Botschaft abrissen. Tschechische Studenten "griffen ein, brachten die Fahne in Sicherheit und entschuldigten sich beim amerikanischen Botschafter".

Zugleich flogen in dem langen Sommer der Anarchie auch schon die Samen eines neuen Konservatismus, lesenswert dokumentiert in einem aktuellen Buch von Thomas Wagner: "Die Angstmacher: 1968 und die Neuen Rechten". Den 68ern bescheinigt er: "Im Hinblick auf den Kapitalismus, den sie ja überwinden wollten, erreichten sie das genaue Gegenteil. Sie trugen zu seiner Modernisierung bei." Eine Modernisierung und Liberalisierung, die Konservativen bis heute zu weit geht. So zitiert Wagner auch den aus Chemnitz stammenden konservativen Soziologen Helmut Schelsky, der den kritischen Intellektuellen damals vorwarf, "als Meinungsbildner in den Medien eine neue Priesterherrschaft auszuüben", andere sprachen von der "roten Spielart des Faschismus" und wollten die "Reste der bestehenden Ordnung mit allen Mitteln verteidigen".

Doch 1968 schien die Geschichte einen Sinn zu bekommen. Gedanken wie die von Herbert Marcuse zu einer künftigen Gesellschaft, in der die "Anlagen des Menschen im Einklang mit dem Bewusstsein der Freiheit die Befriedung von Mensch und Natur anstreben", in der Leichtfüßigkeit und Spiel, "das Vertrauen in die Rationalität der Phantasie" herrschen, waren in der Welt, und sie sind nicht so leicht wieder zu vertreiben. "Freiheit - das ist, vor nichts und niemandem Angst haben", sang Konstantin Wecker - dieser Traum lebt weiter. Er hat seine Wurzeln auch in jenem Sommer 1968. Und es ist immer noch Zeit hinauszugehen ...

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

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